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Wohlfühl-Film mit LernfaktorChinesisch kochen mit Kaurismäki

Wir erfahren einiges über die Gepflogenheiten in der finnischen Provinz. Vor allem aber lernen wir im schrägen Film des Bruders von Kultregisseur Aki Kaurismäki fünf Dinge über die chinesische Küche.

Suppen können heilen – davon kann Master Cheng (Chu Pak Hong) Wirtin Sirrka (Anna-Maija Tuokko) ziemlich schnell überzeugen.
Suppen können heilen – davon kann Master Cheng (Chu Pak Hong) Wirtin Sirrka (Anna-Maija Tuokko) ziemlich schnell überzeugen.
Foto: PD

Schon wieder gibt es Würstchen in brauner Sauce, dazu pampiger Kartoffelbrei. Was die Restaurantbesitzerin Sirrka (Anna-Maija Tuokko) ihren Stammgästen auftischt, essen diese wohl vor allem aus Gewohnheit. Und mangels Alternativen.

Alles ändert, als im lappländischen Niemandsland plötzlich Master Cheng (Chu Pak Hong) auftaucht. Der ist, wie man bald erfährt, begnadeter Koch und auf der Suche nach einem «Mister Fongtron». Fongtron? Von dem hat weder Sirrka noch einer ihrer Kunden je gehört. Ebenso wenig wissen sie über die fernöstliche Küche, die der chinesische Chef den Finnen bald schon auftischt. Denn aus unersichtlichem Grund verschlägt es auch eine chinesische Reisegruppe ins gleiche finnische Kaff. Und die wollen partout keine Würstchen essen, weswegen Cheng bald schon am Herd steht…

Die Story, die uns Mika Kaurismäki (der Bruder des bekannteren Aki) im Film «Master Cheng» serviert, ist vielleicht etwas an den Haaren herbeigezogen, oder freundlicher gesagt: schräg – sie überzeugt dennoch mit ihrer Leichtfüssigkeit und ihrem Humor. Hinzu kommen zärtlich-melancholische Landschaftsbilder und natürlich eine gesunde Portion finnischer Tango.

Man könnte es einen «Wohlfühl-Film» nennen, der uns nicht zuletzt Gelegenheit gibt, gleich noch ein paar Dinge über die chinesische Küche zu lernen:

Chinesische Küche sucht nach Gleichgewicht

Anders als bei den Würstchen in brauner Sauce, die einzig dazu da sind, den Hunger zu stillen, seien «Farbe, Geschmack und Wirkung in der traditionellen chinesischen Küche im Gleichgewicht», erklärt Küchenchef Cheng einer Gruppe finnischer Schüler, die ihn in der Küche besuchen. Was damit gemeint sein könnte, formuliert Sirrka etwas bodenständiger: Dass sei so wie mit Yin und Yang, so wie mit«süss und sauer». Und spielt damit an auf das bekannte Gericht mit Huhn, knalloranger Sauce und Ananas, so wie es vor allem in Chinarestaurants des Westens oft gegessen wird.

Essen ist immer auch Medizin

Bald schon stehen die Frauen des Dorfes bei Cheng Schlange – denn es hat sich herumgesprochen, dass seine Suppe ganz hervorragend gegen Menstruationbeschwerden hilft. Tatsächlich hat die Idee, dass Nahrung zugleich Medizin ist, in China eine lange Tradition. Schon 1330, in der Yuan-Dynastie, verfasste der Hofarzt Hu Sihui das Werk «Das Prinzip der richtigen Ernährung». Rund 200 Kräutersuppen sind darin rezeptiert, die gegen verschiedenste Gebrechen helfen.

Verbreitet ist die Ansicht, dass Chinesen (gerade in der Provinz Kanton) alles essen, was schwimmt, fliegt oder vier Beine hat.

Milch gehört nicht ins Essen

Die Lehrerin, die mit den erwähnten Kindern vorbeikommt, ist gegenüber der unbekannten Kochkunst skeptisch. Einige Schüler essen kein Fleisch, sagt sie, einige seien allergisch auf Gluten und auf Laktose. Master Cheng ist schlagfertig und betont, dass Reisnudeln glutenfrei seien. Dass in der chinesischen Küche keine Milch verwendet werde. Und dass «ganz viel Gemüse» auf den Tisch komme.

Rentier wird in China doch nicht verspeist

Verbreitet ist die Ansicht, dass Chinesen (gerade wenn sie aus der Provinz Kanton kommen) alles essen, was schwimmt, fliegt oder vier Beine hat – ausser U-Booten, Flugzeugen und Tischen. Dass dem offensichtlich nicht so ist, illustriert Küchenchef Cheng, weil er ziemlich überrascht wirkt, als Sirrka ihm im Wald ein Rentier zeigt und erklärt, dass dieses Tier in Finnland gern im Kochtopf lande.

Beim Essen geht es ums Zwischenmenschliche

Die Sauna ist in Finnland mehr als nur Wellness. Ebenso verhält es sich in China mit dem Essen: Wer sich zusammen zu Tisch setzt, tut dies nicht nur der Nahrungsaufnahme wegen. Mindestens so wichtig ist der soziale Kontakt als «Ausdruck von Liebe und Respekt», wie es etwa die Autoren Kei Lum Chan und Didora Fong Chan in ihrem Kochbuch «China» formulieren (erschienen im Phaidon-Verlag). So könne, schreiben sie weiter, die sorgfältige Zubereitung eines Gerichts mehr Zuneigung verraten als eine Umarmung oder ein Kuss.

Wen wunderts da, dass auch Sirrka bald zu spüren bekommt, dass Liebe durch den Magen geht?

Kinostart: 20. August 2020