Halber Jahreslohn eines Legionärs ausgegraben

Mit 293 Münzen entdeckt ein Prospektor der Archäologie Baselland mit einem Metalldedektor mitten im Wald den grössten römischen Silberfund seit dem legendären Silberschatz von Augusta Raurica.

Nach 1726 Jahren in der Walderde ob Pratteln sehen die römischen Silberdenare aus wie neu. Foto: Archäologie BL

Nach 1726 Jahren in der Walderde ob Pratteln sehen die römischen Silberdenare aus wie neu. Foto: Archäologie BL

Niemand hat damit gerechnet, dass ausgerechnet hier, am Abhang des Adlerbergs oberhalb Prattelns, einer der bedeutendsten römischen Silberschätze der Schweiz zum Vorschein kommt, übertroffen nur noch vom legendären Schatz von Kaiseraugst. «Da ist nur Wald, da ist nichts mehr drum herum», erklärt der Baselbieter Kantonsarchäologe Reto Marti gegenüber der BaZ.

Der Fundort liegt in unwegsamem Gelände abseits der bekannten römischen Gutshöfe im Ortskern von Pratteln und beim Industriegebiet Kästeli. Und doch hat der ehrenamtliche Mitarbeiter der Archäologie Baselland, Sacha Schneider, gerade dort im letzten Sommer den Silberschatz entdeckt. «Die Münzen wurden nicht an einer bekannten Fundstelle gefunden, sondern an einem Ort, wo wir als Archäologen kaum hinkommen. Wir sind zumeist in den Bauzonen der ­Gemeinden beschäftigt und mit Notgrabungen ausgelastet», erklärt Marti.

Archäologen alarmiert

Wie aber kam Sacha Schneider mitten in den Wald am Adlerberg? «Für die Gebiete, die wir normalerweise nicht erforschen können, haben wir seit rund zehn Jahren sogenannte Prospektoren. Das sind ehrenamtliche ­Mitarbeiter, die auch mit Metall­detektoren unterwegs sind und für uns die Landschaft erkunden», erklärt Reto Marti. Bei grösseren Funden würden diese Prospektoren dann die Archäologen in Liestal alarmieren, was auch im Fall am Adlerberg geschehen ist.

Die Spezialisten fanden dann schnell heraus, dass der Besitzer der Münzen seine Barschaft spätestens im Jahre 182 nach Christus vergraben haben muss, so der Numismatiker Markus Peter: «Es sind alles Silberdenare. Man kann den Zeitpunkt der Prägung genau datieren. Die jüngsten Münzen wurden während der Amtszeit des Kaisers Commodus in Rom geprägt und haben auf der Rückseite eine Aufzählung der Ämter des Kaisers. Da wir wissen, in welchem Jahr Commodus ein spezifisches Amt innehatte, lassen sich die Denare auf die Jahre 181 oder 182 nach Christus datieren. Da jüngere Münzen völlig fehlen, muss die Deponierung der Denare kurz danach erfolgt sein.»

Aus der Zeit des «Gladiators»

Lucius Aurelius Commodus regierte von 180 bis zu seinem Tod im Jahr 192. Einem allgemeinen Publikum ist er heute bekannt als der verrückte junge Kaiser aus dem Blockbuster-Film «The Gladiator», wo er von Hollywoodstar Joaquin Phoenix eindrücklich verkörpert wird.

Entgegen dem Geschehen im Film war historisch seine Herrschaft eine Friedenszeit. Trotzdem wurden bei Pratteln Silbermünzen mit einem Gesamtgewicht von einem Kilo ­vergraben. Vermutlich wollte der Besitzer einfach seine Barschaft in einem sicheren Versteck aufbewahren. «Da Banken im heutigen Sinn in römischer Zeit noch nicht bekannt waren, war dies nicht ungewöhnlich», so Marti. Warum das kleine Vermögen nie mehr geborgen wurde, sei ebenso wenig eruierbar wie der Wohnort des Münzenbesitzers. Vom römischen Gutshof beim heutigen Dorfkern von Pratteln aus hätte der Verberger aber sein Versteck stets im Blick gehabt.

«Der Münzschatz entspricht etwa dem halben Jahressold eines Legionärs. Die Kaufkraft lässt sich schwer rekonstruieren, da uns für diese Zeit Preisangaben fehlen. Es war eine recht grosse Summe, aber kein grosses Vermögen, mit dem man zum Beispiel einen Gutshof kaufen konnte», so Markus Peter.

Entwertete Münzen

In der Bürgerkriegszeit des dritten Jahrhunderts , als unsere Region zwischen 260 und 273 zum sogenannten Gallischen Sonderreich gehörte, sank der Silber­gehalt der Denare auf unter drei Prozent. Aus dieser Krisenzeit wurden zahlreiche Münzverstecke gefunden. Wer Geld hatte, wollte es damals vor den Kriegsparteien schützen, vergrub es und konnte es dann oft nicht mehr abholen. Vielleicht wurden die Besitzer der jeweiligen Münzen damals Opfer der Kriege.

So sind aus Augusta Raurica elf Münzhorte bekannt. Rund um Muttenz-Feldreben wurden zwischen 1854 und 1966 vier Depots entdeckt mit insgesamt 10'000 Münzen.

Zu hundert Prozent aus Silber

Münzfunde sind zwischen Basel und Frick relativ häufig. 2015 wurden in Ueken im Fricktal 4116 Münzen gefunden, allesamt hundert Jahre jünger als die Münzen von Pratteln und von schlechterer Qualität, was auf die Krise und die Inflation des dritten Jahrhunderts verweist.

Diese kümmerte denjenigen, der sein Geld auf dem Adlerberg versteckte, noch nicht. Damals waren die Denare noch zu hundert Prozent aus Silber und überstanden darum die Zeit im Boden schadlos.

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