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Lang im Geschäft, doch neu erfunden

Am Freitag treten Jaël und Ritschi in der Region Basel auf. Im Gespräch erzählen die beiden Berner von ihren langen Erfahrungen im sich wandelnden Schweizer Musikgeschäft.

Wird nächstes Jahr im TV zu sehen sein: Ritschi. Geht 2020 in einer Triobesetzung auf Tournee: Jaël.
Wird nächstes Jahr im TV zu sehen sein: Ritschi. Geht 2020 in einer Triobesetzung auf Tournee: Jaël.
Simon Iannelli & Janosch Abel

Jaël und Ritschi, Sie gehören beide der Berner Musikszene an, die schon lange als die lebendigste der Deutschschweiz gilt…

Ritschi: Es ist schon verrückt. Das Berner Oberland, wo ich herkomme, ist schlicht nicht Teil der Berner Szene. Ich bekomme nichts davon mit, was musikalisch in der Stadt läuft. Und werde auch nie von Künstlern aus Bern für sogenannte Featurings angefragt. Auch wenn die beiden Szenen einander respektieren, ist der Graben zwischen Bern und dem Oberland doch ziemlich gross.

Jaël: Das wusste ich nicht. Selber kriege ich von der Berner Musikszene auch nicht viel mit. Das liegt wohl an meinem Alter und daran, dass ich eh nie viel mit anderen Musikern abgehängt habe. Dafür kann ich mich in Bern auf ein funktionierendes Musikernetzwerk berufen. Wenn ich jemanden brauche, der mir schnell ein paar Backing Vocals einsingt, einen Song mastert oder mir sein Studio kurzfristig zur Verfügung stellt, rufe ich Shirley Grimes, Oli Bösch oder Oli Hartung (von Stop The Shoppers) an.

Wie kommt es, dass Jaël und Ritschi am selben Tag in der Nordwestschweiz auftreten?

Jaël: Um ganz ehrlich zu sein, ist mir diese Tatsache erst aufgefallen, als ich Ihre Anfrage um ein Doppelinterview mit Ritschi bekam. Ein Problem ist diese Terminkollision nur insofern, als dass Ritschi und ich uns mit Simon Britschgi einen Drummer teilen. Nächsten Freitag spielt der aber ganz sicher bei mir.

Ritschi: Heute, da in der Schweiz konzertmässig so viel geht, lassen sich Terminkollisionen kaum noch vermeiden. Und wer bin ich schon, dass ich einem Musiker einen Job verbieten könnte? Zum Glück habe ich einen eingespielten Substitut parat, auf den ich in Gelterkinden zurückgreifen kann. Ganz abgesehen davon, dass ich ein ganz anderes Publikum habe als Jaël. Ich bin eher der laute, zwirblige Typ, während es bei ihr live eher leise zu- und hergeht.

Vermissen Sie als Solisten Ihre alten Bands Lunik beziehungsweise Plüsch, mit denen Sie während der Nullerjahre erfolgreich wurden?

Jaël: Mir geht es heute einiges besser als mit Lunik, wo meine Beziehung mit dem Gitarristen Luk Zimmermann einer der Gründe für die Auflösung war. Trotz einer gewissen Nostalgie gibt es für mich aber keinen Grund, Lunik nachzutrauern. Von den fünf Musikern, die zuletzt bei Lunik dabei waren, spielen heute vier in meiner Band. Dazu kommt, dass ich einige alte Lunik-Stücke im Liveset habe.

Ritschi: Eine gewisse Nostalgie kann ich gut nachvollziehen. Was mir heute fehlt, ist, mit den anderen Jungs von Plüsch unterwegs zu sein und mit ihnen die alten Songs zu spielen. Diese hatten eine ganz besondere Energie, wenn Plüsch sie aufführten. Dafür fühle ich mich als Solo­artist viel freier: Heute kann ich bestimmen, was geht, wo Plüsch doch eine klassische Basisdemokratie waren.

Zusammen mit den Lovebugs und Subzonic ritten Lunik und Plüsch auf einer grossen Schweizer Popwelle mit. Dank Ihnen können Gruppen wie Hecht jetzt das Zürcher Hallenstadion füllen.

Ritschi: Als Plüsch ihren Plattenvertrag bei Sony Music unterschrieben, war ich der Einzige, der mit der Band wirklich erfolgreich sein wollte. Wenn jemand schon eine grosse Platten­produktion finanziert, dann wollte ich schon auch Popstar sein. Anders als ich haben die anderen Bandmitglieder ihre Tagesjobs behalten – weil sie nicht wie ich an den Erfolg mit Plüsch glaubten.

