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Fortschrittliche Muslime kommen aus der Deckung

Am Sonntag findet ein muslimisch-christlicher Austausch in der Predigerkirche statt. Im März soll der Verein für eine Offene Moschee gegründet werden.

Die Muslimin Jasmin El Sonbati will verkrustete Strukturen im Islam aufbrechen und den Koran liberalisieren. Foto: Felix Gerber
Die Muslimin Jasmin El Sonbati will verkrustete Strukturen im Islam aufbrechen und den Koran liberalisieren. Foto: Felix Gerber

«Wir sind noch eine kleine Gruppe, doch wir werden wachsen», sagt Jasmin El Sonbati. Mit ihren roten Haaren und dem tiefgründigen Lächeln wirkt die schweizerisch-ägyptische Doppelbürgerin wie eine Figur aus «1001 Nacht». Doch die Basler Gymnasiallehrerin will nicht wie ­Scheherazade den König vom Frauen­morden abhalten, sie ­will dem Islam zur Offenheit ­verhelfen.

«Es geht auch um eine Neuinterpretation des Korans», sagt sie. Dafür setzt sie sich ein und initiiert Veranstaltungen. So wird sie am Sonntag im Rahmen eines interreligiösen muslimisch-christlichen Austausches in der Predigerkirche sprechen. Und im März gründet sie mit einer kleinen Gruppe Gleich­gesinnter den Verein Offene Moschee Schweiz.

Weg mit alten Zöpfen

Die zentralen Forderungen: In der Moschee sollen die Geschlechter nicht mehr getrennt sitezen. Oder Frauen in zweitklassigen Räumen Frauen hinter den Männern sitzen müssen. Und die Gruppe strebt eine zeitgemässe Interpretation des Korans sowie eine kritische Auseinandersetzung mit den Texten an. «Inhalte, die nicht mehr gültig sind, sind tote Materie. Davon muss man sich verabschieden», sagt El Sonbati. Dies seien beispielsweise Kapitel mit drastischen Strafen, Polygamie oder Diskriminierung, wie etwa dass sich Frauen nicht scheiden lassen können. Auch sei das Erbschaftsgesetz überholt, das Frauen nur halb so viel Erbe wie ihren Brüdern zuspricht.

Jasmin El Sonbati ist bewusst, dass sich eine solche Veränderung nicht übers Knie brechen lässt. Doch es sei eine dringend notwendige. Schliesslich beherrschen immer noch die konservativen und fundamentalistischen Muslime die öffentliche Wahrnehmung. Jetzt gehe es darum, Diversität aufzuzeigen, um zu vermeiden, dass Muslime stets mit Hasspredigern gleichgesetzt würden.

Fesseln sprengen

Die grösste Herausforderung ist, interessierte Muslime zu erreichen. Denn die überwiegende Mehrheit geht hin und wieder in die Moschee, ist jedoch politisch und religiös nicht sonderlich ­engagiert.

Unter den Aktivistinnen ist Elham Manea, eine jemenitisch-schweizerische Politologin und Autorin. Sie ist Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen säkularen liberalen Islam steht. Mit dabei ist auch der 32-jährige Islam­experte und Buchautor Kerem Adigüzel, der ebenfalls den Islam reformieren und den Frauen in den Moscheen das Recht zum Vorbeten ermöglichen will.

Sie alle wollen die Fesseln der verkrusteten Traditionen sprengen. Möglich wird das nicht zuletzt durch den christkatholischen Pfarrer Michael Bangert, der die Begegnung und das Beten am Sonntag gerne mit den Muslimen gestaltet. Es sei ja auch in der Bibliothek der Predigerkirche eine der ältesten Abschriften des Korans in Europa gefunden worden. Dieser gemeinsame Anlass sei ein spirituelles Experiment. Doch eines, das er gerne eingehe. «Da sich unser Kirchengebäude nach dem Sonnenstand der Wintersonnenwende orientiert, fällt ­es uns auch leicht, die Stühle Richtung Mekka auszurichten.» Überhaupt, er freue sich darauf, dass in seiner Kirche dem Islam mit Fairness, Anstand und auf Augenhöhe begegnet werden könne.

Es ist ein Anfang – in kleinen Schritten. Das stört El Sonbati nicht: «Ich vergleiche es stets mit den literarischen Salons in Paris, wo über den Absolutismus und Religionsthemen diskutiert wurde. Die Autoren wurden von der Geheimpolizei verfolgt», sagt sie. Auch dort hätten sich die neuen Ideen nur zögerlich verbreitet. «Doch es war ein Aufbruch. Ich sehe unsere Bewegung in diesem Stadium.»

Und immer wieder gibt es kleine Lichtblicke: «Eine Türkin, die gemeinsam mit ihrem Mann einen Quartierladen betreibt, hat mich gebeten, sie zu informieren, wenn wieder was läuft.» Dann lässt sie sich im Stuhl zurückgleiten, ihr Blick schweift über den Meret-Oppenheim-Platz, und sie sagt: «Welch ein Geschenk, in der Schweiz leben zu können. Hier haben wir das Recht auf freies Denken.»

«Begegnen. Sprechen. Beten. Muslimisch-christlicher ­Austausch» mit Pfarrer Michael Bangert und Jasmin El Sonbati. Sonntag, 17. November um 17 Uhr in der Predigerkirche, Totentanz 19, Basel.

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