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Französische Jasskarten sind mir ein Graus

Wie viel schöner sind doch Rosen, Eicheln, Schellen und Schilten statt dieser merkwürdigen kleinen Symbole, die man ständig verwechselt.

Zuoberst thront das Rosen-Ass – für immer ungeschlagen in seiner Anmut, ein wahrhaftiges Ass eben. Foto: Katrin Hauser
Zuoberst thront das Rosen-Ass – für immer ungeschlagen in seiner Anmut, ein wahrhaftiges Ass eben. Foto: Katrin Hauser

Als ich vor einiger Zeit meinem Jassclub in der Joha-Bar beitrat, fing alles ganz vielversprechend an. Die Leute waren lustig, die Stimmung ausgelassen, das Bier wartete bereits auf dem Tisch. Es gab nur ein Problem: Die Jasskarten waren französisch.

Aufgewachsen in der Ostschweiz und jass-sozialisiert durch Grosseltern aus dem Glarnerland, stellte mich dies vor eine gewaltige Herausforderung. Französische Jasskarten brauchen wir in unseren Breitengraden höchstens für Spiele wie «Scala 40», «Rommé» oder vielleicht noch «Tschau Sepp». Kinderspiele. Wer erwachsen ist, jasst mit Schweizer Karten.

Da sass ich nun also in einer Bar am Rheinknie – in unmittelbarer Nähe zu dem Land, das für die grässlichen Karten verantwortlich ist – und zermürbte mein diagonales Gegenüber, weil ich dauernd Ecke und Herz verwechselte. Mit diesen winzigen Symbolen ist das ja auch kein Wunder! Sind französische Jasskarten eigentlich als Werbemassnahme für ein Brillengeschäft entstanden?, fragte ich mich zunehmend frustriert. Werden sie vielleicht auch als «Sehtest zum Selbstmachen» verkauft?

Wie sehr wünschte ich mir doch die guten alten Rosen, Schellen, Eicheln und Schilten zurück. So verschieden in ihrer Form, so klar zu unterscheiden in ihrer Farbenpracht, so absolut einzigartig. Während ich also immer wieder die falsche Karte ablegte und sie unter grösster Scham auswechseln musste – eine Todsünde beim Jassen –, sehnten sich meine Spielpartner wohl in die Zeit zurück, als die Frauenquote im Jassclub noch null betrug.

Wo ist denn der Ober?

Ecke und Herz waren nicht mein einziges Problem. Ich suchte auch ständig nach dem Ober. Unter, Ober, König, Ass. Diese Hierarchie wurde mir im Alter von sechs Jahren eingeimpft. Und jetzt hockt da auf einmal eine Dame zwischen all den Herren. Feminismus in allen Ehren, aber die gehört da einfach nicht hin.

Der Rang der Dame unter dem König ist heutzutage politisch ausserdem bestimmt nicht mehr haltbar. Wo bleiben die Juso-Präsidentinnen? Wie konnten sich die patriarchalen französischen Jasskarten so lange vor deren Verbotswahn verstecken? Wo bleibt das Frauenset und die Karten ohne Geschlecht? Ja, und wo ist eigentlich die SVP? Franzosen sind ja schliesslich Ausländer, dann sind es deren Fabrikate ja wohl auch. Kann man die nicht einfach zurück ins Elsass abschieben?

Beim Schieben wurde mein Ober-Problem dann übrigens zum regelrechten Nachteil, weil ich die Stöcke nicht erkennen konnte. Ein Stock fehlte immer. Der Ober-Stock selbstverständlich.

Und wie gut sie erst riechen

Weil ehrlicher Frust heutzutage ja keinen Wert mehr besitzt, alle ständig an ihrer Ausgeglichenheit arbeiten und «lösungsorientiert handeln», fasste ich mir ein Herz und kaufte ein Set Schweizer Karten für den Jassclub.

Da sitze ich nun, und bewundere mein Kartenset. Wie hübsch sie doch sind. Zuoberst thront das Rosen-Ass – für immer ungeschlagen in seiner Anmut, ein wahrhaftiges Ass eben. Und wie gut die Karten doch riechen! Sie gehören zu diesen Dingen, an denen man «erriechen» kann, wie neu sie sind. Wie bei Büchern. Oder Wandfarbe.

Das «Neue» hat diesen leicht chemischen, oft papierenen und irgendwie sterilen Geruch. Der ist einerseits beruhigend, weil er die Abwesenheit von Bakterien suggeriert, kann aber auch unangenehm sein. Frisch gedruckte Prospekte aus dem Reisebüro zum Beispiel beissen einem mit ihrer Neuheit fast schon in die Nase. Nicht so das eben gekaufte Set Jasskarten. Es duftet einfach nur himmlisch ungebraucht.

Und wie sie sich erst anfühlen: keine Eselsohren, kein Schokoladenfleck von Weihnachten 2016, kein Falt, keine gelblich angelaufenen, eingedellten Ränder. Stattdessen flutschen sie einem geradezu durch die Finger beim Mischeln und wenn man das Blatt erstmal in den Händen hält, will der Bauer nur so heraushüpfen, um sich das Nell zu schnappen. Zwei Karten weiter zittert das Rosen-Ass geradezu vor Vorfreude, mit dem nächsten Stich ein fettes Banner einzuheimsen.

Als ich dem Chef des Jassclubs von meinem Einkauf berichte, ist er ganz angetan. Er würde gerne mit den Schweizer Karten spielen, meint er. Die Basler Offenheit ist wirklich bewundernswert. Ich schäme mich fast ein bisschen.

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