Zum Hauptinhalt springen

«Vertical Farm»Blattgemüse von Bauer Roboter

Im M-Parc Dreispitz werden Schnittsalat und Rucola verkauft, die nie das Tageslicht gesehen haben. Regionale Produkte, die besser schmecken sollen und umweltfreundlich hergestellt werden. Produziert wird vollautomatisch auf dem Wolf-Areal, in fensterlosen Räumen.

Blattgemüse als Kunstwerk in der «Vertical Farm» in Basel. Zudem versprechen die Hersteller knackige Geschmackserlebnisse.
Blattgemüse als Kunstwerk in der «Vertical Farm» in Basel. Zudem versprechen die Hersteller knackige Geschmackserlebnisse.
Foto: Nicole Pont

Die Genossenschaft Migros Basel setzt auf eine neue Anbaumethode für Blattgemüse. Zusammen mit dem Start-up Growcer wurde in einer leer stehenden SBB-Liegenschaft die erste «Vertical Farm» der Schweiz aufgebaut. Hier ist auf einer Fläche von weniger als 400 Quadratmetern ein Anbaubereich von mehr als 1500 Quadratmetern entstanden. Möglich wurde dies, weil das Blattgemüse in einem meterhohen Turmgewächshaus gezüchtet wird – genährt von LED-Licht und einem ausgeklügelten Wassersystem.

«Der Schweiz mangelt es nicht nur an Fläche, sondern auch an Landwirtschaftspersonal.

Marcel Florian, CEO Growcer AG

«Die Pflanzen werden vom Saatgut bis zur Ernte in der Farm aufgezogen», sagt Migros-Sprecher Moritz Weisskopf. Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit sowie Nährstoffe werden gemessen und an das entsprechende Blattgemüse angepasst. Der Vorteil von vertikal gezüchteten Produkten, die wie Bananen an den Bäumen hängen: Sie verbrauchen neunzig Prozent weniger Wasser und benötigen praktisch keine belastenden Pestizide.

Trotzdem gelten sie nicht als bio. Dafür müssten sie nämlich im Boden wachsen und nicht wie erstarrte Turmspringer in der Luft hängen.

Verarbeitung und Verkauf in kürzester Zeit

Eine Tonne Blattgemüse oder etwas weniger als ein Prozent des gesamten jährlichen Bedarfs will der Basler Grossverteiler jährlich auf dem Wolf-Areal herstellen lassen, wie Reto Böhner, Agrarproduktemanager bei der Genossenschaft Migros Basel, bestätigt. Growcer produziert für die Migros exklusiv und kassiert dafür jährlich einen sechsstelligen Betrag.

Zu kaufen gibt es grünen und roten Schnittsalat, Wasabirucola, Federkohl, Mangold sowie roten Pak Choi. Dieser stammt aus Südchina, ist reich an Betacarotin und enthält viele verdauungsfördernde Ballaststoffe. «Vertical Leaves» sind im M-Parc Dreispitz besonders gekennzeichnet. Auf Infotafeln werden die Kunden über die neue Produktionsart informiert. Beim Grossverteiler sind auch kritische Stimmen zu hören. Es benötige Überzeugungsarbeit für die Stadtfarm, sagt Böhner.

Ziel von Growcer ist es, dass die Produktion vollautomatisch erfolgt. Aktuell ist an der St.-Jakobs-Strasse aber noch viel Handarbeit zu beobachten. Bis zu 15 Personen sind damit beschäftigt, von blosser Hand das Blattgemüse zu rüsten und abzupacken.

Roboter helfen bei der Verarbeitung mit. Pflücksalat auf dem Weg zum Laufband. Foto: Nicole Pont
Roboter helfen bei der Verarbeitung mit. Pflücksalat auf dem Weg zum Laufband. Foto: Nicole Pont

Die Schweiz sei wie viele Länder von Importen abhängig, sagt Growcer-CEO Marcel Florian. Der 27-jährige Bayer ist Mehrheitsaktionär und hat gerade zwei Finanzierungsrunden erfolgreich absolviert, um expandieren zu können. Die Migros selbst beteiligt sich aber am Hersteller von vertikal produzierten Landwirtschaftsprodukten nicht. Sie sieht darin eher ihre Nachhaltigkeitsbestrebungen abgebildet: kurze Wege, aber auch Frische. Das Blattgemüse wird früh am Morgen «gepflückt» und wenige Stunden später verkauft.

Pläne in Dubai

Die Growcer AG ist erst 16 Monate alt und ein Basler Start-up. Es setzt sich nicht aus Landwirten zusammen, sondern aus Soft- und Hardwareingenieuren sowie Agronomen und Pflanzenphysiologen. Die Idee, unabhängig von Klimaeinflüssen zu arbeiten und die Ressourcen zu schonen, findet inzwischen international Aufmerksamkeit. So verfolgt Glowcer laut Florian auch ein Projekt in Dubai. Gleichzeitig werden weitere Farmen in der Ostschweiz aufgebaut.

In Basel testet Growcer gegenwärtig, welche Produkte sich für eine «Vertical Farm» eignen. Neben Blattgemüse sind dies auch Kräuter, Sprossen und Früchte. Zu ihnen sollen auch Erdbeeren gehören, die, wenn der Anbauversuch gelingt, ein Augenschmaus sein sollen: knorrige rote Nasen, die aus senkrecht gestellten Kunststoffschienen ragen, in denen Kokosrollen und Torf stecken.

Florian verfolgt mit seinem Projekt ambitionierte Ziele. Aufgrund von Land- und Wasserknappheit brauche es neue Lösungsansätze, wie und wo in Zukunft Lebensmittel produziert werden könnten, sagt er. So mangle es etwa der Schweiz nicht nur an Fläche, sondern auch an Landwirtschaftspersonal.

50 Gramm Schnittsalat aus der «Vertical Farm» kosten 2.95 Franken. Kartonschachtel und PET-Deckel inklusive. Gabel, Serviette und Sauce müssen zusätzlich gekauft werden.

2 Kommentare
    A. Molnàr

    Auf steriles Gemüse verzichte ich lieber.