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Achtung, Achtung: Das soll Kunst sein!

«The Lighthouse» mit Willem Dafoe und Robert Pattinson ist ein Zweipersonenstück, das an den eigenen Erwartungen scheitert.

Vier Wochen alleine auf einer Insel im Atlantik stehen Winslow (Robert Pattinson) und Wake (Willem Dafoe) bevor.
Vier Wochen alleine auf einer Insel im Atlantik stehen Winslow (Robert Pattinson) und Wake (Willem Dafoe) bevor.

Die Werbung ist vorbei. Die Vorfilme auch. Es kann losgehen. Die ersten Bilder flackern über die Leinwand und nehmen nur einen Bruchteil derselben ein. Statt die ganze Breite zu nutzen, ist das Bildformat beinahe quadratisch. Es handelt sich um ein altmodisches Bildverhältnis von 1,19:1. Dies und die Entscheidung, alles in Schwarzweiss zu tunken sowie beim Filmen in den Innenräumen auf Kunstlicht zu verzichten, senden ein Signal aus, stark und unmissverständlich: Wir sehen Kunst.

«The Lighthouse» von Robert Eggers ist durchdrungen mit dem Willen, grossartig zu sein, sich vom Durchschnitt abzuheben, ein Leuchtturm zu sein in der Welt des Films. Nicht nur die erwähnten Äusserlichkeiten sprechen dafür, es gibt auch andere, deutliche Hinweise: Dafoe wurde offenbar angehalten, in einem Dialekt zu reden, der stark nach Irisch oder Schottisch klingt, aber nicht wirklich nach Maine, obwohl die Geschichte rund um die zwei Männer, die auf einer vorgelagerten Insel vier Wochen am Stück Dienst in einem Leuchtturm tun, dort angesiedelt wurde.

Möwen und Meerjungfrauen

Und in die Geschichte fliesst viel Mythologie ein. Mit Liebreiz und nackten Brüsten lockende Meerjungfrauen kommen darin vor. Möwen, die Fleisch aus dem Leib eines Lebenden reissen, auch. Beim Prometheus, was für eine wilde Idee! Stetig heult das Nebelhorn einen tiefen Klagelaut in die Nacht, ein Sirenen­gesang sondergleichen, oh Odysseus, und diese Soundkulisse ist eigentlich das Unheimlichste an der ganzen Sache.

Der alte, erfahrene Seebär Tom Wake (Dafoe) und sein junger Gehülfe Ephraim Winslow (Pattinson) sind weiss Gott ein seltsames Paar, das stimmt. Wake klein, despotisch und dem Alkohol verfallen, Winslow gross, hager und mit stets stoischer Miene, auch wenn er mit einer Schubkarre Kohle durch einen Sturm transportieren muss.

Eine riesige Enttäuschung

Sie reden nicht viel miteinander. Und wenn, dann kanzelt Wake Winslow ab, knechtet ihn, demütigt ihn, verlacht ihn, furzt. Um nichts in der Welt lässt er Winslow hoch in die Kanzel des Leuchtturms. Nur er hat den Schlüssel zum Licht, und die Falltür abzuschliessen, ist ihm stets ein grosses Anliegen.

Dass das zwischen den beiden kein gutes Ende nehmen kann, man ahnt es sofort. Und spätestens als man sieht, wie Wake sich nächtens jeweils nackt neben die grosse, starke Lampe im Turm stellt und sich selbst befriedigt, wird klar: Auf diesem isoliert und abgelegenen Stückchen Granit im rauen Atlantik lauert der Wahnsinn und wartet nur darauf, zuschlagen zu können.

Mag der Film auch in Maine spielen, mag er auch auf Geschichten von Sarah Orne Jewett (1849–1909) fussen, die in Maine lebte und heute vor allem dort noch bekannt ist – vor allem wegen «Country of Pointed Firs» –, so hat sich Eggers doch entschlossen, im noch nördlicher gelegenen Nova Scotia zu drehen; also in Kanada. Extra hat man dort einen Leuchtturm errichtet, als gäbe es in Maine nicht genügend, die sich bestens geeignet hätten.

Was ist «The Lighthouse»? Ein Horrorfilm? Ein Film über das langsame Abgleiten in den Wahnsinn? Darf man ihn ernsthaft mit deutschem Expressionismus vergleichen? Ach was, Seemannsgarn, all das. Dieser Film ist das Experiment eines ambitionierten Filmemachers, für das er zwei gute bis sehr gute Schauspieler hat gewinnen können, das aber letztlich nichts anderes ist als eine riesige Enttäuschung.

Wahnsinn, dass manche Filmfreaks ernsthaft meinen, dies sei Oscar-Material!

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