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Die Dankbarkeit, die aus der Zeit gefallen ist

Pully ist der Ort, wo General Henri Guisan weiter wacht und wo er weiter vergessen wird.

MeinungSerkan Abrecht
Hier liegt ein Militär, kein Zivilist: Das Grab von General Guisan.
Hier liegt ein Militär, kein Zivilist: Das Grab von General Guisan.
Laurent Gillieron, Keystone

Einsam liegt hier ein Käppi in Stein gemeisselt. Es hat einen Lorbeerkranz und darüber einen schmalen Streifen, darunter einen breiten. Auf dem grossen roten, geschliffenen Stein steht: «Nun bleiben drei Dinge übrig: der Glaube, die Hoffnung, die Liebe.» Das Grabmal in Pully gleich ausserhalb von Lausanne steht beim Eingang zum Friedhof. Vergleicht man es mit den anderen Gräbern an diesem Ort, ist es mit Abstand das grösste. Aber es ist weit davon entfernt, ein Monument oder gar ein kleines Mausoleum zu sein.

Viele Mythen kursierten und kursieren

Hier ruht Henri Guisan, General der schweizerischen Armee im Zweiten Weltkrieg. Es ist unüblich für uns Schweizer, dass wir unsere Grabsteine mit dem militärischen Grad versehen. In Frankreich, Österreich oder Deutschland findet man auf älteren Friedhöfen viele Kapitäne und ­Leutnants. In der Schweiz nicht. Es gehört sich nicht – wie vieles in ­diesem kleinen Land –, sich mit ­militärischem Grad zu verewigen. Aber bei Guisan, dem letzten der bisherigen vier Generäle der Schweiz, scheint es fast schon natürlich, dass er hier als General begraben liegt. Hier liegt ein Militär, kein Zivilist. Ein Sinnbild eidgenössischen Patriotismus'. Wie aus der Zeit gefallen.

Es soll hier nicht um die umstrittenen Interpretationen seiner Person gehen. Viele Mythen kursieren und kursierten. Historiker wie Jakob Tanner, Jürg Stüssi-Lauterburg, Hans Ulrich Jost und Willi Gautschi haben in den vergangenen Jahrzehnten über den General debattiert, geschrieben und geforscht, bis Markus Somm mit seinem Werk vor bald zehn Jahren in der Guisan-Debatte wohl den Sack zumachte. Nicht über das Zaungastsein der Armee während der dunkelsten Stunden Europas, der Welt. Nein, es geht hier um mein Erstaunen als aktiver Wehrmann, viele Generationen nach dem Ableben des letzten ­Schweizer Generals, der da ein wenig bibbernd vor Kälte auf diesem kleinen Friedhof beim Lac Léman steht. Ein junger Offizier der Artillerie, derselben Waffengattung, in der auch Guisan diente, mit mulmigem Gefühl im Bauch.

Einen Nimbus wie kein anderer Schweizer vor ihm

Bei uns ist der General kein Thema mehr in der Armee. So fern sind die Zeiten, wo ein solcher benötigt wurde. So fern die Gedanken von einem Erlebnis, wo die Armee Vergleichbares wie im Aktivdienst hätte leisten ­müssen. Man ist froh, dass dem so ist. Man ist froh, dass der General und sein Erbe ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Wie gross das Vergessen ist, zeigt die kleine Stadt Pully. Auch Guisans Anwesen «Verte Rive» steht noch, ist mittlerweile ein Museum, und der grosse Garten, der direkt an den Lac Léman grenzt, ist ein öffent­licher Park. Hier setzen sich Anwohner und Touristen auf den Bänkchen für eine kleine Zwischenverpflegung oder ein gutes Buch hin und geniessen das Seepanorama. Einzig ein kleines Blumenbeet gleich unter der Veranda, wo die Blütenblätter rot und weiss sind und eine kleine Schweizer Fahne darstellen, weist darauf hin, dass hier jemand gelebt hat, der für die Schweizer Geschichte wohl wegweisend war.

Der Mann, der in den Augen vieler Zeitzeugen die Schweiz gerettet hat. Der Mann, dessen Konterfei einst in jeder Stube an der Wand hing. Der Mann, der den historischen Höhepunkt des eidgenössischen Militär­wesens symbolisierte und einen Nimbus hatte wie kein anderer Schweizer vor ihm. Vor fast sechzig Jahren verneigten sich in Pully und Lausanne 300'000 Bürger bei seiner Beerdigung vor «Monsieur le Général». Nun ist Pully der Ort, wo Guisan weiter wacht und wo er weiter vergessen wird.

«Die Dankbarkeit ist kein Gefühl von langer Dauer. Und wenn die öffent­liche Meinung Ihre Verdienste um die Erhaltung der Freiheit des Landes heute noch würdigt, so kann doch diese Anerkennung bald verblassen. Nur in bescheidenem Masse werden Sie mit dem Aktivdienst als einem ­moralischen Kapital rechnen können – so schön und so kostbar Ihre, unsere Erinnerungen an diese Zeit auch sind. Genau genommen zählt dieses Kapital nur für Sie selbst und für Ihre Kameraden», sagte er am letzten Armee­rapport seiner Aktivzeit 1945 in ­Jegenstorf. Er sollte recht behalten.

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