Zum Hauptinhalt springen

Von Kopf bis Fuss: TV-HochzeitenBrautalarm!

Kurz vor der Hochzeit werden plötzlich auch Nicht-Romantikerinnen zu Perfektionistinnen. Warum bloss? Ein Erklärungsversuch.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Bräute beim jährlichen Bridezilla-Wettrennen in New York. Die Siegerin gewinnt 25’000 Dollar.
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Bräute beim jährlichen Bridezilla-Wettrennen in New York. Die Siegerin gewinnt 25’000 Dollar.
Foto: Reuters

Sie brechen in (Freuden-)Tränen aus, beginnen zu hyperventilieren oder verfallen in Schockstarre. Der Grund dieser heftigen Gefühlsregungen ist simpel: Das perfekte Brautkleid, ein Schleier plus Tiara genügen, um aus modernen, bodenständigen Frauen schockverliebte Teenager zu machen.

Wer das nicht glaubt, dem sei die Sendung «Zwischen Tüll und Tränen» auf Vox empfohlen. Dort finden von Montag bis Freitag immer um 17 Uhr diese unglaublichen Verwandlungen statt. Oder man schaut auf Youtube die unzähligen Episoden von «Say Yes to the Dress», dem Vorbild für die Sendung auf dem deutschen Privatsender. Aber Achtung: Suchtgefahr!

Das Konzept der Sendungen ist einfach: Drei angehende Bräute gehen mit einem Tross von Freundinnen, (Schwieger-)Müttern, Omas und manchmal auch Vätern und Opas auf die Pirsch nach ihrem Hochzeitskleid. In den Brautmodeläden werden sie von Verkäuferinnen oder Verkäufern beraten. Damit der Erkennungseffekt gegeben ist, sind es immer die gleichen vier bis fünf Shops mit immer den gleichen Angestellten oder Inhabern.

Was dann losgeht, ist grosses Kino. Neckereien oder gar Streitereien zwischen der Braut und ihrer Entourage; Diskussionen darüber, ob die ausgewählten Kleider nun zu viel Dekolleté zeigen, das jeweilige Hinterteil oder den Busen zu stark oder zu wenig betonen, die Figur nicht optimal in Szene setzen oder einfach zu dick, zu billig oder zu was auch immer machen. Das alles bietet beste Unterhaltung. Aber natürlich gibt es auch jede Menge Hühnerhaut, Schluchzer und Umarmungen zu sehen. Kurz: Der Tanz ums goldene Kalb oder besser gesagt um das perfekte Brautkleid nimmt ziemlich obsessive Züge an.

Kristalle, Perlen und Glitzer

Was besonders auffällt: Eigentlich kommen viele Frauen mit dem Wunsch nach einem schlichten Kleid ohne zu viel Bling-Bling ins Brautmodegeschäft. Doch kaum haben sie einen Blick auf die Kleiderträume aus Seide, Satin und Spitze geworfen, beginnt bei den meisten der Vorsatz nach einem schlichten Look zu schmelzen wie Butter an der Sonne. Plötzlich können die Roben nicht üppig genug mit Kristallen, Perlen und Glitzer geschmückt sein. Und stehen die Bräute in spe dann in ihrer opulenten Robe vor dem Spiegel, bleibt oft kein Auge mehr trocken.

Und nein, es sind nicht nur die unverbesserlichen Romantikerinnen, die diesem Jungmädchentraum erliegen. Frauen jeglichen Alters, Bildungsstandes und verschiedenster Herkunft werden schwach, wenn es darum geht, für den angeblich schönsten Tag im Leben aus dem Vollen zu schöpfen.

«Das Zelebrieren der weiblichen Schönheit steht am Hochzeitstag im Mittelpunkt», sagt Heike Klopsch, Beraterin für Liebesfragen. «Und viele Frauen haben den Wunsch, für einen Tag in die Rolle der Prinzessin zu schlüpfen und einmal die Schönste zu sein.» Dafür bietet die Hochzeit natürlich den perfekten Rahmen.

Auch würden äussere Faktoren eine wichtige Rolle spielen: «Instagram ist voll mit Bildern bezaubernd schöner Bräute. Es gibt kein Detail von Hochzeiten, das hier nicht beleuchtet und gezeigt wird», sagt Klopsch. Und tatsächlich tauschen sich auch spezielle Facebook-Gruppen über alle Details des geplanten Ereignisses aus und beraten sich gegenseitig. Der Druck aus den sozialen Medien ist also gross.

Trotz Emanzipation: Romantik muss sein

Steht der Wunsch, einmal im Leben eine Prinzessin zu sein, nicht im Widerspruch zur Emanzipation? «Für mich schliessen sich Emanzipation und eine romantische Hochzeit nicht aus», sagt die Beziehungsexpertin. «Ich glaube nicht, dass die Art, wie die Hochzeit gefeiert wird, etwas über die mögliche Gleichberechtigung in der Beziehung des Brautpaares aussagen muss.» Für Heike Klopsch können und sollen Frauen genau das verkörpern, was sie sein wollen. Eine romantische Braut am Tag ihrer Hochzeit und die emanzipierte Frau im Beruf und in der Paarbeziehung.

Und welche Rolle nimmt in dieser ganzen Inszenierung eigentlich der Mann ein? Bekanntlich sind es ja die zukünftigen Bräute, die über den Ablauf und alle Details der Hochzeit bestimmen. Die meisten Männer reden vielleicht noch bei der Finanzierung des Hochzeitsfestes, bei der Gästeauswahl oder dem Geschmack der Hochzeitstorte mit. Wenn es um den Kauf des Brautkleides steht, übernimmt das meistens die Familie der Mütter oder die Braut selber.

«Fakt ist, die sozialen Medien, aber auch Hochzeitsjournale und Hochzeitsmessen, richten sich in der Ansprache weitgehend an Bräute in spe. Männer spielen in diesem Kontext eher eine Gastrolle», sagt Klopsch. Bei einer Hochzeit war die Aufmerksamkeit schon früher stark auf die Frau gerichtet – sie stand bei diesem Ereignis schon immer im Mittelpunkt. Warum Männer das über all die Jahrzehnte mitgemacht haben und noch mitmachen, kann die Beziehungstherapeutin nicht beantworten: «Vielleicht hat es etwas mit Traditionen und Ritualen zu tun. Oder vielleicht ist der Bräutigam in spe einfach nur froh, wenn er nicht zu stark mit dem ganzen Thema konfrontiert wird.»

2 Kommentare
    Armin Battaly

    Ich weiss, welche Braut auf dem Bild sicher nicht als erste ans Ziel kommt 😂