Auf diesen Arealen erfindet sich Basel neu

Der Rückzug der Industrie ist eine städtebauliche Chance für den Stadtstaat. Riesige Areale können in den nächsten Jahren umgestaltet werden.

Auf neun Transformations-Arealen, so gross wie etwa 160 Fussballfelder, werden  private und staatliche Investoren tätig werden. Foto: Stadtmodell (BVD Basel-Stadt)

Auf neun Transformations-Arealen, so gross wie etwa 160 Fussballfelder, werden private und staatliche Investoren tätig werden. Foto: Stadtmodell (BVD Basel-Stadt)

Martin Furrer

Vielen Baslern entfährt ein tiefer Seufzer, wenn Presslufthämmer die Luft erzittern lassen, Bauabschrankungen die Trottoirs versperren und sich Gruben auftun, die einen zu verschlingen drohen. Überall wird gebohrt, gemeisselt, gewerkelt, gebaut. Hört denn das nie auf?

Manch einer wünscht sich vielleicht insgeheim, in Basel gäbe es Regierungsräte wie einst die Zürcher SP-Stadträtin Ursula Koch. Die Vorsteherin des Hochbaudepartements wurde 1986 mit ihrem trotzigen «Zürich ist gebaut!» zur Hoffnungsträgerin für viele lärmgeplagte Einwohner. Die freuten sich, nun würden Bagger und Kräne abziehen und es werde endlich Ruhe einkehren – für immer und ewig.

Ein Glücksfall

Doch Ursula Koch war falsch verstanden worden. Sie hatte nie die Absicht, den Status quo zu betonieren. Ihr Satz lautete, unverkürzt wiedergegeben: «Die Stadt ist gebaut. Sie muss nicht neu, sondern umgebaut werden.»

Was damals für Zürich gegolten haben mag, lässt sich heute auf Basel übertragen. Der Stadtstaat, mit seinen 37 Quadratkilometern der flächenmässig kleinste Kanton der Schweiz, stösst überall an Kantons- und Landesgrenzen: im Norden, Osten, Süden und Westen. Das behindert ihn in seiner Entwicklung.

Wenn die Prognosen der Politiker stimmen, dürften bis 2035 gegen 20000 neue Einwohner nach Basel ziehen und 30000 zusätzliche Arbeitsplätze nötig werden. Die Bevölkerung wächst, das Territorium aber bleibt beschränkt. Ein Glücksfall deshalb, dass mit dem Freiwerden von ehemaligen Industriegeländen bald riesige neue Areale zur Verfügung stehen werden. Sie bieten Raum fürs Wohnen, fürs Gewerbe und für Dienstleister. 113 Hektaren sind es insgesamt – das entspricht einer Fläche von rund 160 Fussballfeldern.

Neue Hochhäuser

Planer sehen das als «historische Chance», Basel ein neues Gesicht zu geben. Ganze Quartiere werden sich verändern, neue Hochhäuser in den Himmel wachsen.

Hört denn das nie auf? Jede Stadt ist ein Organismus. Verzichtet sie darauf, sich zu verändern, ist sie – tot.

1 Westfeld (Felix-Platter-Areal)

Visualisierung: wohnen&mehr

Aktueller Zustand Bis vor kurzem befand sich auf dem Gelände das Felix-Platter-Spital.

Was entsteht neu? Auf einem Teil des Areals ist ein Spital für Altersmedizin mit 280 Betten entstanden. Im alten Spital und auf dem restlichen Areal entstehen 500 Wohnungen.

Wer baut? Die Baugenossenschaft «wohnen & mehr» hat das Areal im Baurecht übernommen. Sie möchte ab 2022 mit der Vermietung der ersten Wohnungen beginnen.

Bewertung Der Innenhof soll ein Ort der Begegnung werden. Ob die Bewohner das schätzen und nutzen werden, wird sich zeigen.

2 Volta Nord/ Lysbüchel

Grafik: BVD Basel-Stadt

Aktueller Zustand Das Lysbüchel war ein reines Gewerbe- und Industrieareal. Am 28.11.2018 machten die Basler in einer Abstimmung den Weg frei für eine Überbauung.

Was entsteht neu? Geplant ist eine Mischnutzung mit Wohnungen für 2000 Einwohner, davon ein Drittel Genossenschaftswohnungen, ausserdem bis 3000 Arbeitsplätze und eine Primarschule.

Wer baut? Die Architekten sind noch nicht bekannt. Das Grundstück gehört den SBB und der Stadt.

Bewertung Das laute Gewerbe befürchtet, verdrängt zu werden. Nachbarschaftskonflikte wegen Lärm und anderen Immissionen sind programmiert.

3 Klybeck/Kleinhüningen

Visualisierung: Diener Architekten

Aktueller Zustand Novartis und BASF haben ihr Areal im Klybeck an private Investoren verkauft. Der Kleinhüninger Westquai steht für Zwischennutzungen zur Verfügung.

Was entsteht neu? Geplant sind Wohn- und Hochhäuser, ein Stadtpark, neue Rheinbrücken, eine Uferpromenade und eine neue Tramverbindung.

Wer baut? Das Konzept stammt vom italienischen Architekten Vittorio Magnago Lampugnani, der auch den Novartis-Campus entworfen hat.

