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«Zeit los lassen»Botschaften auf dem Friedhof Hörnli

28 Wörter aus teils riesigen Holzbuchstaben regen über das ganze Areal verteilt zum Nachdenken an.

Zeit und Lassen, eines der Wortbilder von Matthias Zurbrügg auf dem Hörnli.
Zeit und Lassen, eines der Wortbilder von Matthias Zurbrügg auf dem Hörnli.
Foto: Nicole Pont 

Zeitlos, Loslassen, Zeit lassen oder Zeit los lassen? So beliebig die drei hölzernen Wortelemente am Eingang des grössten Friedhofs der Schweiz kombinierbar sind, so mehrdeutig sind auch die weiteren Wortbilder auf dem rund 50 Hektaren grossen Gelände.

Der Berner Schauspieler und im wahrsten Sinne des Wortes Schrift-Steller Matthias Zurbrügg beabsichtigt mit der Ausstellung «Zeit los lassen» auf dem Friedhof am Hörnli nicht, eine vorgegebene Botschaft zu übermitteln. Vielmehr möchte er die Besucherinnen und Besucher nachdenklich stimmen und sie zum Austausch anregen. Dies, indem er das Leben und dessen Ende thematisiert.

Matthias Zurbrügg hat die Orte und die Botschaften sorgfältig in Einklang gebracht.
Matthias Zurbrügg hat die Orte und die Botschaften sorgfältig in Einklang gebracht.
Foto: Nicole Pont

«Inspiriert wurde ich durch meine früheren Theateraufführungen auf den Berner Friedhöfen», sagt Matthias Zurbrügg. Die künstlerische Intervention am Ort der letzten Ruhe habe ihn schon immer fasziniert. Auch Dominik Heiber, Betriebsleiter Friedhöfe Basel, begrüsst diese Eingebung: «Die Stadtgärtnerei möchte beliebt machen, dass die Bevölkerung diesen wunderbaren Garten auch für einen Spaziergang nutzen kann. Und derartige Ausstellungen sind ein erster Schritt in diese Richtung.» Wichtig sei, dass der Friedhof ein ruhiger Ort bleibe.

Die Freiluftausstellung, die seit letzter Woche auf dem Basler Friedhof zu sehen ist, besteht aus 28 über die ganze Anlage verteilten Wortbildern. Dabei spielt der Künstler mit der Tatsache, dass gewisse Wörter schon von weitem zu sehen sind, während andere erst auf dem 3,4 Kilometer langen Rundgang entdeckt werden können. So wie zum Beispiel das Wort «Rose», dessen vier Buchstaben in einem kleinen Teich liegen.

Passender könnte also der Friedhof am Hörnli kaum sein: «Er eignet sich durch seine Weitläufigkeit für Kunst, die Platz braucht und deren Wirkung sich erst durch eine gewisse Perspektive entfaltet», sagt Dominik Heiber.Die Exposition ist frei zugänglich, so wie es im letzten Frühsommer die Ausstellung «Bring mich zurück» mit den Tierskulpturen von Davide Rivalta war. Wer sie aber ohne Umwege geniessen und das Projekt finanziell unterstützen will, kann am Haupteingang des Friedhofs den Ausstellungsplan zu einem Richtpreis von zehn Franken beziehen. Darin eingezeichnet sind eine mögliche Begehungsroute sowie die Standorte aller hölzernen Wortbilder.

Apropos Holz: Die insgesamt 158 Buchstaben wurden aus naturbelassenem Tannenholz angefertigt. «Ich wollte, dass sich die Wortelemente in völligem Einklang mit der Natur befinden», erklärt der Schrift-Steller. Zudem liege bei dieser Holzart der Vorteil darin, dass sie leicht verwertbar und wiederverwendbar sei.

Zurbrügg hat 2019 die Ausstellung bereits auf einem Berner Friedhof realisiert und nun fast alle Buchstaben unverändert übernehmen können. «Ich freue mich, dass die Natur am Blühen ist und alles noch grüner wird», sagt der Künstler. Dann würden die Wortinszenierungen ganz anders zur Geltung kommen, wobei die Ausstellung auch bei Regen schön sei.

Savoir mourir – Wissen, wie sterben. Oder wissen, dass wir alle sterben werden.
Savoir mourir – Wissen, wie sterben. Oder wissen, dass wir alle sterben werden.
Foto: Nicole Pont

Dabei sind die Wörter nicht nur formell betrachtet, sondern auch von der Bedeutung her mit der Stelle verbunden, an der sie sich befinden. Die Wortplatzierung ist also wohlüberlegt: Matthias Zurbrügg suchte zunächst auf dem Friedhof nach ihn ansprechende Stellen und fotografierte sie. Anschliessend überlegte er sich, welches Wort wohin am besten passt, und schrieb es auf die Fotografien. «Das definitive Schriftsetzen vor Ort ist ein unsicherer, aber schöner Moment», sagt der Künstler. Es sei ein ganz anderer Effekt, wenn die Wörter dann tatsächlich vor ihm stehen (oder liegen). Die Buchstaben sind übrigens von unterschiedlicher Grösse: Die kleinsten messen 40 Zentimeter, die grössten 4 Meter.

Matthias Zurbrügg hatte vor, auch seine Schauspielkunst in die Ausstellung einzubringen. Geplant waren literarische Spaziergänge, die aber – genauso wie auch die Vernissage – aufgrund der aktuellen Situation auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurden. Diese Rundgänge seien nicht als Führung durch die Schau zu verstehen, sondern als Inszenierungen: Die Buchstaben werden zum Bühnenbild, Matthias Zurbrügg taucht als Schauspieler auf, und aufgeführt werden sowohl eigene Texte als auch etwa solche von Aristophanes oder Rainer Maria Rilke. Allen ist gemein, dass sie das Leben thematisieren. Ausstellung voraussichtlich bis 28. Juni 2020, Öffnungszeiten 719.30 Uhr, es sind keine Gruppen zugelassen, die Empfehlungen des BAG sind zu beachten.

Auf einem 3,4 Kilometer langen Rundgang sieht man alle 28 Wortbilder.
Auf einem 3,4 Kilometer langen Rundgang sieht man alle 28 Wortbilder.
Foto: Nicole Pont 
1 Kommentar
    Hermann Lobsiger

    Mit diesem Artikel hätte ich noch ein wenig gewartet. So wie die Leute eben sind, wird es wohl eine Völkerwanderung geben. Ist ja fast noch das einzige was frei zugänglich ist. Hoffen wir auf die Stille, wie sie auf dem wunderbaren Friedhof Hörnli, normalerweise vorherrscht.