Jaël: Mit der kleinen, aber feinen Musik, die ich heute mache, werde ich sicher nie so erfolgreich sein wie damals mit Lunik. Da mache ich mir keine Illusionen. Heute bin ich keine Newcomerin, die auf den Goodwill der­Radiostationen zählen kann. Ich bin aber auch kein Megastar, den die Sender unbedingt spielen müssen. Wenn ich längerfristig zu einem Nischenprodukt mutiere, ist das für mich OK – solange ich auch mit sechzig noch Alben herausbringen und Konzerte spielen kann.

Wie haben Sie damals die letzten goldenen Jahre der Schweizer Plattenindustrie erlebt, die infolge der Digitalisierung regelrecht zusammenbrach?

Ritschi: Ich konnte diese Entwicklung gar nicht übersehen. Die Angestellten unserer Plattenfirma Sony Music mussten immer kleinere Brötchen backen, in ihren Büroräumen immer enger zusammenrücken und gleichzeitig gegen wachsende Zukunftsängste ankämpfen.

Jaël: Ich erlebe das heutige Musikgeschäft als genauso turbulent wie damals. Als ich 2016 mein erstes Soloalbum «Shuffle the Cards» herausbrachte, glaubte ich zu wissen, wie ich mich in den sozialen Medien präsentieren muss. 2019 ist alles ganz anders. Ich muss meinen Web­auftritt von Grund auf über­denken.

Haben es junge Künstler heute schwerer als damals?

Jaël: Heute müssen Newcomer eine gewisse Netzpräsenz vorweisen, bevor eine Plattenfirma auch nur daran denkt, ihnen einen Vertrag anzubieten. Wenn ich einen Künstler sehe, der in den sozialen Netzwerken um­Likes buhlt, dann weiss ich, dass der gerade in irgendwelchen Verhandlungen steckt.

Ritschi: Seltsam finde ich es, dass Bands, die bei Spotify oder Shazam millionenfach aufgerufen werden, an den Open Airs vor leeren Rängen spielen. Das zeigt doch, wie wenig hohe Klick­zahlen über die Zugkraft einer Band aussagen. Das weiss ich aus eigener Erfahrung. Auch wenn ich mir auf Instagram den Arsch abposte, komme ich höchstens auf 3700 Follower. Dafür kann ich – wie Jaël übrigens auch – darauf zählen, dass die Leute an meine Gigs kommen. Für diese grosse Wertschätzung bin ich nach siebzehn Jahren im Geschäft sehr dankbar.

Erleben Sie es als befreiend, selber nicht auf den sozialen Netzwerken dauerpräsent sein zu müssen?

Ritschi: Als Familienvater gönne ich mir netzfreie Wochenenden, an denen ich nichts poste. Und auch wenn ich mit meiner Band unterwegs bin, gibts von mir ­keine belanglosen Bilder von irgendwelchen Mischpulten zu begutachten. Mir macht es absolut nichts aus, wenn jemand ein Selfie mit mir haben will. Aber selber stelle ich kein Selfie ins Netz, nur weil ich gerade mit Marco Rima arbeite oder zusammen mit Jaël ein Doppelinterview gebe.

Jaël: Wenn ich mit meiner Familie oder in den Ferien bin, gibts von mir auch keine Postings. Komisch wird es nur, wenn ich dann wieder mit meiner Band zusammenkomme und feststellen muss, dass die anderen Musiker schon alle gepostet haben, dass sie mit Jaël im Proberaum stehen. Dann kriege ich schon das Gefühl, dem Zeitgeist hinterherzuhinken.

Was steht als Nächstes bei Ihnen an?

Jaël: Für 2020 habe ich eine Tournee mit rund 35 Gigs in einer Triobesetzung gebucht. Ich hoffe nur, dass Ritschi in dieser Zeit mir keinen meiner Mitmusiker abwirbt (lacht).

Ritschi: Im Frühling bin ich in der Schweizer Version der TV-Show «Sing meinen Song – Das Tauschkonzert» mit Seven, Stefanie Heinzmann, Marc Storace und Steff la Cheffe zu sehen. Und dann stehe ich mit «Io senza te», dem Musical mit den Songs von Peter, Sue & Marc, auf der Thuner Seebühne. Abgesehen davon, dass ich meine Familie irgendwie über die Runden bringen muss, funktioniere ich vor allem nach dem Lustprinzip. Zukünftig möchte ich vermehrt im kleinen Rahmen ohne fixen Ablauf auftreten. Und auch öfter für andere Künstler schreiben: Früher habe ich das Songwriting als notwendiges Übel verstanden, heute habe ich grosse Freude daran.

Jaël: Freizeitzentrum Landauer, Riehen. Bluttrainweg 12, Freitag, 29. November, 19.30 Uhr.www.landauer.ch

Ritschi: Marabu, Gelterkinden. Schulgasse 5, Freitag, 29. November, 20.15 Uhr.www.marabu-bl.ch

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