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Interview zur Seniorenbetreuung«Betreuerinnen verdienen mehr als Frauen an der Migros-Kasse»

Viele Betreuerinnen betagter Menschen arbeiten wegen Corona unter prekären Bedingungen. Jetzt äussert sich Silvain Philip Kocher, Chef einer Vermittlungsagentur, zu den Zuständen in der Branche.

Silvain Philip Kocher, Präsident des Verbands Zuhause leben, im Garten seines Firmenbüros in Rafz.
Silvain Philip Kocher, Präsident des Verbands Zuhause leben, im Garten seines Firmenbüros in Rafz.
Foto: Thomas Egli 

Unterbezahlt, beschimpft, sogar auf die Strasse gesetzt: So beschrieben in dieser Zeitung Frauen aus der Slowakei und Polen ihre Erlebnisse als 24-Stunden-Betreuerinnen in der Schweiz während der ersten Corona-Welle. Die Frauen kümmerten sich um alte, zum Teil demenzkranke Menschen und verlängerten während des Lockdown freiwillig ihre Arbeitsschicht um bis zu vier Wochen. Dennoch erhielten sie laut ihren Erzählungen keine Überstunden bezahlt und wenig Unterstützung von jenen Agenturen, die sie an die Familien ihrer Kunden verliehen oder vermittelten.

Der Bericht löste grosse Empörung bei Leserinnen und Lesern aus. Viele schrieben von unhaltbaren Zuständen oder von «Sklavenarbeit». Einige Besitzer jener Firmen, die Betreuungskräfte vermitteln oder verleihen, beschwerten sich hingegen über die ihrer Meinung nach einseitige Berichterstattung: Es handle sich um Einzelfälle, die ein falsches Bild auf die Branche werfen. Silvain Philip Kocher, Chef ­der Agentur Alterswohnhilfe, spricht nun über faire Löhne und die Problemfälle der Branche.

Viele Leserinnen und Leser wollen wissen, wie sie unterscheiden könnten, welche Agenturen in der Seniorenbetreuung seriös arbeiten und welche nicht.

Der Preis für die Betreuungsleistung ist schon einmal ein guter Hinweis.

Je teurer, desto besser?

So einfach ist es nicht. Es gibt Agenturen, die Betreuerinnen nur an Familien vermitteln. Die bekommen eine Provision. Und es gibt Verleihagenturen, bei denen die Frauen angestellt sind. Wenn die Verleihagenturen ihren Service für weniger als 6000 Franken pro Monat anbieten, können sie kaum seriös sein. Ausserdem sollten die Firmen eine Bewilligung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben.

Wie hoch ist ein fairer Monatslohn für die 24-Stunden-Seniorenbetreuung?

Es gibt einen Gesamtarbeitsvertrag für Personalverleiher, da sind die Löhne mit 4500 bis 5000 Franken brutto festgelegt. Ich finde, das ist fair. Da verdienen Betreuerinnen mehr als Frauen an der Migros-Kasse.

«Unsere Mitarbeiterinnen sind im Schnitt 54 Jahre alt. Die sind froh, dass sie Arbeit haben.»

Bloss arbeitet eine Altenbetreuerin nur einen Monat und ist dann einen Monat unbezahlt zu Hause.

Wenn Betreuerinnen nicht arbeiten und zu Hause sind, bekommen sie keinen Lohn. Gesetzliche Ferien sind jedoch bezahlt. Und da sie während der Arbeit mit Kost und Logis bei unseren Kunden wohnen, haben sie ihr gesamtes Nettogehalt zur freien Verfügung. Ich finde das in Ordnung. Unsere Mitarbeiterinnen sind im Schnitt 54 Jahre alt. Die sind froh, dass sie Arbeit haben. In dem Alter bekommen auch Schweizerinnen kaum mehr einen Job.

Wenn der Lohn nicht schlecht ist, warum haben Sie nur ausländische Betreuerinnen?

Es melden sich bei uns viele Personen aus der Schweiz. Aber die müssten dann die Miete für ihre eigene Wohnung weiterzahlen, auch wenn sie bei den Kunden leben. Wegen der hohen Fixkosten in der Schweiz lohnt sich der Job für Einheimische nicht.

Halten Sie die private Seniorenbetreuung in der Schweiz für ein tragbares System?

