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Die erstaunliche Harmlosigkeit der Basler Lehrer-Gewerkschaft

Die Personalunion von KSBS und FSS schwächt die Schlagkraft der Pädagogen.

Viele Lehrer fühlen sich von der Kantonalen Schulkonferenz nicht vertreten.
Viele Lehrer fühlen sich von der Kantonalen Schulkonferenz nicht vertreten.
Gaetan Bally, Keystone

Es war eine verblüffende Basler Schulkonferenz vor einigen Wochen in der St. Jakobshalle vor rund 3000 Lehrerinnen und Lehrern: Munter präsentierte Gaby Hintermann, abtretende Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz Basel, ihre Kleider, die sie während ihrer Amtsjahre auf dieser Bühne getragen hatte, der milde lächelnde Erziehungsdirektor Conradin Cramer bekam ein afrikanisches Liedchen gesungen, in dem um Wasser, beziehungsweise Geld, gebeten wurde, und Diskussionen über die Klimabewegung wurden elegant umschifft.

Friede, Freude, Eierkuchen. So segeln die Basler Schulpädagogen durch den Schulalltag. Diese Stimmigkeit ist in hohem Masse dem Umstand geschuldet, dass der leitende Ausschuss der Kantonalen Schulkonferenz (KSBS) und die Geschäftsleitung der Freiwilligen Schulsynode (FSS) aus denselben Personen bestehen. Eine unabhängige Gewerkschaft, wie etwa in Baselland und in den meisten anderen Kantonen, haben die Lehrer nicht. Auch wenn dies Vorstandsmitglied Jean-Michel Héritier in Abrede stellt. «Wir sind nahe an den Informationen des Erziehungsdepartements, aber wir trennen die staatlichen Geschäfte und die Lehrervertretung sauber», sagt er. Nur so komme man stets an alle Informationen heran und gelte beim Kanton als solider Verhandlungspartner.

«Ein zahnloses Gefüge»

«Der Kanton Baselland macht vor, wie man auf Augenhöhe mit dem Regierungsrat verhandeln kann und den Mut zum Widerspruch hat», sagt indes der Basler Gymnasiallehrer Georg Geiger. Er sieht die städtische Personalunion als «zahnloses Gefüge», das sich selber blockiert. «An der jährlichen Schulkonferenz ist man stets wahnsinnig bemüht, alles abzuklemmen, was für Ärger sorgen könnte», sagt er.

Tatsächlich sei an der Jahresversammlung in der St. Jakobshalle sein Antrag lediglich verwässert präsentiert worden, damit man politisch nicht auffällt. Georg Geiger hatte im Vorfeld der Versammlung einen Antrag betreffend Unterstützung der Klimabewegung Basel eingereicht. Es sollte darüber abgestimmt werden, ob die Basler Lehrerinnen und Lehrer die Ausrufung des Klimanotstandes unterstützen oder nicht. «In zähen Verhandlungen weigerte sich die Geschäftsleitung, diesen Antrag vors Plenum zu bringen», sagt er. Man habe argumentiert, sie seien keine Gewerkschaft und auch keine klassische Standesorganisation, sondern eine Art Vermittler zwischen Erziehungsdepartement und Lehrpersonen. Nach Kompromissen im Wortlaut liess Gaby Hintermann im Plenum dann nicht darüber abstimmen, sondern holte nur ein Stimmungsbild ein.

Wenn jedoch Erziehungsdirektor Conradin Cramer die Gymnasialquote mit unter Eltern und Lehrern umstrittenen Massnahmen senken wolle, ziehe er diese mit aller Konsequenz durch, und die Personalunion schweige öffentlich weiter, sagt Geiger.

Diese Beispiele zeigen die tief sitzende Angst der Kantonalen Schulkonferenz, sich unbequem zu zeigen. Und da das Führungsgremium dasselbe ist wie bei der Freiwilligen Schulsynode, fühlen sich viele Lehrer auch von dieser nicht vertreten. So wurden die Lehrerinnen und Lehrer, die sich nach Absprache mit den Eltern weigerten, mehrseitige Lernberichte über die kleinsten Schüler zu verfassen, von der Nicht-Gewerkschaft im Stich gelassen. Sie wurden vom Erziehungsdepartement für ihre Verweigerung dieser Bürokratie- und Beur­teilungsflut abgekanzelt und mundtot gemacht, ohne dass sich jemand hinter sie gestellt hätte. «Ich wünschte mir, dass es eine Lehrergewerkschaft gibt, die die Lehrer schützt», sagt Geiger. Besonders jetzt, da mit der Digitalisierung eine neue Reform voller offener Fragen und Unsicherheiten auf die Schulen zukäme.

Historisch gewachsen

Jean-Michel Héritier sieht jedoch eine historische und bewährte Tradition in der Personalunion. Diese zwei Verbände hätten schon vor über hundert Jahren existiert. 1928 habe jedoch der damalige Erziehungsdirektor Fritz Hauser, ein Sozialdemokrat, die Freiwillige Schulsynode aufgelöst, mit dem Argument, im Kantonalverband würden ja eh die Fäden zusammenlaufen, und diese Organisation genüge. Nach einem Jahr gab es im Vorstand dagegen Widerstand, und dieser gründete die Freiwillige Schulsynode erneut. «Es waren damals wie heute die gleichen Leute. Das macht uns als Verhandlungspartner solide», sagt Héritier. Doch vor jedem Entscheid werde ein ausgeklügelter, basisdemokratischer Prozess in Gang gesetzt, indem die Meinung der 4000 Mitglieder der Freiwilligen Schulsynode über die Standortdelegierten eingeholt werde.

Mittlerweile ist auch die Mehrheit der Pädagogen dermassen handzahm, dass sie sich nicht ernstlich gegen die Obrigkeit auflehnen und die Wahl der Vorstände der Personalunion jeweils absegnen. «Ich habe x Jahre daran gedacht, einen Antrag zu stellen, damit die Personalunion auseinanderdividiert wird», sagt Geiger. Doch dann hätte er eine neue Struktur aufbauen müssen, und dazu fehlten ihm die Kapazitäten.

So wirken weiterhin die Kräfte einer gut geölten Maschine von Vernehmlassung und Kommissionen, die hauptsächlich Harmonie und Ausgleich statt echter Auseinandersetzung bringen.

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