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Der Euro-Airport glänzt und ärgert

Flugzeuge sind Dreckschleudern. Wer die Umwelt retten will, muss zahlen. Das Thema Lärm haben die Bosse verschlafen.

MeinungMarcel Rohr
Euro-Airport Basel: Der faszinierendste Verkehrsknotenpunkt der Nordwestschweiz wächst und wächst.
Euro-Airport Basel: Der faszinierendste Verkehrsknotenpunkt der Nordwestschweiz wächst und wächst.
SonntagsZeitung

Abstecher zum faszinierendsten Verkehrsknotenpunkt der Nordwestschweiz, dem Euro-Airport. Die ­Anfahrt mit den ÖV ist eine Qual. Die Buslinie 50 ist wieder einmal völlig überfüllt, die Fahrgäste stolpern über ihre eigenen Koffer.

Meter für Meter schiebt sich die grüne Sardinenbüchse durch den Feierabendverkehr, ab Bahnhof SBB geht es geschlagene 35 Minuten, bis wir endlich ankommen. Im Abendlicht entfaltet der Euro-Airport majestätisch seine Pracht. Im Gegensatz zum verschandelten Hauptbahnhof leuchtet die Abflughalle des Flughafens modern, hell und freundlich.

Doch die Anbindung an die Stadt ist ein einziges Ärgernis, der öffentliche Verkehr eine Zumutung. Abhilfe sollen neue Zugverbindungen ab Basel SBB schaffen. Die Finanzierung von rund 300 Millionen Franken ist gesichert, 2028 rollen hoffentlich die Züge, die Basel nicht nur mit dem Euro-Airport, sondern diesen auch mit Strassburg verbinden. Dieses Angebot ist über­fällig; wer als Passagier aus der ­Restschweiz ab Basel fliegt und mit dem Zug anreist, ist mit den Nerven am Ende, bevor er nur eincheckt.

Bei Easyjet kostet das durchschnittliche Flugticket ungefähr 65 Franken, aber das wollen die Tief- und Nichtflieger aus dem grünen Lager nicht hören

Um 19 Uhr brummt der Flughafen besonders. Die Billigairlines wie Easyjet sammeln nochmals Gäste ein, fliegen los und kehren vor 23 Uhr nach Basel zurück. Flugscham, der viel zitierte Greta-Effekt? Davon ist nichts zu spüren, im Gegenteil. Rund neun Millionen Fluggäste werden es 2019 sein, wieder ein Rekord. «Wir suchen die Passagiere nicht, wir bieten nur Flüge ab Basel an», heisst es achsel­zuckend aus der Direktion.

Nicht zu vergessen: Die Schweiz ist als Tourismusziel hochattraktiv, viele Inder, Amerikaner, Chinesen und Japaner starten und landen in Basel. Auch deshalb platzt der Euro-Airport aus allen Nähten. Hier verdienen 6300 Menschen auf 350 Hektaren Land ihr Geld, er ist der zweitgrösste und wichtigste Arbeitgeber im Elsass.

Vor den Toren Basels werden Luft­brücken, aber keine Luftschlösser gebaut. Der Klimawandel ist längst in der Abflughalle angekommen, die Erderwärmung sorgt für heisse Köpfe in der Führungsetage. Sie leidet unter der aggressiven Marketingstrategie der Billigflugairlines. «Für 19 Franken nach Barcelona!», «Hamburg – ab 31 Franken», ist auf riesigen Plakaten zu lesen. Bei solchen Botschaften gehen lärmgeplagte Flughafenanwohner in Allschwil oder Binningen vor Wut in die Luft, dabei sind diese Werbegags in den meisten Fällen Blödsinn; kein Flieger ist voll mit 19-Franken-Plätzen, wenn er Richtung Barcelona abhebt, höchstens zwei Sitzreihen. Bei Easyjet kostet das durchschnittliche Flugticket ungefähr 65 Franken, aber das wollen die Tief- und Nichtflieger aus dem grünen Lager nicht hören.

SBB verkommt zur Lotterbahn

Interessant ist, dass 80 Prozent der Fluglinien in privatem Besitz sind, während viele Eisenbahnen in Europa – wie auch die SBB – dem Staat ­gehören. Mit dem Geld der Steuer­zahler lässt es sich offenbar gemütlich ins Elend rattern: Die Zuverlässigkeit der SBB ist mittlerweile erschütternd, das Einzige, was regelmässig anzieht, sind die Preise. Unsere Staatsbahn, so scheint es, arbeitet hart an ihrem Image, zur Lotterbahn zu verkommen.

