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Leben nach CoronaChina kontrolliert bis vor die eigene Haustür

In Peking ist das Leben dank strenger Kontrollen wieder fast wie vor der Pandemie. China-Korrespondentin Lea Deuber zeigt, warum die Massnahmen trotz Überwachung von der Bevölkerung akzeptiert werden. Ein fast normaler Alltag – im Video.

Sogar vor ihrer eigenen Haustür wird China-Korrespondentin Lea Deuber von einem Wachmann kontrolliert und muss an einem Gerät ihre Körpertemperatur messen lassen.
Video: Adrian Panholzer

Reisen von Zürich nach Genf nur noch mit einem negativen Corona-Test? Was in der Schweiz undenkbar scheint, ist in China Alltag. Und gerade jetzt, wo das chinesische Neujahrsfest gefeiert wird, würden normalerweise wieder Millionen von Menschen quer durchs Land zu ihren Familien reisen. Untersagt hat die chinesische Regierung diese Reisen 2021 zwar nicht. Aber die dafür benötigten Dokumente und Covid-Tests sind so teuer, dass nur wenige Chinesen die Reise auch antreten können.

Zusätzlich verlangen viele Firmen von ihren Angestellten bei ihrer Rückkehr, dass sie sich in Quarantäne begeben, bevor sie wieder arbeiten dürfen: «Dieser Verdienstausfall ist vielen zu gross. Zudem könnten sie bei lokalen Ausbrüchen auch plötzlich bei ihren Familien in Quarantäne festsitzen», sagt Deuber.

Das erlebte auch Korrespondentin Lea Deuber, als sie vor einigen Tagen per Flugzeug von Peking nach Guangzhou reiste: Ohne negativen Corona-Test durfte man am Gate das Flugzeug gar nicht erst besteigen. Und auch nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt sind die Vorschriften streng. In Quarantäne muss Deuber zwar nicht, «aber ich muss mich innert 14 Tagen zwei weiteren PCR-Tests unterziehen, ständig meine Temperatur messen, und es ist mir verboten, Partys oder Hochzeiten zu besuchen».

«Die Chinesen halten Europa für verrückt»

Letzteres hat mit der strikten Zero-Covid-Strategie der chinesischen Regierung zu tun. Jeder Fall wird verfolgt. Sobald in einem Quartier oder einer Region auch nur vereinzelt Fälle auftreten, wird die dortige Bevölkerung – teils Millionen von Menschen – konsequent durchgetestet. So geschehen in Peking Ende Januar. Bei grossflächigeren Ausbrüchen greift die Regierung noch rigoroser durch: Vergangenen Monat wurden in der Provinz Hubei im Norden Chinas mehrere Städte von der Aussenwelt abgeriegelt.

«Die Massnahmen sind drastisch, aber in den Augen der meisten Chinesen sind sie richtig», sagt Deuber. Denn die Konsequenz davon ist, dass man ein Leben führen kann, das sich kaum von dem vor der Pandemie unterscheidet: «Die Chinesen halten die Europäer für verrückt, dass sie bei den Todeszahlen in ihren Ländern nicht härter durchgreifen.»

Kontrolle bis vor die Haustür

Gleichzeitig würden wohl viele Europäer die Kontrollen in China als zu starken Eingriff in die eigene Privatsphäre empfinden. Vor dem Einkaufszentrum, im Café und sogar vor dem eigenen Hauseingang muss man Temperaturchecks über sich ergehen lassen oder mit einer Corona-App QR-Codes scannen. Wird man positiv getestet, werden die eigenen Daten sogar im Internet veröffentlicht. Im Video gibt Lea Deuber einen Einblick in ihren Alltag in Peking.

Obwohl die Mehrheit der Chinesen die Massnahmen unterstützt, sind viele besorgt, dass die strikten Kontrollen über die Pandemie hinaus anhalten. So könnten die obligatorischen Tracing-Apps langfristig vor allem dem Repressionsapparat der Regierung nützen und die ohnehin schon beschränkten Freiheiten der Bevölkerung noch stärker beschneiden. Das vor allem auch deshalb, weil ein eigentliches Ende der Pandemie auch in China nicht absehbar ist. Zwar hat das Land eigene Impfstoffe entwickelt und zugelassen, «aber an mindestens einem gibt es Zweifel darüber, ob er auch wirksam ist», sagt Deuber. Schätzungen von Experten rechnen sogar erst gegen Ende 2022 mit einer grossflächigen Immunität im Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern.

73 Kommentare
    Dietmar Hund

    Es ist anzunehmen, dass die chinesischen Führungsspitzen den Roman 1984 von Georg Orwell auf dem Nachttisch liegen haben. Ich glaube nicht, dass der berühmte Autor die Verwirklichung seiner Zukunftsvisionen tatsächlich wollte, aber in China ist sein Roman zur Bibel geworden.