Die alten, bösen Lieder

Die Kulturform des Liederabends ist traditionell, aber nicht tot. Gesang vom jungen Bariton Manuel Walser im Oekolampad.

Mutig bis ins Bassregister: Bariton Manuel Walser.

Mutig bis ins Bassregister: Bariton Manuel Walser.

(Bild: Thomas Walser)

Wenn es nur glückliche Menschen gäbe, gäbe es den Typus des romantischen Kunstliedes und wahrscheinlich auch die romantische Lyrik insgesamt nicht. Denn darin geht es selten um erfülltes Liebesglück und auffallend häufig um «die letzte Lieb’», die so tödlich ist wie eine Herbstzeitlose. Oder um den Schock, wenn der Jüngling mit ansehen muss, wie sein Mädchen mit einem anderen ins Unglück stürzt. «Dem bricht das Herz entzwei», heisst es bei Heine und Schumann, und inzwischen ist das gebrochene Herz ja sogar eine medizinische Kategorie.

Es ist der Stoff, aus dem viele Lieder von Robert Schumann, Sergei Rachmaninow und Richard Strauss sind. Der junge, aus der Ostschweiz stammende Bariton Manuel Walser sang einige von ihnen, partnerschaftlich am Klavier begleitet von Alexander Fleischer. Das Oekolampad bewährte sich als akustisch ausgezeichnete Ersatzspielstätte der Basler Kammermusik-Konzerte. Und der gut besuchte Abend bewies, dass die Kulturform des Liederabends zwar traditionell, aber keineswegs tot ist.

Mutig bis ins Bassregister

Manuel Walser: Das ist ein junger, kraftstrotzender Bariton,der sich mutig ins Bassregister hinabwagt und gern stimmlich herausschleudert, was ihm als Quintessenz eines Liedes erscheint. Da kommen ihm die Erfahrungen als Opernsänger, die er fünf Jahre lang in Wien ge­sammelt hat, zupass. So etwa das «Habe Dank» im Strauss-Lied «Zueignung» oder das flehentliche «Verlass mich nicht!» in einem Rachmaninow-Lied. Wenn Schumann die Erinnerung an seine Geliebte mit dem Bild der Gottesmutter kurzschliesst, kann dieser Manuel Walser aber auch bittere, ambivalente Töne anschlagen, um die Worte Heinrich Heines mit reichlich Pessimismus zu unterfüttern.

Wie Maria ihren Sohn Jesus verloren hat, so ist dem Mädchen ihr Liebhaber abhandengekommen, und keiner weiss, warum. Wahrscheinlich nicht einmal Walser, dieser begnadete Liedgestalter, der im letzten Lied von Schumanns «Dichterliebe» («Die alten, bösen Lieder») mit Grabesstimme seinen Schmerz in einen Sarg versenkt. Stimmlich jederzeit kontrolliert, textlich souverän, gestalterisch intelligent.

Der Sänger konnte sich auf den fabelhaften Klavierbegleiter Alexander Fleischer stützen, der Mittelstimmen als sinnstiftend kenntlich machte, bei Strauss Dissonanzen ans Licht hob («Die Verschwiegenen») und im Schumann-Zyklus die mitleidigen Blumen mit einem bezaubernden Klaviernachspiel grüsste.

Die Reihe Kammermusik Baselsetzt diese Saison einen Schwerpunkt auf den polnischen Kom­ponisten Mieczyslaw Weinberg, dessen Geburtstag sich demnächst zum 100. Mal jährt. Auch den 250. Geburtstag Beethovens lässt man sich nicht entgehen. Neben renommierten Ensembles wie dem Jerusalem-Quartett und Quatuor Ebène sind auch Newcomer in der Reihe zu Gast. Mehr Infos unter: www.kammermusik.org.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt