«Wir Schweizer sind ein wenig zu miesepetrig»

Soziologe Ueli Mäder zum aktuellen Demo-Trend.

Emeritierter Soziologie-Professor Ueli Mäder.

Emeritierter Soziologie-Professor Ueli Mäder.

(Bild: Dominik Plüss)

Nina Jecker

Auf der ganzen Welt gehen gerade wieder Menschen zu verschiedenen Themen auf die Strasse. Gibt es einen globalen Auslöser?
Aktuell ist das klar die Umweltfrage. Diese wurde lange unter dem Deckel gehalten. Viele fühlten sich dadurch animiert, Druck zu machen und das Zepter wieder mehr selbst in die Hand zu nehmen.

Es finden aber nicht nur ­Klimademonstrationen statt.
Ein Thema zieht häufig weitere nach sich. Weil man sich auch die Frage stellt, was die Auslöser der Krise waren und was hilfreich dagegen sein könnte. Dadurch ergeben sich andere Demonstrationen wie aktuell diejenige gegen Konsum.

Sie sprechen von einer Art Dominoeffekt?
Es gibt Wellenbewegungen. Die letzte Häufung war nach der Finanzkrise, als die Occupy-Bewegung entstand. Das ist jeweils nicht nur durch die Thematik bedingt, sondern auch durch einen gewissen Ermunterungseffekt. Wenn man sieht, wie Menschen für ihre Anliegen auf die Strasse gehen und Aufmerksamkeit bekommen, motiviert das, dies ebenfalls zu tun.

Was macht die eine Bewegung erfolgreich, während andere nichts bewirken können?
Es ist realistischer, etwas zu ­verändern, wenn man immer wieder auf ein Problem aufmerksam macht. So wie bei den Anti-AKW-Demos oder den Montagsdemonstrationen in der DDR. Und jetzt eben die Klimademos. Dann ist es wichtig, dass viele Junge dabei sind und dass ein Anliegen breit abgestützt ist. Bei den AKW-Gegnern standen bürgerliche Oberbaselbieter neben linken Aktivisten. Eine solche Durchmischung wird vor allem dann erreicht, wenn ein Thema viele direkt betrifft.

Was braucht es ausserdem, damit sich viele engagieren?
Eine Bewegung sollte friedlich bleiben. Das ist bei den aktuellen Demonstrationen der Fall – bis auf wenige Ausreisser, die ­unverhältnismässig viel Beachtung fanden. Die Klimabewegung an sich ist aber gewaltfrei. Den Eingang der CS zu blockieren ist zwar aufmüpfig, aber nicht gewalttätig.

Viele Menschen ärgern sich aber nicht nur über Gewalt, sondern auch, dass beispielsweise der ÖV lahmgelegt wird.
Ich kenne diese Debatten von meinem Fussball-Stammtisch und bekomme immer wieder den Eindruck, dass wir Schweizer ein bisschen zu miesepetrig sind. Anstatt all das zu sehen, was gut läuft, fokussieren wir uns auf das, was gerade nicht funktioniert.

Aber schadet es einer ­Bewegung nicht, wenn sich so viele über sie ärgern?
Das kann schon sein. Ich bin deshalb dafür, dass Demonstranten Rücksicht nehmen. Es ist nicht nur wichtig, mit der eigenen Botschaft im öffentlichen Raum präsent zu sein, sondern auch, wie diese aufgenommen wird.

Also demonstrieren, ohne jemandem auf die Füsse zu treten?
Eine Demo, über die sich niemand ärgert, gibt es kaum. Es ist eine Gratwanderung. Man sollte sich zwar gut überlegen, wie man etwas vermitteln möchte, aber sich nicht zu sehr hemmen lassen.

Wird die aktuelle Demo-Welle in der Schweiz noch anhalten?
Ja, ich hoffe es. Wobei jetzt auch weitere Schritte wichtig werden, und ich gerade die Jungen nicht mit einer Erwartung von zu grosser Kontinuität belasten möchte. Wir müssen als ganze Gesellschaft den Steilpass aufnehmen.

Basler Zeitung

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