Diese Spitalstrategie ist eine Last, kein Geschenk

Im Baselbiet braucht es einen Neubau statt Investitionen in alte Gemäuer.

Ein düsteres Bild: das Kantonsspital in Liestal. Foto: Dominik Plüss

Ein düsteres Bild: das Kantonsspital in Liestal. Foto: Dominik Plüss

Jan Amsler

2007 in einer Messehalle in San ­Francisco. Auf einem Bildschirm, so gross wie eine Hauswand, ist der Satz zu lesen: «I skate to where the puck is ­going to be, not where it has been.» («Ich laufe dorthin, wo der Puck sein wird, nicht dorthin, wo er war.») Vor dem Monitor steht ein strahlender Steve Jobs auf der Bühne. Der ­Computer-Pionier hat nur wenige Sekunden zuvor das erste iPhone vorgestellt.

Das Zitat stammt von Wayne Gretzky, dem grössten Eishockeyspieler aller Zeiten. Jobs sagte, er habe immer versucht, sich nach diesen Worten zu richten. Die Kernaussage Gretzkys: Eine erfolgreiche Strategie orientiert sich an der Zukunft, nicht an der Gegenwart oder gar der Vergangenheit. Heute, zwölf Jahre später, zählt das iPhone noch immer zu den rentabelsten Geräten.

Auch ohne den legendären Center aus Kanada zu kennen, hätten sich die Baselbieter Spitalstrategen an dessen Leitsatz halten müssen. Doch die Spitalstrategie, wie sie der Verwaltungsrat des Kantonsspitals Baselland (KSBL) vorgeschlagen hat und sie der Regierungsrat weiterverfolgen will, widerspricht der Gretzky-Jobs-Taktik diametral. Statt heute das Spital der Zukunft zu planen, wird Geld in die bestehenden Bauten gebuttert, damit diese überlebensfähig bleiben. Hätten die Mobiltelefon-Entwickler in diesem Stil gehandelt, würden wir heute noch in Schwarzweissbildschirme blicken und mit Zahlentasten SMS schreiben.

Vorschlag des Ärzteverbands wird als Träumerei diskreditiert

Das Kantonsspital soll die Standorte Liestal und Bruderholz also behalten und Laufen auf ein ambulantes ­Gesundheitszentrum reduzieren. Der Vorschlag der Ärzteverbände, jetzt einen Neubau auf grüner Wiese zu bauen und die maroden Spitäler aus den 60er- und 70er-Jahren zu schliessen, findet keinen Anklang, er wird gar als Träumerei diskreditiert. Ein ­solches Projekt sei zu diesem Zeitpunkt völlig unrealistisch, sagten am Donnerstag Regierung und Verwaltungsrat.

Mit der jetzigen Strategie hingegen würde nach einer defizitären Anfangsphase ab 2025 pro Jahr ein bescheidener Gewinn von rund zehn Millionen Franken erwirtschaftet. Dadurch soll ein Handlungsspielraum geschaffen werden, der es der nächsten Generation ermöglicht, wiederum eine neue Spitalstrategie zu definieren – allenfalls mit einem Neubau. Doch das wird frühestens in 30 Jahren ein Thema, vorher sollen 400 Millionen Franken in die alten Mauern investiert werden. 400 Millionen übrigens, mit denen gemäss Ärzteverbänden ein Vorzeigespital gebaut werden könnte.

Das Unispital hat die Nase vorne

Was als Geschenk für die nächste Generation verkauft wird, ist in Wahrheit eine Last. Die Gesundheitskosten sollen zwar weniger stark steigen als bisher, doch es kann längerfristig keine Lösung sein, in Basel-Stadt, im Speckgürtel und in Liestal nahezu dieselben Leistungen anzubieten. Die nächste Generation ist mobil und will nicht an den nächstgelegenen Ort, sondern dorthin, wo es das beste Angebot gibt. Das Unispital in Basel hat dabei die Nase vorne.

Wäre der Anreiz für Basel-Stadt, nochmals auf die gescheiterte Fusion zurückzukommen, nicht wesentlich stärker, wenn im Baselbiet plötzlich ein Spital der Zukunft stünde?

Ein Neubau hingegen hätte das Potenzial, dass im Baselbiet künftig qualitativ hochstehende Medizin angeboten würde. Er würde den Standards von morgen entsprechen und könnte architektonisch so angelegt werden, dass die Gefahr der multiresistenten Keime auf ein Minimum reduziert wird. Ein solcher Arbeitsort wäre für Top-Mediziner attraktiv, was wiederum Patienten anlockt. Mit der jetzigen Strategie soll das Kantonsspital fusions- und kooperationsfähig bleiben, sagt die Regierung. Wäre aber der Anreiz für Basel-Stadt, nochmals auf die gescheiterte Fusion zurückzukommen, nicht wesentlich stärker, wenn im Baselbiet plötzlich ein Spital der Zukunft stünde?

Die 150 Millionen hätten früher investiert werden müssen

Kantonsspital-Verwaltungsratspräsidentin Madeleine Stöckli gab am Donnerstag zu, dass eine Neubau-­Variante durchaus tolle Perspektiven geboten hätte. Aber abgesehen davon, dass eine rasche Realisierung politisch kaum durchsetzbar wäre, würde ein solches Unterfangen schlicht zu viel kosten, sagte sie. Verwaltungsrat Philipp Hammel sprach von enormen «Sunk Costs», also versunkenen Kosten. Auch wenn ein Neubau ­geplant würde, müsste man in der Zwischenzeit 150 Millionen Franken in die alten Standorte investieren, damit diese bis zur Eröffnung weiter­betrieben werden können, war zu hören. Dieses Geld wäre verloren, sagte Hammel und streckte die Arme hilflos von sich.

Dabei vergass er: Sunk Costs dürfen bei einem rationalen Entscheid keine Rolle spielen, da sie früher oder später ohnehin angefallen wären. Im Fall des Kantonsspitals ist es so, dass diese 150 Millionen in der Vergangenheit hätten investiert werden müssen. Dann würden nämlich heute im Baselbiet solide Spitäler stehen, die nicht vor dem Kollaps gerettet werden müssten. Die Bauten wären in einem Zustand, der es ermöglichte, die Zeit bis zur Eröffnung eines Neubaus zu überbrücken. Es handelt sich um Geld, das auch bei der gewählten Strategie eingerechnet werden muss, will man in 30 Jahren nicht wieder an demselben Punkt stehen. Auch hier: Hätten die Städter eine Spitalfusion abgelehnt, wenn sie im Baselbiet intakte statt marode Spitäler vorgefunden hätten?

Dass die heutigen Möglichkeiten des Kantonsspitals derart eingeschränkt sind, ist Fehlern in der Vergangenheit geschuldet. Es ist an der Zeit, den Abwärtstrend nicht nur zu verlangsamen, sondern zu beenden. Und uns dorthin zu bewegen, wo der Puck in Zukunft sein wird. Nur so wäre es ein Geschenk an die nächste Generation.

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