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Corona in GrossbritannienBoris Johnson droht die Kontrolle ein zweites Mal zu verlieren

Der britische Premier will die Pandemie mit neuen Alltagsbeschränkungen in den Griff kriegen – die eigenen Berater forderten schon vor Wochen schärfere Anti-Corona-Massnahmen.

Hat er zu lange gezaudert? Der britische Premier Boris Johnson.
Hat er zu lange gezaudert? Der britische Premier Boris Johnson.
Foto: Alastair Grant (Keystone) 

Rund die Hälfte der englischen Bevölkerung muss sich ab sofort wieder an neue Corona-Vorschriften halten. In der Hauptstadt London sind ab Samstag keine Hausbesuche mehr erlaubt. In weiten Gebieten Nordenglands sind Zusammenkünfte unterschiedlicher Haushalte auch in privaten Gärten, in Strassencafés oder auf Restaurantterrassen verboten. Diese striktere Regelung galt bisher nur im Grossraum Liverpool. Nun sollen neue Bezirke, wie der Bereich Manchester und grosse Teile Nordostenglands, dazukommen.

Aber vielerorts stemmt man sich gegen die neuen Vorschriften, solange die Regierung nicht mehr finanzielle Unterstützung in Aussicht stellt. Die Regierung stürze Millionen Menschen in den betreffenden Regionen ins Elend, klagten am Donnerstag Kommunalpolitiker aller Parteien. Ausserdem habe sich bereits gezeigt, dass die amtlichen Massnahmen keine Wirkung zeigten. Gesundheitsminister Matt Hancock erklärte dazu, er «hasse es» ja selbst, so vielen Mitbürgern die neuen Vorschriften zumuten zu müssen. Dennoch erwarte er prompte Zustimmung der Kommunen zu den Restriktionen, die nun fällig seien. Auch Hancock betrachtet die Lage als «ernst».

«Katastrophale Konsequenzen»

Mit rund 20’000 neu gemeldeten Fällen am Tag beginnt das Vereinigte Königreich erneut in die Spitzengruppe der am schwersten getroffenen Staaten in Europa vorzustossen. Fast 5000 infizierte Briten werden schon jetzt in den Kliniken des Landes behandelt. In den Krankenhäusern Liverpools sind bereits 95 Prozent aller Betten belegt – die Hälfte davon mit Corona-Kranken. Notkliniken und Lazarette werden just wieder in Dienst gestellt.

Schon vor über drei Wochen, am 21.September, drängten Boris Johnsons medizinische Berater den Premierminister zu einem eiligen neuen, auf zwei bis drei Wochen angelegten, nationalen Lockdown. Wenn man sich nicht einer radikalen Massnahme bediene, warnten sie, drohe dem Land «eine Riesenepidemie mit katastrophalen Konsequenzen».

Zwei Virenexperten, Graham Medley und Matt Keeling, prophezeiten in einer separaten Studie sogar, dass es im Laufe des Winters bis zu 100’000 Corona-Tote zusätzlich in Grossbritannien geben könnte, wenn man sich nicht zu einem schnellen Lockdown bereitfinde. Bisher liegt die Gesamtzahl der Corona-Opfer laut dem Statistischen Amt bei über 58’000 – höher als in irgendeinem anderen europäischen Land. Statt im September schon den empfohlenen «Circuit Breaker» – einen vorübergehenden «Hemmschritt» – einzuleiten, suchte sich die Regierung allerdings mit etwas früheren Schlusszeiten für Pubs und Restaurants, mit einzelnen kommunalen Einschränkungen und mit einem diese Woche veröffentlichten «Dreistufenplan» zu behelfen.

Die Lage ist «wirklich schlimm»

Schon bei der Veröffentlichung des Plans monierte der medizinische Chefberater des Premierministers, Professor Chris Whitty, auch die härtesten der hier geplanten Massnahmen würden wohl «nicht ausreichen». Jonathan Van-Tam, der Vizechef des englischen Gesundheitswesens, warnte nachdrücklich, die Lage sei «wirklich schlimm». Sie werde «noch schlimmer werden und den Gesundheitsdienst überwältigen, wenn nicht bald etwas geschieht», sagte Van-Tam.

Grossbritanniens Ärzteverbände und die grossen Oppositionsparteien sehen das ebenso. Schon jetzt, meinen Experten, reiche wegen des langen Zögerns der Regierung ein Zwei-bis-drei-Wochen-Lockdown wohl nicht mehr aus. Gewehrt hatte sich gegen derart rigide Masnahmen vor allem Schatzkanzler Rishi Sunak. Nach Sunaks Ansicht würde ein hartes Durchgreifen der Wirtschaft «gehörigen Schaden» zufügen: «Das ganze Land würde leiden» an einer solchen Aktion.

Und da ist ja noch die Brexit-Frage

Eine Gruppe rechter Tory-Abgeordneter teilt diese Auffassung. Dagegen werfen konservative ebenso wie Labour-Bürgermeister in der Provinz Sunak vor, mit unzureichender staatlicher Hilfe für die Bedürftigen in den jeweiligen Regionen die dortige Bevölkerung gegen sich aufzubringen. Auch in Schottland, das finanziell von London abhängig ist, wächst das Ressentiment zusehends. Gemäss neuesten Umfragen fordern inzwischen 58 Prozent der Schotten nationale Unabhängigkeit.

Zusätzliche Unruhe verursacht die Frage, ob es noch in letzter Minute zu einer Vereinbarung mit der EU in Sachen Post-Brexit-Zukunft kommt – oder ob sich London ohne allen Freihandelsvertrag von der EU abkehrt. Premier Johnson erklärte gestern, er wolle abwarten, was sich auf dem EU-Gipfel tue, und danach beschliessen, ob die Verhandlungen weiterlaufen sollten oder nicht.

33 Kommentare
    Sonja Kellermann

    Ist nicht das letzte Ultimatum von BJ am 15.10.20 abgelaufen? Wie unsouverän!