Die goldene Kutsche

Dora hatte die Kutsche ganz für sich alleine. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen und das Karussell kam zum Stillstand.

Die Kutsche hob zwischen all den Pferden ab … und schwebte mit Dora davon …

Die Kutsche hob zwischen all den Pferden ab … und schwebte mit Dora davon …

(Bild: Keystone)

-minu

Dora stand vor dem Karussell.

Schwäne tanzten an ihren leuchtenden Augen vorbei. Weisse und schwarze Pferde schwebten an einer goldenen Stange auf und ab.

Und da war auch die goldene Kutsche mit den grossen Rädern.

ALS KIND HATTE DORA STETS DAVON GETRÄUMT, IN DIESER GOLDKUTSCHE SITZEN ZU DÜRFEN.

«Gute Fahrt …», grinste der dunkle Mann mit dem Totenkopf-Tattoo. Er nahm ihren Jeton entgegen.

Langsam setzte sich das Karussell in Bewegung. Die Orgel polterte laut.

STUNDENLANG HATTE DORA NACH DER SCHULE DIESER ORGEL ZUGEHÖRT.

Sie mochte den Jahrmarktsrummel – es war ihre Traumwelt. Eine Welt, die sie allerdings nie richtig berühren konnte. Es fehlte an Geld. Immer.

Als Kind wuchs sie bei Pflegeeltern auf. Jeder Rappen wurde umgedreht. Sie trug die alten Kleider eines ­Nachbarmädchens auf. Dennoch – Dora war nicht unglücklich.

Wenn die Messe den Herbst ankündigte, zog das Mädchen durch die engen Budengassen.

Es schaute zu, wie der dicke Mann hinter dem regenbogenfarbigen Türkenhonig den süssen Block zerhackte. Und es war fasziniert, wie die alte Frau vor dem Metallkübel Zuckerfäden um einen feinen Holzstab zog.

DIE ORGELKLÄNGE ZOGEN DORA DANN MAGISCH ZUM KARUSSELL.

Über den Holzpferden spiegelten riesige Weihnachtskugeln die Lichter wider. In der goldenen Kutsche sassen fröhliche Kinder, die aufgeregt winkten, wenn sie an ihren Eltern vorbeifuhren.

Dora stand alleine da. Manchmal winkte sie den Kindern zu – ganz einfach, um dazuzugehören …

Als junges Mädchen verliebte sie sich in einen Autoverkäufer. Der gab Vollgas. Und jagte mit 100 PS davon, als sie ihm sagte, dass sie schwanger sei.

Sie zog Alice alleine gross. Wieder waren da Geldsorgen. Sie räumte am Tag in einem Supercenter Regale ein. Nachts sortierte sie Briefe auf der Post.

«Weshalb sind wir arm?» – stänkerte Alice, wenn sie ihr keine Fahrt in der «goldenen Kutsche» bezahlen konnte.

«Hör dir einfach die Musik an» – ­lächelte die Mutter.

Die Tochter starb jung an dieser Krankheit, die in den 80er-Jahren wie die Pest ausbrach.

Neben ihrer Arbeit jagte Dora jeden Tag ins Lighthouse. Bis die Kerze auch für Alice angezündet wurde …

Dora wurde krank. Starke Diabetes. Sie wurde arbeitslos. Die Rente reichte kaum zum Überleben. Aber Dora war zu stolz, irgendjemanden um Hilfe zu bitten.

Sie war jetzt 80. Und sie erwartete nicht mehr viel vom Leben.

Dora hatte die Kutsche ganz für sich alleine. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Sie genoss das sanfte Schaukeln.

Eine 50er-Note, die achtlos auf der Strasse lag, hatte es möglich gemacht. 50 FRANKEN!

Keinen Moment hatte Dora daran gedacht, das Geld auf einem Polizeiposten abzugeben.

Sie humpelte über die Messe. Erstmals in ihrem Leben leckte sie vom klebrigen Türkenhonig. Sie zupfte sich Zuckerwatte in den Mund. Und sie kaute ganz langsam ein halbes Pfund von diesen zartweichen Marzipan­kartoffeln, die sie sich nie hatte leisten können.

Dora schaute jetzt zum Karussell-Himmel – in einer der riesigen ­Weihnachtskugeln meinte sie Alice lächeln zu sehen. Sie winkte ihr zu.

Die Kutsche hob zwischen all den Pferden ab … und schwebte mit Dora davon …

Das Karussell kam zum Stillstand. «Noch eine Fahrt, Oma …?», fragte der Mann mit dem tätowierten Totenkopf.

ABER DA KAM KEINE ANTWORT MEHR. DA WAR NUR EIN GLÜCK­LICHES LÄCHELN AUF DEN LIPPEN DER ALTEN FRAU.

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