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Aufsteiger Arminia BielefeldZungenbrecher machte Weg in die Bundesliga frei

Bielefeld ist der Aufstieg in die Bundesliga nicht mehr zu nehmen. Für Cédric Brunner ist das ein absoluter Traum, aber die Mannschaft läuft auf dem Zahnfleisch.

Nach einem 4:0-Erfolg gegen Dresden am Montag kann Arminia Bielefeld die Bundesliga planen.
Nach einem 4:0-Erfolg gegen Dresden am Montag kann Arminia Bielefeld die Bundesliga planen.
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Captain Fabian Klos (l) und der Schweizer Cédric Brunner schafften nach einer starken Saison mit der Arminia nach elf Jahren den Aufstieg.
Captain Fabian Klos (l) und der Schweizer Cédric Brunner schafften nach einer starken Saison mit der Arminia nach elf Jahren den Aufstieg.
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Jeder Spieler musste anhalten und wurde kurz bejubelt. Die meisten liessen die Scheibe runter. Marcel Hartel sang sogar mit.
Jeder Spieler musste anhalten und wurde kurz bejubelt. Die meisten liessen die Scheibe runter. Marcel Hartel sang sogar mit.
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Arminia Bielefeld steigt nach elf Jahren wieder in die Bundesliga auf. Es ist der achte Aufstieg in der Vereinsgeschichte der Ostwestfalen.

Spieler und Trainer lagen sich nach dem dem 4:0-Erfolg gegen Dynamo Dresden am Montag bereits in den Armen und feierten den Aufstieg mit der ersten Kiste Radler und Bier. Mitten unter ihnen war auch der Schweizer Cédric Brunner. Etwas heiser und müde sei er, sagte er am Dienstagnachmittag am Telefon. «Wir haben in der Kabine noch ein wenig feiert – zumindest soweit es wegen den Schutzbestimmungen möglich war.» Am Dienstagabend stand der Aufstieg auch rechnerisch fest, da der Hamburger SV gegen den VfL Osnabrück nur 1:1 spielte.

Brunners erster Gedanke: Scheisse!

Der Verteidiger spielt seit Sommer 2018 für das Team in der zweiten Bundesliga. Nach 12 Jahren beim FC Zürich suchte er eine neue Herausforderung und fand sie in Bielefeld. Der Start verlief nicht nach Wunsch. Kurz nach seinem Wechsel erlitt er einen Meniskusriss und fiel fünf Spiele aus. Im Mai 2019 folgte die nächste schwere Verletzung. Brunner blieb nach einem Kopfballduell im Spiel gegen Paderborn bewusstlos liegen. Die Diagnose: eine Gehirnerschütterung und ein kaputtes Schultergelenk. «Es war alles zerrissen in der Schulter, was nur reissen kann. Das war meine erste schwere Verletzung und das erste Mal, dass ich fast fünf Monate ausfiel.» Ans Aufgeben hat er aber nie gedacht.

Brunner kämpfte sich zurück und zählt seit seinem Comeback im September zu den Leistungsträgern. «Nach dem Trainerwechsel von Jeff Saibene, der ja der Hauptgrund war, warum ich nach Bielefeld ging, zu Uwe Neuhaus, war mein erste Gedanke: Scheisse! Der Trainer hat am Anfang kaum mit mir geredet und das lässt dich schon dann und wann zweifeln. Aber nach zwei Wochen kam er zu mir und sagte, er habe wenig Bedarf gesehen mit mir zu sprechen, weil er andere Baustellen schliessen musste. Da habe ich gedacht, dass er etwas von mir halten muss.»

