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Ein Serienheld tritt ab

Seit dem 1. Februar 2009 läuft in der BaZ eine Serie mit dem Vorsteher des Bau- und Verkehrsdepartements in der Rolle des Bösewichts. Nun naht das Ende der beliebten «Wessels-Doku-Soap».

Regierungsrat Hans-Peter Wessels tritt auf Ende 2020 zurück. Dann muss die Rolle des «Parkplatz- und Lädeli-Vernichters» und des «Wirtschaftsfeindes» neu besetzt werden.
Regierungsrat Hans-Peter Wessels tritt auf Ende 2020 zurück. Dann muss die Rolle des «Parkplatz- und Lädeli-Vernichters» und des «Wirtschaftsfeindes» neu besetzt werden.
Dominik Plüss

Für die Beliebtheit von TV-Serien gibt es nachvollziehbare Gründe. Eine Kolumnistin (Rubrik Gesellschaftskunde) nennt «das Kontinuierliche» und «ihre Beständigkeit», die offenbar modernen Bedürfnissen entspreche. «Menschen müssen sich schon in so vielen Fragen ihres Lebens auf wechselnde Anforderungen einstellen», erklärt sie einleuchtend, «da bieten die gleichbleibende Szenerie und das wohlbekannte Personal eines Films in wohltuenden Episoden wohltuende Vertrautheit.»

«Lindenstrasse» (1740 Folgen seit 1985), «Der Alte» (427 Folgen seit 1976) «Derrick» (281 Folgen seit 1973), «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» (6890 Folgen seit 1992) oder ­«Marienhof» (4053 Folgen seit 1992) sind dafür auf den deutschsprachigen Kanälen eindrückliche Beispiele. Von «Game of Thrones», «House of Cards» oder «Downtown Abbey» ganz zu schweigen.

Geliebte und verhasste Serien – selbstverständlich immer mit Guten und Bösen bestückt – gibt es unterdessen auch im Printformat. Erinnert sei hier an Michael Bahnerths «Theater im Präsidialdepartement» (Hauptdarstellerin Elisabeth Ackermann) oder «Mein Leben als Stadtpräsident» (Hauptdarsteller Guy Morin). Zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen jeder Serie gehört der Serientod, «das endgültige Entfernen einer Figur (...) aus dem weiterlaufenden Handlungsstrang.» «Damit ist», erläutert Wikipedia, «ein weiteres Auftreten des entsprechenden Darstellers zumeist ausgeschlossen, abgesehen von ­Rückblenden, ähnlichen filmischen Mitteln oder Auftritten in Träumen.» Ein Grund dafür könne der Wunsch des Darstellers sein, aus der Serie auszuscheiden.

Damit sind wir, nach einem längeren, aber unerlässlichen Prolog, endlich bei der «Basler Zeitung» und ihrem Lieblingsopfer angekommen. Seit dem 1. Februar 2009 läuft in zahllosen Episoden die Wessels-Serie mit dem sozialdemokratischen Vorsteher des Bau- und Verkehrsdepartements in der Rolle des Bösewichts.

Seine Rolle muss neu besetzt werden

In einer ersten Besprechung lobte ich die Story als eine spannende Seifenoper: «Es wird allseits intrigiert, gelogen und verletzt. Tausende Fans fiebern mit, egal, wie platt die Dialoge sind, wie vorhersehbar die Handlung und wie billig die Ausstattung ist.» Und wie in der Soap endet die Saga in der Zeitung immer mit einem Cliffhanger. «Wer hat gelogen? Wer wird bedroht? Wann folgt die nächste Klage oder die Gegendarstellung?»

Nun ist das Finale des Dramas absehbar. Regierungsrat Hans-Peter Wessels tritt auf Ende 2020 zurück. Dann muss die Rolle des «Parkplatz- und Lädeli-Vernichters» und des «Wirtschaftsfeindes» neu besetzt werden. Und auch die Journalisten und Leserbriefschreiber, die bisher tagein und tagaus akribisch Parkplätze und Einbahnstrassen, Ampeln, Staus und Baustellen gezählt haben, sollten sich bald ein neues Betätigungsfeld suchen. Die Arbeitgeber- und Gewerbeverbände, die jahrelang die Schuld für jeden Missstand einer einzigen ­Person zuschieben konnten, müssen entweder ein neues Feindbild kreieren oder doch vor ihrer eigenen ­Haustür kehren.

Wie wäre es mit einer Ent-­Barellisierung der Verkehrspolitik und einer Ent-Skandalisierung der Medienberichterstattung?

Am einfachsten hat es noch die Partei von Hans-Peter Wessels. Bei ihr steht ein üppiges Angebot an qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten in den Startlöchern. Die Herausforderungen jedenfalls für alle Beteiligten sind gross.

Es gäbe allerdings eine gute Alter­native: der konsequente Verzicht auf Schwarzweissmalerei und ideo­logische Scheuklappen, eine Ent-­Barellisierung der Verkehrspolitik und eine Ent-Skandalisierung der Medienberichterstattung. Dann müssten auch nicht mehr pausenlos vermeintliche Sündenböcke zur Treibjagd freigegeben werden.

Das würde möglicherweise dazu führen, dass etwa für die Verlagerung eines Gewerbebetriebes nicht immer reflexartig der Baudirektor verantwortlich gemacht würde. Auch enge räumliche Verhältnisse in einer dicht besiedelten 37-Quadratkilometer-Stadt an der Grenze zu zwei Kantonen und Frankreich und Deutschland könnten als eine Ursache infrage kommen.

In unserem Nachbarkanton Basel-Landschaft wechseln ständig ­Gewerbebetriebe – aus den unterschiedlichsten Gründen – ihren Standort. Sie verlassen dann allerdings nicht ihren Kanton, sondern nur die Gemeinde. Entsprechend fehlen dann auch der mediale Aufschrei und die parteipolitisch motivierte Empörungswelle.

Wenn beispielsweise ein bekannter Möbelfabrikant auf Ende 2019 den langjährigen Standort Münchenstein aufgibt und sein Produktionsgebäude mit 35 Mitarbeitern nach Allschwil zügelt und dazu noch einen Showroom mit Café & Bar in der Stadt eröffnet, geschieht das ohne Gezänk und Schuldzuweisungen. Von einer gewerbefeindlichen Gemeinde oder von rot-grünen Autohassern ist nichts zu lesen. Das Ende der beliebten «Wessels-Doku-Soap» mag Drehbuchautoren und Fans gleichermassen schmerzen. Aber wie schon geschrieben: Auftritte in Träumen sind immer noch möglich.

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