Ein Buch über die eigenen, inneren Wunden

Der ehemalige Liestaler Gymnasiallehrer Eduard Höllmüller präsentiert seinen autobiografischen Roman im Dichter- und Stadtmuseum im «Stedtli».

«Seelenwege» ist ein autobiografisches Werk. Es erzählt die Geschichte eines Winterthurer Jungen, dessen Vater beruflich scheitert, von seinem Umfeld ausgegrenzt und von seiner Familie getrennt wird.

«Seelenwege» ist ein autobiografisches Werk. Es erzählt die Geschichte eines Winterthurer Jungen, dessen Vater beruflich scheitert, von seinem Umfeld ausgegrenzt und von seiner Familie getrennt wird.

(Bild: Weltbild)

«Der Einmarsch der Siegertruppen in die Hölle der Konzentrationslager, die Jagd nach dem Che im bolivianischen Dickicht, das sumpfige Ufer des Kongo, wo Mobutus Schergen den Körper Lumumbas zerstückelten.» Mit diesen Worten beschreibt ­Eduard Höllmüller den Umstand, dass ihm «die Schlusszeichen stets näherlagen». Drastisch, ja. Verwundet ebenso.

Es sei sein jüngster Sohn gewesen, der ihn damals aufgefordert habe: «Du, Papa, erzählst du mir mal von deinem Vater?» Damit sprach er eine dieser Wunden an, die tiefste vielleicht. Erzählen vom Vater, vom Grossvater, der im Alter von 50 Jahren, einer Woche und einem Tag in den Freitod ging.

«Einfach mit seiner eigenen Geschichte beginnen», liest Höllmüller aus seinem neu in der deutschen Sprache erschienenen Buch, «Anfänge gaben ihm immer Mühe. Sie waren so schwierig zu finden.» Damit meint er sich, den Protagonisten seines Romans.

Zur Buchvernissage von Eduard Höllmüller (81) sind weit mehr Leserinnen und Leser ins Dichter- und Stadtmuseum Liestal gekommen als erwartet. Der Raum ist übervoll.

Höllmüllers Hölle

Unter den Anwesenden sind viele, die Höllmüller zwischen 1971 und 2001 als Lehrer am Gymnasium Liestal kennen lernten. «Seelenwege» ist der Titel seines autobiografischen Werks. Es erzählt die Geschichte eines Winterthurer Jungen, dessen Vater Philipp beruflich scheitert, von seinem Umfeld ausgegrenzt und von seiner Familie getrennt wird.

Während Mutter Alice nach der Scheidung nach Zürich zieht, um zu arbeiten, ziehen der siebenjährige Eduard und sein jüngerer Bruder Ernst nach Rorschach zur Mutter der Mutter. «Die Grossmutter kannte nur Strenge», schildert Verlagsleiter Fritz Frey eingangs diese neue Lebenssituation, «an den Seelen der beiden Brüder hat sie grosse Verletzungen verursacht.» Höllmüller selbst nennt die Erziehung «preussisch».

Mit zwölf Jahren darf der junge Eduard zu seiner verheirateten, jedoch kinderlosen Tante Lydia nach La-Chaux-de-Fonds ziehen. Aufatmen. Noch heute lebt Eduard Höllmüller im Jura, in Villars-sur-Fontenais. Bruder Ernst, dem der Roman gewidmet ist, bleibt zurück in Rorschach, wird schizophren und folgt dem Vater später unter den Zug.

All diese Beben in seinem Leben lässt Höllmüller an der Vernissage von Liedern begleiten. Er beginnt den Abend mit «O mein Papa» aus dem Musical «Der schwarze Hecht». Später folgen das Beresinalied sowie Yves Duteils Chanson «Prendre un enfant». Wie ein Zeremonienmeister singt Eduard Höllmüller die Strophen vor. Das Publikum folgt ihm. Eine spontane Messe im Dichter- und Stadtmuseum.

Mutter- und Vatersprache

Zum Schluss würdigt Lukas Ott, Basler Stadtentwickler, ehemaliger Liestaler Stadtpräsident und noch früherer Schüler Höllmüllers, die Schrift jenes Mannes, der von sich sagt: «Für das Emotionale habe ich die deutsche Sprache, für das Kulturelle die französische.» Höllmüllers «Seelenwege» sind bereits zuvor in französischer Sprache erschienen, nun in «Vatersprache».

Ott spricht von einem Text über die Irrwege der Seele, «der uns teilnehmen lässt an deinem Zurückdenken an deine unverdaute Kindheit». Entstanden sei ein «sehr persönlicher und sehr berührender» Text. Vor allem aber scheint der Autor, dem die Schlusszeichen stets näherlagen, durch seinen Roman den Anfang seiner eigenen Geschichte wiedergefunden zu haben.

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