Ganz anders die Leistungsbereitschaft bei den Billigfliegern. Fleissige ­Manager tüfteln Tag und Nacht an der Kostenrechnung, sie schulen das Personal entsprechend und reizen jede Möglichkeit aus, damit sie auch dann noch Geld verdienen, wenn der Gast ausnahmsweise mal für 19 Franken nach Spanien jettet. Ist je mal ein Flug ausgefallen, weil man keine Piloten auftreiben konnte? Was bei den SBB an der Tagesordnung ist, wäre im knallharten Markt der ­Fliegerei undenkbar.

Das Netz der Schweizer Bahn ist ­ungefähr zu 25 Prozent ausgelastet, jenes der Billigflieger zu 80 Prozent, eine hervorragende Quote.

So effizient die fliegenden Kolosse auch sind, so hart die Manager kalkulieren: Flugzeuge sind schlecht für die Umwelt. Das Verbrennen von Kerosin setzt CO2 frei, das sich in der Atmosphäre wie eine Wärmedecke um die Welt spannt. Schätzungsweise eine Milliarde Tonnen CO2 werden pro Jahr durch die Branche freigesetzt.

Das sind zwar nur 3 Prozent aller Emissionen weltweit, doch weil Flugzeuge neben CO2 auch Stickoxide und andere Gase rausblasen, sind sie Dreckschleudern. In dieser Woche wurde bekannt, dass viele Fluglinien ihre Maschinen bewusst mit zu viel ­Kerosin betanken, um am Zielflug­hafen Geld zu sparen. Das belastet die Umwelt zusätzlich und schürt den Verdacht, dass es der Branche nicht um saubere Luft geht, sondern um blanke Geldgier.

Die Flughafenverantwortlichen haben das Thema Lärmschutz in den letzten Jahren verschlafen

Längst sind Ingenieure daran, die Verbrennungsaggregate der Jets weiter zu entgiften, aber zaubern können auch sie nicht. Wer den Flugverkehr einschränken will, muss bereit sein, in die Tasche zu greifen; jede Massnahme zugunsten der Umwelt ist mit einem Preisschild versehen. Grundsätzlich sind die meisten Billette immer noch zu billig auf dem Markt. Mit den Mehreinnahmen – auch eine Ticketsteuer ist in Zukunft wohl zwingend – könnten die Airlines Technologien unterstützen, die Flugzeuge leiser und klimaneutrales Reisen möglich machen.

Keinen Handlungsspielraum bieten die Flugpläne. Sie sind längst ausgereizt. Womit wir beim zweiten grossen Thema wären: der Lärmbelästigung. Tausende von Anwohnern in Allschwil und Binningen kämpfen seit Jahren dagegen an. Sie fordern zwischen 23 Uhr und 6 Uhr morgens eine Nachtruhe, die der Euro-Airport nur selten einhält. Verspätungen am Boden, technische Störungen, verstopfte Slots oder personelle Engpässe bei der Zollabfertigung sorgen in ganz Europa regelmässig für Verspätungen – fast so schlimm wie bei den SBB.

Die Flughafenverantwortlichen haben das Thema Lärmschutz in den letzten Jahren verschlafen. Nun stellen sie sich dem Druck und der Verantwortung. Mit dem Fliegen und dem Lärm ist es halt ein bisschen wie mit vielem im Alltag: Alle wollen lange leben, aber keiner will alt werden. Alle wollen für 19 Franken nach ­Barcelona, aber keiner will das ­Donnern der Trieb­werke hören oder die ­verschmutzte Luft einatmen.

Wer nach Allschwil oder Binningen zieht, weiss, was ihm blüht. Wer schon vor dem Flughafen da war, beisst in die Tischkante und baut auf jene Fachleute, die zugesichert haben, dass die Abflugradien der Flugzeuge optimiert werden. Der Euro-Airport hat in Paris beantragt, die Kurven nach Westen künftig nördlich der Schweizer Grenze zu fliegen; im besten Fall willigen die Behörden im Frühling 2020 ein. Dies wäre eine grosse Erleichterung für die Anwohner. Doch über allem steht die Hoffnung, dass Ingenieure, Forscher und Wissenschaftler neue Technologien entwickeln, die den Planeten vor der Klima­apokalypse bewahren. Die Zeit drängt.

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