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Meinung

Beschämende Ignoranz

Israel soll von der Landkarte verschwinden: Ein Graffiti, wie es sie in der Westbank zu Tausenden gibt.

Tel Aviv hat sich ganz wunderbar zurechtgemacht für den Eurovision Song Contest (ESC), der am Dienstag beginnt und beste Werbung für den Gastgeber garantiert – über 100 Millionen Zuschauer dürften via Fernseher nach Israel blicken. Ein Traum für jeden Tourismusbeauftragten. Tel Aviv glänzt und glitzert, sogar noch ein bisschen mehr als sonst; doch das Strahlen ist nur vordergründig, die Anspannung ist spürbar, übertüncht die Vorfreude dieser eigentlich vor Leben strotzenden Stadt.

Die Angriffe von palästinensischen Terroristen, also von Hamas und Islamischer Jihad, die zu Beginn dieser Woche über 700 Raketen auf Israel abgefeuert haben, wirken nach. Über dem Land mag der Rauch verschwunden sein, aber ein unsichtbarer Schwaden der Verständnislosigkeit, der Wut, und ja, auch der Sorge, hält Israel weiter umhüllt.

«Zurückhaltung auf beiden Seiten»

Das ist nichts als nachvollziehbar, ist die einzige Demokratie im nahen Osten – Überraschung, Überraschung – mal wieder als Aggressor für die Konflikte um Gaza auserkoren worden. Die sogenannte Weltgemeinschaft zeigte sich entweder bestürzt «über die brutalen Vergeltungsschläge» der israelischen Armee in Gaza oder zumindest ausserstande, klar Stellung zu beziehen: Deutschland, das sich ja gerne als Verbündeter lobpreist, bescheinigte Israel zwar ein Recht auf eine Reaktion und den Schutz der eigenen Bevölkerung, schwächte dieses Bekenntnis aber nur wenig später ab, indem auf einmal «Zurückhaltung auf beiden Seiten» propagiert wurde.

Auf die Heuchler bei der UNO ist sowieso kein Verlass: Kein Land wird öfters für wenig verurteilt als Israel, dafür viele Schreckensregime und Diktaturen für echte Gräueltaten: selten, eher nie. 21 von 26 Resolutionen im ad absurdum geführten Menschenrechtsrat gingen 2018 an die Adresse des jüdischen Staates. Israel ist trotz vermeintlich vielen Freunden – von den USA natürlich abgesehen – ein Staat ohne Lobby.

Selbstverteidigung

Dabei ist es nur logisch, dass sich ein Land, das massiv attackiert wird, gegen die Angriffe wehrt – was mit «Zurückhaltung» eher nicht vereinbar ist. Das nennt sich Selbstverteidigung. Und anders als die palästinensischen Terroristen, die bewusst die Zivilbevölkerung unter Beschuss nehmen, wurden gezielt Stellungen von Hamas und Islamischer Jihad ins Visier genommen. Dass es dabei auch immer wieder zu unschuldigen Opfern kommt, ist tragisch, aber bei Militäreinsätzen kaum verhinderbar.

Nun ist es aber auch so, dass gerade die Hamas dafür bekannt ist, die eigene Bevölkerung als menschlichen Schutzschild zu missbrauchen – eine perfide List, um den Hass auf Israel aufrechtzuerhalten. Viele Kinder und Jugendliche, den Antisemitismus seit Geburt eingeimpft erhaltend und ein perspektivloses Leben führend, kennen als einzige Vision nur den Märtyrertod, indem sie wahllos morden. Sie sind Täter. Aber auch Opfer.

Beschämende Ignoranz

Dass diese Perversion bei der Zivilbevölkerung langsam weniger Akzeptanz findet, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Die Bewohner haben die prekären Verhältnisse satt, für die nicht Israel, sondern die lokale Behörde verantwortlich sind. Sie lehnten sich im März gegen die Hamas auf – und wurden dafür brutal bestraft. Dass sich diese Proteste noch nicht gross herumgesprochen haben, die Anliegen nicht besser unterstützt werden, liegt auch an der miserablen Berichterstattung der meisten einflussreichen (westlichen) Medien. Es ist überaus fragwürdig, wie palästinensische Propaganda unhinterfragt verbreitet wird.