Bis auf ein Spiel (Gelbsperre) stand Brunner seither, genauer seit dem 9. Spieltag immer in der Startelf und erzielte in bisher 24 Ligapartien zwei Tore. Einen grossen Anteil für die überragende Saison schreibt der 26-Jährige Trainer Uwe Neuhaus zu. «Er hat unseren Spielstil verändert.» Unter Jeff Saibene wurde das Hauptaugenmerk auf das Pressing gegen den Ball gelegt. Viel Ballbesitz fordert Neuhaus von der Mannschaft und daran habe man auch lange gearbeitet. «Wir nehmen mehr Risiko und das braucht auch Mut, aber den fordert der Trainer auch.»

Für den Mut hat sich die Mannschaft jetzt belohnt. Erstmals an den Aufstieg glaubte man, als man als Leader überwinterte und auch erfolgreich in die Rückrunde 2020 startete. Dann aber stoppte Corona Bielefeld. «Das war brutal schwierig für den Kopf. Die Angst, dass die Saison abgebrochen wird, war sehr, sehr schwer zu verarbeiten. Da war die Angst, dass uns alles genommen wird, in das wir viel investiert und was wir geschafft haben, schliesslich hat man als Bielefeld-Spieler nicht jedes Jahr die Chance, in die erste Bundesliga aufzusteigen.»

Brunner vor Vertragsverlängerung

Wird Brunner aber tatsächlich in der Bundesliga spielen? Der Vertrag des Verteidigers läuft Ende Juni aus. «Ich bin zuversichtlich, dass Cédric weiter für Arminia auflaufen wird», sagte Sportdirektor Samir Arabi im «Kicker». Man sei sich soweit einig, bestätigt auch Brunner. Er denkt, dass in ein, zwei Wochen Klarheit herrscht. Auch in der Tabelle.

Zudem ist ein wichtiges Element der Saison wieder zurück: Die Lockerheit, die das Team durch die Saison und zum Erfolg trug und die nach dem Re-Start etwas auf der Strecke geblieben war. «Der Sieg gegen Dresden war wie eine Befreiung», sagt Brunner – und die entlud sich in drei Punkten und einer spontanen Aufstiegsfeier in der Kabine.

Bei der nächsten Party soll dann richtig gefeiert werden. Dann möchten aber auch die Fans mitfeiern, die sich am Montag vor dem Stadion versammelt haben. Rund 200 Fans warteten vor der Schüco-Arena und sangen und feierten jeden Spieler, der mit dem Auto durch die Menge musste. Mehr als ein Liedchen durchs Autofenster lag nicht drin. Nicht in Zeiten von Corona. Aber Pit Clausen, Bürgermeister in Bielefeld, kündigte bereits an, dass der Rathaus-Balkon geschlossen bleibt.

Zungenbrecher für die Stimmung

«Ich bin gespannt, wie sie das organisieren wollen», sagt Brunner, denn die Vorfreude ist jetzt schon riesig unter den rund 20’000 bis 30’000 Anhängern, die ihre Arminia feiern wollen. Man werde eine Lösung finden in einem «angemessenen Rahmen», sagt Trainer Neuhaus.

Der ehemalige Assistent von Matthias Sammer gilt als eher zurückhaltend in der Öffentlichkeit. «Man spricht mir ja oft die Lockerheit ab», sagte er gegenüber der deutschen Nachrichtenagentur dpa sogar. Am Montag plauderte aber auch er locker aus dem Nähkästchen. Er erzählte, wie er während der Coronapause die Stimmung hochzuhalten versuchte. «Wir haben Reime aufsagen lassen. Echte Kindereien», verriet der 60-Jährige: «Es gab immer einen Loser der Woche, der musste dann Fischers Fritz oder so was aufsagen. Wir haben uns kaputtgelacht.» Es sei tatsächlich witzig gewesen und «es hat funktioniert», sagt Brunner. «Wir konnten Lachen. Das war schön.»

Nach so einem emotionalen Jahr kann die Arminia gut lachen. «Wir sind aber froh, wenn es dann vorbei ist», sagt Brunner, «wir laufen psychisch und physisch langsam auf dem Zahnfleisch.»