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TV-Kritik «Tatort»Bitte trotzdem durchhalten

Der neue «Tatort» aus Köln strampelt in der Zelle der Krimikonventionen.

Kommissar Ballauf (Klaus Behrendt) wird von seinem Trauma überwältigt. Kollege Schenk (Dietmar Bär) will helfen.
Kommissar Ballauf (Klaus Behrendt) wird von seinem Trauma überwältigt. Kollege Schenk (Dietmar Bär) will helfen.
Foto: Das Erste

Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) ist mal wieder vor allem mit sich selbst beschäftigt. Und in diesem Kölner «Tatort» mit dem Titel «Gefangen» bestätigt sich rasch die Vermutung, dass die Filme, in denen das Seelenleben der Kommissare im Vordergrund steht, nicht unbedingt die stärksten sind. Ballauf jedenfalls stürmt mit Vorliebe wortlos aus Zimmern und ignoriert alle Gesprächspartner. Einmal legt er sich schmollend auf ein wildfremdes Bett, obwohl er wirklich was anderes zu tun hätte (der Besitzer des Betts liegt nebenan ermordet auf dem Teppich und kann nicht mehr protestieren).

Ballaufs Verhalten hat natürlich einen Grund: Der Tod der Kollegin Melanie Sommer belastet ihn bis zur verbalen Entgleisung (das erste «Leck mich!» ist schnell ausgespuckt). Wie gut, dass der neueste Fall ihn mit seinem Kollegen Schenk (Dietmar Bär) direkt in die psychiatrische Klinik des ermordeten Chefarztes Professor Krüger führt (das ist der vom Teppichboden). Dort trifft Ballauf die Patientin Julia Frey, gespielt von Frida-Lovisa Hamann. Frey glaubt sich in der geschlossenen Abteilung zu Unrecht gefangen gehalten: Sie und der Kommissar verstehen sich auf Anhieb. Vermutlich erkennt Julia Frey die gequälte Seele von Max Ballauf in dessen Blick, denn die Augen sind bekanntlich der Spiegel zur Seele der Drehbuchautoren.

Erwartbarkeiten

Vor lauter Erwartbarkeit muss man ein paar Mal leise vor dem Fernseher ächzen. Zum Beispiel über die Darstellung der Psychiatrie, samt Pflanzen streichelnder Patienten. Durch die Dialoge (niemand in diesem Film wird müde, zu betonen, er oder sie sei «gefangen») ist das Thema Unfreiheit gesetzt – und stur bewegen sich auch die Macher dieses «Tatorts» innerhalb der gähnend langweiligen Gitterstäbe uralter Fernsehkonventionen.

Trotzdem gibt es Szenen, für die sich dieser «Tatort» sehr lohnt: allein für jede mit Frida-Lovisa Hamann. Sie verleiht ihrer Figur und deren Wollmützen-Yoga-Outfit eine beeindruckende Tiefe und mäandert souverän zwischen rehäugig und kaltblütig mit Rasierklinge drohend. Und auch für manchen Dialog im Drehbuch (Christoph Wortberg) – etwa als ein Verdächtiger zu Freddy Schenk sagt: «Ich hab Sie unterschätzt, Herr Schenk», und Schenk antwortet: «Da sind Sie nicht der Erste.» Dann fährt er sich über die Schenk'schen Stoppeln und fügt hinzu: «Und nicht der Letzte.»

6 Kommentare
    Annina

    Ich finde es wichtig und toll, dass Tabu-Themen wie etwa die Psychiatrie in Sendungen/Serien wie im "Tatort", welche eine breite Masse erreichen, angesprochen werden. Als angehende Ärztin, nach 3 Monaten Praktikum in der Akutpsychiatrie, finde ich es jedoch schade, dass eine solche Gelegenheit nicht genutzt wird, sondern nur noch mehr zum Stigma der Psychiatrie beiträgt. In der Tat ist es so, dass gewisse psychische Erkrankungen, insbesondere diejenigen Erkrankungen, die mit einer Psychose einhergehen (dazu gehört u.a. die Schizophrenie) meist mit einer fehlenden Krankheitseinsicht des/r Betroffenen einhergehen. Der gestrige Tatort vermittelt jedoch das Bild, dass die Definition von Krankheit in der Psychiatrie abhängig von der jeweiligen Person ist, welche die Diagnose stellt. Dies ist eine völlig falsch vermittelte Vorstellung: Die fehlende Krankheitseinsicht betrifft die erkrankte Person, jedoch nicht deren Umfeld, weshalb der/die PatientIn nicht einfach Opfer einer vermeintlichen Falschdiagnose ist: Eine Diagnose entsteht durch die Beobachtung mehrerer Fachpersonen und stützt sich nach Möglichkeit immer auch auf die Fremdanamnese, das heisst auf die Meinung und Einschätzung des Bekanntenkreises des betroffenen Menschen. Meiner Meinung nach verstärkt die Darstellung im "Tatort" die Vorstellung, dass psychiatrische Erkrankungen eher in den Köpfen der PsychiaterInnen und PsychologInnen bestünden und dass "vermeintlich" Kranke doch eigentlich gesund seien. Damit wird der künstliche Graben "Normalwelt"- Psychiatrie nur noch grösser und die Wertschätzung psychiatrischer Fachpersonen nur geringer. Dies ist meiner Meinung nach die falsche Herangehensweise, um ein Tabu-Thema zu enttabuisieren.