Das lässt sich an einem schrecklichen Beispiel leicht aufzeigen: Bei den Auseinandersetzungen ist in Gaza auch ein unschuldiges, kleines Kind gestorben. Es wurde nur 14 Monate alt. Vermeldet wurde von allen Medien anschliessend, dass dieses Kind nach einem israelischen Luftangriff ums Leben gekommen sei. Mitte Woche musste der Islamische Jihad, der vom Iran mit Millionen alimentiert wird und der Hamas den Rang ablaufen will, aber zugeben, dass eine fehlgeleitete Rakete dafür verantwortlich ist.

Reaktionen, Korrigenda? Gab es kaum. Und selbst wenn: Die Meinungen waren gemacht. Diese Ignoranz ist beschämend. Aber ist sie verwunderlich in einer Zeit, da Israel in jeder Top-Ten-Liste der meistgehassten Länder prominent erscheint? In einer Zeit auch, in der der Antisemitismus, der natürlich damit assoziiert werden muss, weltweit grassiert?

Toxische Mischung

Wie das Kantor-Zentrum, das Bestandteil der Universität Tel Aviv ist, in einer neuen Studie schreibt, sind sowohl antijüdische Morde, schwere Gewaltverbrechen, aber auch leichtere tätliche Angriffe deutlich angestiegen. Was besonders schockiert – und frühere Forschungsergebnisse untermauert: Der Antisemitismus wächst (im Vergleich zum Vorjahr) rasant an: In Grossbritannien um 16 Prozent, in Italien um 60 Prozent und in Frankreich sogar um 74 Prozent. Heisst es seit gut 70 Jahren eigentlich nicht: nie wieder?

Das europäische Problem: Eine toxische Mischung sorgt dafür, dass der Israelhass, bereits verbreitet, immer grösser wird. Es gibt den Israelhass der Rechten, die sich noch immer das Dritte Reich zurückwünschen; es gibt den Antisemitismus der zugewanderten Muslime, die aus Ländern stammen, in denen die «Auslöschung» Israels zur Staatsdoktrin gehört und kaum hinterfragt wird; und es gibt jenen der Linken – und das ist vielleicht die unterschätzteste und damit gefährlichste Form, da er sich manchmal mehr, manchmal weniger geschickt unter dem Deckmantel der «Israelkritik» versteckt – und in der Vergötterung der Minderheit.

Dabei ist es ein Widerspruch besonderen Ausmasses, wie selbsternannte moralische Vorkämpfer für Gleichberechtigung in Israel den Teufel sehen, wo Diversität gelebt wird, wo eine LGBT-Parade selbstverständlich ermöglicht wird – und gleichzeitig Islamisten hofieren, von denen Frauen im Gazastreifen laut Amnesty International erniedrigt werden, Folter erdulden und Ehrenmord fürchten müssen. Eine LGBT-Parade wird wohl auch eher nicht stattfinden. Und Israel soll der Apartheidstaat sein?

Heisst es eigentlich nicht klar: nie wieder?

Man muss froh sein, ist Israel ein solch starkes Land, das sich, trotz aller widerfahrener Ungerechtigkeit, nicht von seinem Weg abbringen lässt. Das für all seine gut acht Millionen Einwohner, davon ein Fünftel nichtjüdischer Araber, einen Ort der Freiheit geschaffen hat. Wird diese von Extremisten bedroht – und die gibt es wie in jedem Land natürlich auch in Israel – reagiert der Rechtsstaat schnell und hart. Zu Recht. So funktioniert eine Demokratie.

Nicht wie in Gaza, wo Familien von Terroristen eine Märtyrerrente erhalten, wo nach jedem Mord an einem Israeli auf den Strassen gefeiert wird und Süssigkeiten verteilt werden. Wenn in Israel eine Party gefeiert wird, dann nicht wegen toter Menschen, sondern wegen eines völkerverbindenden Anlasses wie dem ESC, der perfekt nach Tel Aviv passt.

Für die Schweiz wird Luca Hänni, 24, antreten. Ein junger Wohlfühlmusiker mit Liedern ohne politischen Inhalt, ein Entertainer der seichten Unterhaltung. Angriffsfläche bietet Hänni eigentlich nicht. Als er sich aber nach Tel Aviv aufmachte und in den sozialen Medien einige Bilder veröffentlichte, da gab es ein paar Glückwünsche mit auf den Weg, das schon, aber hauptsächlich wurde er angefeindet, weil er sich nach Israel begeben hat. Das ist die traurige Realität. Heisst es eigentlich nicht klar: nie wieder?