Bewertung Der Verein «Zukunft Klybeck» befürchtet, sozial schwache Mieter könnten verdrängt werden. Er fordert Mitsprache.

4 Rosental

Luftaufnahme (Situation heute): BVD Basel-Stadt

Aktueller Zustand Das Rosental zwischen Messe und Badischem Bahnhof ist eines der ältesten Chemie-Areale. Einst wurden dort Textilfarbstoffe hergestellt. Der Agrarkonzern Syngenta hatte dort seinen Hauptsitz. Der Kanton hat ihm das Areal 2016 abgekauft. Syngenta bleibt noch etwa zehn Jahre lang Mieterin.

Was entsteht neu? Auf dem Gelände sollen primär Firmen angesiedelt werden.

Wer baut? Das ist noch offen.

Bewertung Es besteht vor allem die Chance, neue Firmen und damit neue Steuerzahler anzusiedeln.

5 Roche-Areal

Visualisierung: F. Hoffmann La-Roche AG

Aktueller Zustand Büro- und Laborgebäude der Roche wurden ab 1939 nach Plänen des Architekten Otto R. Salvisberg erstellt.

Was entsteht neu? Anstelle des Verwaltungsbaus an der Ecke Grenzacher-/Peter-Rot-Strasse entsteht ein neues Forschungszentrum mit Büro- und Laborgebäuden. Zudem wächst ein zweiter Turm in den Himmel. Er wird bei seiner Vollendung 2022 mit 205 Metern das höchste Bürohochhaus der Schweiz sein.

Wer baut? Herzog & de Meuron.

Bewertung Roche investiert drei Milliarden Franken – ein wuchtiges Bekenntnis zum Standort Basel. Die Anwohner im Wettsteinquartier leiden trotz grosser Rücksichtnahme durch Roche jahrelang unter dem Baulärm.

6 Wolf

Visualisierung: PONNIE Images

Aktueller Zustand Auf dem Areal des Güterbahnhofs Wolf befindet sich unter anderem ein Containerterminal der Firma SBB Cargo.

Was entsteht neu? Auf dem Nordteil zwischen Schienenfeld und St.-Jakobs-Strasse entsteht das Quartier «Wolf Basel». Geplant sind 550 Wohnungen sowie Geschäfte, Restaurants, Büro- und Gewerbeflächen.

Wer baut? Das Richtprojekt entstand auf Basis von Vorschlägen der Architekten Christ & Gantenbein und des Zürcher Architekturbüros EM2N.

Bewertung Wie bei Volta Nord/Lysbüchel könnte der Mix von Gewerbe und Mietern zu Konflikten führen. Der Lärm der nahen Autobahn könnte belastend sein.

7 Walkeweg

Skizze: BVD Basel-Stadt

Aktueller Zustand Auf einer Fläche, die rund acht Fussballfeldern entspricht, stehen heute Freizeitgärten. Das Gelände gehört der Einwohnergemeinde Basel-Stadt.

Was entsteht neu? Der Kanton will ab 2022 preisgünstige und energiesparende Wohnungen für 700 Menschen sowie eine Primarschule erstellen. Die heutige Asylunterkunft nahe des Wolfgottesackers bleibt bis 2026 bestehen.

Wer baut? Das Siegerprojekt haben die Architekten Camponovo Baumgartner aus Zürich entworfen.

Bewertung Das unwirtliche Gebiet könnte städtebaulich aufgewertet werden. Für die Schrebergärtner ist es ein Verlust.

8 Dreispitz Nord

Visualisierung: Herzog & de Meuron

Aktueller Zustand Das Areal gehört der Christoph-Merian-Stiftung (CMS). Die Migros als Hauptnutzerin belegt das Areal mit dem M-Park, dem Obi-Baumarkt und einem Parkhaus sowie Parkplätzen.

Was entsteht neu? Drei bis zu 160 Meter hohe Wohntürme sind geplant. Der OBI-Baumarkt wird in den M-Park integriert; auf dessen Dach entsteht ein Dachgarten. Die Parkplätze sollen in eine Tiefgarage verlegt werden. Die Migros investiert 800 Millionen Franken.

Wer baut? Herzog & de Meuron.

Bewertung Die Wohntürme werden zu reden geben. Die sozial tätige CMS will mit dem Projekt eine bessere Bewirtschaftung ihres Immobilienbesitzes erreichen. Davon profitiert ganz Basel.

9 Nauentor

Skizze: www.nauentor.ch

Aktueller Zustand Die Post hat ihr Betriebsgebäude Basel 2 im Jahr 1980 bezogen. Weil sie neue Verteilzentren in der Schweiz gebaut hat, stehen Räume leer.

Was entsteht neu? Das im Volksmund «Rostbalken» genannte Gebäude soll bis auf das gleisüberspannende Trägergeschoss abgetragen werden. Das neue «Nauentor» ist als dreigeschossige Konstruktion mit öffentlichem Durchgang und Zugängen zu den Bahnperrons geplant. In drei neuen Hochhäusern sollen 400 Wohnungen erstellt werden.

Wer baut? Der Bebauungsplan stammt vom Basler Architekturbüro Morger Partner.

Bewertung Das Gundeli wird von einer besseren Anbindung an die Stadt profitieren.

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