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Gemeindewahlen in FrankreichColmar hat genug von dem Silberrücken

25 Jahre lang regierte Gilbert Meyer (78) die elsässische Stadt. Er klammerte sich fast bis zuletzt an die Macht. Doch die Wähler und selbst Parteifreunde haben ihm nun einen Denkzettel verpasst.

Gilbert Meyer regierte 25 lang in Colmar, hier zu sehen anlässlich einer Gedenkzeremonie im Jahr 2018 zum Ende des 1. Weltkriegs.
Gilbert Meyer regierte 25 lang in Colmar, hier zu sehen anlässlich einer Gedenkzeremonie im Jahr 2018 zum Ende des 1. Weltkriegs.
Foto: facebook.com/gilbertmeyerofficiel

Kaum eine andere französische Institution bringt so viele Sesselkleber hervor wie das Bürgermeisteramt. Während ein neu gewählter Staatspräsident den Stuhl spätestens nach zwei Amtszeiten wieder räumen muss, gibt es auf Gemeindeebene keine solche Beschränkung. Zudem finden Kommunalwahlen nur alle sechs Jahre statt – Zeit genug, um sich mit der Gemeindeverwaltung vertraut zu machen und Schlüsselpositionen mit Gesinnungsgenossen zu besetzen. Nicht selten werden dann kurz vor den nächsten Wahlen zwecks Image-Pflege neue Blumenbeete aufgestellt oder Renovationsarbeiten in der Stadt abgeschlossen; es ist statistisch erwiesen, dass die öffentlichen Ausgaben im Jahr vor einer Wahl jeweils erheblich steigen.

Doch das politische System in Frankreich bringt nicht nur kleine Sonnenkönige hervor, sondern ist auch für Palastrevolutionen gut, wie der jüngste Wahlgang in Colmar zeigt. Die Bastion der Bürgerlichen war seit 1995 in der Hand von Gilbert Meyer (Les Républicains). Bei seiner letzten Wahl im Jahr 2014 hatte der Maire in Aussicht gestellt, 2020 nicht mehr anzutreten und neuen Kräften das Feld zu überlassen. Bereits machten sich Parteikolleginnen und -kollegen Hoffnungen, es gab eine erste Kandidatur eines Parteimitglieds.

Schlingerkurs des Maire

Aber dann überlegte es sich der Silberrücken doch anders: Er fühle sich trotz seines fortgeschrittenen Alters von fast 80 Jahren erstaunlich gut bei Kräften, erklärte Meyer, und strebe daher eine fünfte Legislatur an. Er habe dabei das Wohl der elsässischen Stadt im Blick, beteuerte er.

Meyers konservative Anhängerschaft jubelte, doch einige Parteifreunde und viele Colmarer hatten genug von ihm. Éric Straumann (55), ein bürgerlicher Rivale Meyers, mochte dem Schlingerkurs des Bürgermeisters nicht folgen und lancierte eine Kampfkandidatur. Die Hoffnungen vieler Wähler – auch solcher aus dem linken Spektrum und der Mitte – konzentrierten sich nun auf ihn; Hauptsache, man wurde Meyer los.

Prompt verwies Straumann den altgedienten Maire beim ersten Wahlgang im letzten März auf den zweiten Platz. Der Vorsprung war indes nicht eklatant (37,5 Stimmenanteil gegenüber 32,5), und Meyer war weit davon entfernt aufzugeben: Er wollte gegen Straumann in der Stichwahl antreten. Diese wurde allerdings wegen der Corona-Krise bis auf weiteres verschoben.

Die Kräfte des 78-jährigen Bürgermeisters liessen in der Zwischenzeit merklich nach: Einige Wochen nach dem ersten Wahlgang, Anfang Mai, musste er wegen Herzproblemen ins Spital eingeliefert werden. Auch auf dem Spitalbett wollte Meyer seine Wahlliste «Colmar, passionnément avec Gilbert» nicht aufgeben, sondern eine Wunschkandidatin ins Rennen schicken. Damit vergraulte er wiederum einen anderen Parteifreund, der sich Hoffnungen gemacht hatte. Erst einige Wochen und heftige parteiinterne Querelen später zog der Doyen die Liste zurück und gab eine Empfehlung für den bürgerlichen «Parteifreund» Straumann ab.

Dieser setzte sich nun bei der Stichwahl am Sonntag mit 63,9 Prozent gegen den grünen Gegenkandidaten Frédéric Hilbert (36,1 Prozent) durch. Das sieht auf den ersten Blick nach einem klaren Sieg aus, doch der frisch gewählte Maire kann mit dem Resultat nicht ganz zufrieden sein: Die Wahlbeteiligung war mit 30,6 Prozent sehr niedrig, viele Leute blieben zu Hause: Sei es wegen der Corona-Lage (Maskenpflicht), sei es, weil mancher bürgerlicher Wähler über den parteiinternen Knatsch verärgert ist.

Nicht nur Colmar ist und bleibt bürgerlich dominiert, sondern auch viele andere elsässische Gemeinden wie Mulhouse und Saint-Louis. Die aktuelle Erfolgswelle der französischen Grünen, die neu in Grossstädten wie Lyon und Bordeaux den Maire stellen, machte sich im Elsass lediglich an einem Ort richtig bemerkbar: Fortan wird Strassburg grün regiert, namentlich von der 39-jährigen Jeanne Barseghian. Der Rest der Region hält mehrheitlich den rechten Parteien und Bündnissen die Stange.