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Kunsthistoriker im Interview«Bitte nicht herumwedeln»

Wir stehen vor einer Hitzewelle. Der Kunsthistoriker David Ranftl erklärt, wie man mit einem Fächer richtig Wind macht.

Die Hitze kann ganz schön auf die Laune schlagen: Eine spanischsprechende Barbesucherin.
Die Hitze kann ganz schön auf die Laune schlagen: Eine spanischsprechende Barbesucherin.
Foto: María José Lopes (Keystone)

Wenn einem in flirrender Hitze unter der Maske fast die Luft wegbleibt, sind Fächer oft die letzte Rettung. Die faltbaren Leichtgewichte passen in jede Tasche und helfen innerhalb von Sekunden, die Hitze zu vertreiben. Eigentlich unverständlich, warum Männer so selten darauf zurückgreifen. Ganz anders als David J. Ranftl: Der Kunsthistoriker sammelt seit seiner Kindheit Fächer aus dem 17. bis frühen 20. Jahrhundert. Heute arbeitet der 34-Jährige im Kunsthandel, berät Sammler und ist als Kurator unter anderem für das Deutsche Fächermuseum in Bielefeld tätig.

Mit dem Fächer kann man sich Luft zuwedeln, klar. Und ausserdem?

Man kann sich damit hervorragend schützen, etwa vor dem Mundgeruch seiner Mitmenschen, wie es Karl Lagerfeld getan hat, oder vor zudringlichen Blicken: Kaiserin Elisabeth von Österreich verbarg im fortgeschrittenen Alter ihr Gesicht und ihre schlechten Zähne hinter dem Fächer. In stickigen, von unzähligen Kerzen erleuchteten Ballsälen und Opernhäusern sorgte der Fächer nicht nur für Abkühlung und bewahrte die Damen in ihren eng geschnürten Korsetts vor der nächsten Ohnmacht. Er war auch unverzichtbares Modeaccessoire und Statussymbol: Je nach Qualität und Ausführung konnte so ein Fächer noch um die Jahrhundertwende dem heutigen Gegenwert eines Kleinwagens entsprechen.

Gehen wir in die Gegenwart. Was braucht ein wirklich guter Fächer heutzutage?

Er sollte aus möglichst leichtem Material bestehen, etwa aus Bambus oder leichtem Holz, mit einem Blatt aus Stoff oder Papier. Er muss eine angenehme Grösse haben, damit er auch in die Tasche passt, und zugleich stabil sein. Ausserdem sollte er sich mit einem Ratsch öffnen und schliessen lassen. In Spanien gilt das sogar als zentrales Qualitätskriterium, weil die Flamencotänzer ihren Gesten damit sehr impulsiv zusätzlichen Ausdruck verleihen. Entsprechend hoch ist der Verschleiss. So gesehen ist der Flamenco quasi der ultimative Belastungstest.

Und was macht mehr Wind: gefaltete Fächer oder diese runden, wie man sie aus Japan kennt?

Sie sprechen von sogenannten Stielfächern oder Handschirmen – die funktionieren im Grunde gleich gut. Den Unterschied macht eher die Technik. Da kann man einiges falsch machen. Wenn die Damen von damals sehen könnten, was viele heute damit anstellen, würden sie sich wohl fremdschämen: Der Fächer wird oft recht grobschlächtig gehalten und ausserdem hochkant statt waagerecht.

Klingt ja beschämend. Wie sollte man denn korrekt fächern?

Der Fächer wird in die rechte Hand genommen, der Daumen umfasst den Fächerkopf mit dem Dorn, an dem die Streben zusammenkommen. Dann wird der Fächer in einem 180-Grad-Winkel geöffnet und so gehalten, dass er exakt eine parallele Linie zu einer gedachten Tischplatte bildet. Darüber hinaus zeigt das Blatt stets zum Betrachter hin, sodass dieser das Motiv sehen kann. Und dann bitte nicht wild herumwedeln, sondern mit einer gewissen Anmut.

«Wenn sich jemand, dem Mode und Ästhetik wichtig ist, eine Hermès-Tasche leistet, warum nicht auch einen Fächer?»

Ganz schön kompliziert. Zumal man dafür Rechtshänder sein muss, richtig?

Es stimmt, der klassische Fächer öffnet sich immer nur in eine Richtung. Zum Glück bieten mittlerweile einige Händler Modelle für Linkshänder, das war wirklich eine Marktlücke. Schon deshalb, weil es dem Fächer auf Dauer nicht guttut, wenn man ihn falsch herum öffnet.

Warum lassen Männer selbst bei brütender Hitze die Finger vom Fächer?

