Blocher dankt Landesstreik-Soldaten – Linksradikale reagieren

Ein Vortrag von Christoph Blocher in Uster sorgt für Turbulenzen. Beide Seiten sprechen von Geschichtsklitterung.

Beim Wort Landesstreik denkt Christoph Blocher an Diktatur des Proletariats. Das gefällt nicht allen.

Beim Wort Landesstreik denkt Christoph Blocher an Diktatur des Proletariats. Das gefällt nicht allen.

(Bild: Keystone)

Ruedi Baumann@Ruedi_Baumann

«100 Jahre Generalstreik – ein Dank an Bevölkerung, Behörden und Soldaten.» Das ist der Titel eines Vortrags, den Christoph Blocher am nächsten Dienstag im grossen Stadthofsaal in Uster halten will. Vier Stunden später – um Mitternacht des 13. November 1918 – sind es exakt 100 Jahre her, dass der Landesstreik abgebrochen wurde. Nach Ansicht von Blocher betreiben die heutigen Historiker Geschichtsklitterung, um mit einem linken Jubiläumsjahr den wahren Zweck des Landesstreiks zu verhüllen: «eine Diktatur des Proletariats nach russischem Vorbild zu errichten».

Für viele Schweizerinnen und Schweizer hingegen haben die 250'000 streikenden Arbeiter vor 100 Jahren AHV, Frauenstimmrecht und 48-Stunden-Woche ermöglicht. Doch Christoph Blocher dankt nicht den Arbeitern, sondern den 110'000 Soldaten und den repressiven Behörden. Eine Provokation.

Eröffnet wird der Anlass in Uster durch die Grenadiermusik Zürich. Eine in historische Soldatenuniformen gekleidete Fahnenwache erweist Alt-Bundesrat Blocher die Reverenz. Organisiert wird der Dankesanlass von der Zürcher SVP und dem Verein für aktive Senioren. Dessen Präsident ist der Stäfner SVP-Politiker Kurt Zollinger, sein Vize ist SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt, selber erst 48-jährig.

Kränze beim Forchdenkmal

Dank erfahren die Soldaten von 1918 auch am nächsten Sonntag beim Forchdenkmal. Vor 100 Jahren, am 11.11.1918, endete der erste Weltkrieg. Die Offiziers- und Unteroffiziersvereine legen Kränze nieder, um den Tausenden von Soldaten zu gedenken, welche 1918 durch die Spanische Grippe dahingerafft wurden. Das Forchdenkmal wurde 1922 errichtet. Die Zeremonien am 11.11. sind jeweils, wie dort betont wird, ein Zeichen des Dankes an die früheren Generationen, welche die Schweiz aus dem Krieg heraushalten konnten.

Blochers Auftritt in Uster zum Ende des Landesstreiks wird am nächsten Dienstag kaum ohne Nebengeräusche ablaufen. Zu offensichtlich bürstet er da gegen den Strich einer verbreiteten Ansicht. Ein anonymes Komitee ruft über Facebook, die Onlineplattform Barrikade.info sowie mit Sprayereien zur Demonstration in Uster auf. Slogan: «Blocher hau ab!»

Das Komitee schreibt: «Wer die Geschichte des Landesstreiks für rechte Propaganda missbraucht, hat mit Widerstand zu rechnen.» Blocher betreibe «Klassenkampf von oben». Der Landesstreik sei schon damals vom Bürgertum genutzt worden, um antisozialistische Ressentiments zu schüren. «Diese Tradition setzt Blocher fort.» Die Demonstranten wollen «rechter Hetze entschlossen entgegentreten» und Blocher «weder die Geschichte noch Uster überlassen». In Uster schliesslich wurde am 7. November 1918 der Kommunist Jakob Herzog verhaftet, weil er agitative Flugblätter an Soldaten verteilt hatte.

Polizei ist vorbereitet

Sowohl die Kantonspolizei als auch die Stadtpolizei Uster sind über Vortrag und Gegendemo informiert. Der Ustermer Polizeikommandant Andreas Baumgartner sagt: «Bis jetzt ist bei der Stadt Uster weder ein Bewilligungsgesuch für die Demonstration eingegangen, noch hat ein Veranstalter mit der Stadt Kontakt aufgenommen.» Ein Repräsentant der Gegendemo sei der Stadt nicht bekannt.

Die Stadtpolizei beurteile die Lage «in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei». Für den Fall, dass es zu einem polizeilichen Einsatz kommen sollte, liege die Einsatzleitung gemäss Polizeiorganisationsgesetz des Kantons Zürich bei der Kantonspolizei.

Der kantonale Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) sagt: «Wann immer Demokraten im Kanton Zürich eine politische Veranstaltung durchführen wollen, werden wir dafür besorgt sein, dass diese auch stattfinden kann.»

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