Ja, nur vermischen die Medien oft illegale und legale Tätigkeiten. Das hat mich auch an Ihrem Bericht gestört.

Keine der interviewten Betreuerinnen war illegal in der Schweiz.

Das vielleicht nicht. Aber schätzungsweise 90 Prozent der Altenbetreuerinnen in der Schweiz sind nicht bei Verleihagenturen, sondern direkt bei den privaten Haushalten angestellt.

Das halten Sie für schlecht?

Private Haushalte sind weder dem Gesamtarbeitsvertrag noch dem Arbeitsgesetz unterstellt. Die haben oft keine Ahnung von den rechtlichen Grundlagen. Manche Familien melden die Betreuerin an, andere nicht und zahlen auch keine AHV. Zu den Familien kommen Betreuerinnen wiederum über ausländische Firmen, die mit Dumpingpreisen werben. Grösster Anbieter in der Schweiz war lange Zeit eine slowakische Agentur, die hier illegal arbeitete, aber mehr als 300 Kunden hatte. Unser Verband will gegen solche schwarzen Schafe vorgehen.

Bekommen Sie Unterstützung?

Leider stossen wir selbst an Grenzen durch die gesetzlichen Vorgaben. Der Gesamtarbeitsvertrag für Personalverleiher ist für den Verleih von Mitarbeitern an andere Firmen ausgelegt, nicht an Haushalte. Dieser Schuh passt uns nicht. Die Politik müsste hier für andere Rahmenbedingungen sorgen.

Betreuerinnen erzählen, dass vor allem Angehörige ihrer Kunden Probleme machten: Sie verlangten oft Betreuungsleistungen rund um die Uhr.

Unser Arbeitsmodell lautet: 6 Stunden Arbeit, 5 Stunden Bereitschaft. Aber natürlich ist es nicht einfach, immer zwischen Arbeits- und Bereitschaftszeit zu unterscheiden. Die Frauen wohnen ja im Haushalt der Kunden. Was fällt da alles unter Arbeit? Das ist sehr komplex, für die Kunden, für die Betreuerinnen und für uns.

Auch Ihre Firma wirbt auf der Website damit, dass «die Seniorenbetreuerin ganztägig zur Verfügung steht».

Das ist auf das Sucherverhalten der Kunden im Internet abgestimmt. Begriffe wie «ganztägig» oder «24 Stunden» brauchen wir für die Suchmaschinen.

Kunden könnten daraus ein Recht auf die 24-stündige Verfügbarkeit der Betreuerin ableiten.

Wir wissen, bei welchen Kunden die Betreuerin in der Nacht aufstehen muss. Und dafür bekommt sie auch mehr Lohn. Man muss in diesem Beruf flexibel bleiben. Nur: Die Gesamtarbeitszeit muss stimmen.

«Manche waren froh, dass sie in der Schweiz bleiben konnten, weil die Quarantäneregeln in ihren Heimatländern viel schärfer waren.»

Von uns interviewte Betreuerinnen sagen, dass ihre Gesamtarbeitszeit während des ersten Lockdown eben nicht mehr gestimmt hat.

Unsere Mitarbeiterinnen blieben zum Teil zwei Monate statt eines Monats und wurden dafür bezahlt. Manche waren froh, dass sie in der Schweiz bleiben konnten, weil die Quarantäneregeln in ihren Heimatländern viel schärfer waren.

Hat die erste Corona-Welle Ihr Geschäft stark beeinträchtigt?

Als der Lockdown kam, dachten wir, dass wir verloren seien. Aber dann bekamen wir mehr Kundenanfragen als zuvor. Es waren ja auch die Grenzen für unser Personal nie wirklich geschlossen. Nur das Reisen war deutlich schwieriger.

Die zweite Welle beunruhigt Sie nicht?

Unsere Betreuerinnen bekommen von uns Bestätigungen und können einreisen. Systemrelevante Berufe sind ja von Quarantäneregelungen ausgenommen. Bis jetzt gibt es auch keine Probleme mit dem Reisen. Wir warten ab, was die nächsten Tage bringen. Jetzt zu planen, bringt gar nichts.

92 Kommentare
    Betreuerin

    Es geht nur um Ihre Provision, Mister Kocher. Wo sind Sie, wenn wir Probleme mit den Kunden haben?