Vermutlich aus Angst, damenhaft zu wirken – eine Frage der kulturellen Wurzeln. In Asien hat man in dieser Hinsicht nie einen grossen Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht. Da sind Fächer in der Kultur auch viel präsenter, weil sie noch andere Funktionen erfüllen. Zum Beispiel werden bei der Teezeremonie kleine Kuchen damit gereicht, in der chinesischen Oper dient der Fächer quasi als verlängerter Arm, um Gesten zu unterstreichen. In Europa hingegen wurde der Fächer bereits im 18. Jahrhundert vor allem als modisches Accessoire und Hilfsmittel der Koketterie genutzt. Die meisten Herren nehmen deshalb lieber ein Theaterprogramm oder eine Speisekarte zur Hand, um sich Luft zuzufächern. Bis auf Spanien – dort gibt es sogar spezielle Fächer für den Herrn, sie sind etwas schlichter, mit schwarzem Blatt, und von schmaler Form.

Ein wenig aus der Zeit gefallen sind Fächer aber schon, der technikaffine Mensch des 21. Jahrhunderts nutzt doch eher Alternativen wie Miniventilatoren.

Diese Dinger, die man mit einem USB-Kabel auflädt, sind ein No-Go! Mag sein, dass die kleinen Geräte zeitgemässer oder sogar effektiver sind – aber dafür sind sie vollkommen stillos. Bei diesen sommerlichen Temperaturen habe ich auf Festspielen oder Bällen immer einen schwarzen Fächer, passend zum Smoking, im Hemdsärmel stecken.

Haben Sie ein Lieblingsstück?

Ja, er stammt aus einer Serie mit Szenen aus verschiedenen Wagner-Opern, die einst für König Ludwig II. von Bayern persönlich angefertigt wurden. Die Sammlung ging an die spanische Infantin María de la Paz, die schenkte sie ihrer Obersthofmeisterin. Danach verliert sich ihre Spur, bis auf zwei Exemplare: Eines ist im New Yorker Designmuseum Cooper Hewitt zu sehen. Das andere habe ich.

«Die Botschaft einer Dame, die einen geschlossenen Fächer auf die Lippen legt, dürfte indes eindeutig sein…»

Nicht nur für antike Stücke, auch für modische Fächer kann man durchaus eine Menge Geld ausgeben…

Absolut. Haute-Couture-Labels lassen sich ihre Modelle von ausgebildeten Spezialisten eigens für ihre Kollektionen anfertigen. Die Produkte aus der Pariser Fächermanufaktur Duvelleroy etwa werden mitunter für mehrere Tausend Euro an wohlhabende Kunden bis nach Asien und in die Emirate verkauft. Und die Einzelstücke des Franzosen Sylvain Le Guen, durchweg handgefertigte Exemplare auf dem handwerklichen Niveau des vorigen Jahrhunderts – von Hand bestickt, mit Pailletten oder Federn besetzt, gefaltet wie Origami –, sind allesamt kleine Kunstwerke. Aber wenn sich jemand, dem Mode und Ästhetik wichtig ist, eine Hermès-Tasche leistet, warum nicht auch einen Fächer?

Immerhin kann, wer sich so etwas leistet, wunderbar damit flirten: Angeblich gibt es sogar eine eigene Fächersprache mit Flirtcodes.

Fächer wurden im 18. Jahrhundert als Instrument der Koketterie genutzt, die Damen verbargen also ihr Gesicht und blinzelten dahinter hervor. Das Spiel mit dem Fächer hielt sich bis ins frühe 20. Jahrhundert. In gewissen Kreisen entwickelte sich daraus eine Art Geheimsprache unter jungen Leuten – die die Elterngeneration ausschloss. Fächerhersteller veröffentlichten daraufhin Faltblätter, die bestimmte Gesten und deren vermeintliche Bedeutung erklären sollten. Zum Beispiel bedeutet ein geschlossener Fächer, an die linke Wange gehalten, angeblich «Ich liebe dich». Ich bezweifle jedoch, dass eine geheime Fächersprache Sinn hätte, wenn sie jeder deuten könnte. Abgesehen davon wurden Fächer bis zum Schluss als Flirtmittel eingesetzt, um auf sich aufmerksam zu machen: indem die Dame ihn zum Beispiel fallen liess, damit der Herr ihn aufhob.

Lässt diese ganze Symbolik und Gestik nicht etwas viel Raum für Missverständnisse?

Durchaus möglich, dass diese Codes zur ein oder anderen Peinlichkeit führten, etwa wenn die Beteiligten aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammten. Die Botschaft einer Dame, die einen geschlossenen Fächer auf die Lippen legt, dürfte indes eindeutig sein.

Schweig still!?

Na ja, eigentlich «Küss mich». Vielleicht doch nicht so eindeutig