Zum Hauptinhalt springen

Kein Platz für Flick CollectionBerlin gibt umstrittenem Kunstsammler Flick den Laufpass

Nach 16 Jahren in der deutschen Hauptstadt soll die grandiose, aber moralisch fragwürdige Sammlung zeitgenössischer Kunst in die Schweiz zurückkehren.

Christian Friedrich Flick neben dem Gemälde «Junger progressiver Arzt bei der Betrachtung von Unrat» (1985) des deutschen Künstlers Martin Kippenberger.
Christian Friedrich Flick neben dem Gemälde «Junger progressiver Arzt bei der Betrachtung von Unrat» (1985) des deutschen Künstlers Martin Kippenberger.
Foto: Reuters

Der Kunstsammler Christian Friedrich Flick zieht seine Sammlung aus Berlin zurück. Der Vertrag der Stadt mit dem 75-jährigen Erben des gewaltigen Familienvermögens, das einst Friedrich Flick (1883–1972) mit der Produktion von Rüstungsgütern für die Nazis zusammengetragen hatte, läuft Ende 2021 aus. Grund für den Abschied aus Berlin ist, dass die Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs, in denen Teile der riesigen, rund 2500 Werke umfassenden Sammlung ausgestellt waren, abgerissen werden. Sie müssen einer Neuüberbauung Platz machen, die vom Besitzer der Gebäude, einem in Wien beheimateten Immobilienkonzern, geplant ist.

Die Stadt Berlin, die pikanterweise gerade jetzt ein gigantisches Neues Museum der Moderne baut, dessen Entwurf von Herzog & de Meuron stammt, kann dem schwerreichen Sammler keinen Ersatz für die Rieck-Hallen zur Verfügung stellen. So ist das Museum der Moderne nicht für die zeitgenössische Kunst einer Flick Collection gedacht, sondern offenbar für ältere Kunst des 20. Jahrhunderts. Zudem hat Flick einen vierstöckigen Bau, den man ihm als Museumsersatz angeboten hat, abgelehnt. Er hat sich entschlossen, seine Bilder wieder in die Schweiz zurückzuholen, ohne diesen Entscheid weiter zu kommentieren. Das alles wäre vermeidbar gewesen, wenn die Berliner Kulturpolitik sich frühzeitig um die Sicherung der Rieck-Hallen hinter dem Hamburger Bahnhof bemüht hätte.

In den Jahren seit der Eröffnungsausstellung 2004, die im Hamburger Bahnhof und in den Rieck-Hallen stattfand, wurden zahlreiche Ausstellungen mit Werken aus der Flick Collection gezeigt, unter anderem zu Wolfgang Tillmans, Bruce Nauman, Martin Kippenberger oder Roman Signer, sowie umfangreiche thematische Präsentationen zur Kunst seit den 60er-Jahren. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, lässt sich folgendermassen zitieren: «Ich bedauere es ganz ausserordentlich, dass wir die Zusammenarbeit mit Friedrich Christian Flick nicht fortsetzen können. Die Staatlichen Museen zu Berlin schulden ihm grossen Dank, denn wir blicken auf eine überaus fruchtbare Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren zurück.»

Zürich wollte Sammlung nicht

Flick, der seit Jahrzehnten im steuergünstigen Gstaad ein Chalet bewohnt, hat der Nationalgalerie in zwei grosszügigen Schenkungen 268 Werke zeitgenössischer Kunst vermacht, die auch in Zukunft in Berlin bleiben werden. Der Löwenanteil der Sammlung wird die Stadt aber verlassen. Dazu Udo Kittelmann, der selbst Ende 2020 das Direktorium der Nationalgalerie aufgeben wird: «Die Nachricht, dass mit der Friedrich Christian Flick Collection eine der weltweit herausragendsten internationalen Sammlungen zur zeitgenössischen Kunst Berlin verlassen wird, ist in ihrer gesamten Tragweite zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht absehbar.»

Die Sammlung von Christian Friedrich Flick sollte 2001 in Zürich ein Museum erhalten, das Rem Kohlhaas in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schiffbau hätte bauen sollen. Da sich der damalige Schauspielhaus-Direktor Christoph Marthaler vehement gegen ein Flick-Museum ausgesprochen und in seinem Protest Sukkurs von zahlreichen Kulturschaffenden und Politikern erhalten hatte, zog Flick seine Pläne zurück und entschied sich für Berlin. Marthaler schrieb damals: «Wir können den Gedanken nicht verdrängen, dass die Exponate dieser Sammlung mit Kriegsverbrecher-Geld und enteignetem, arisiertem jüdischem Vermögen bezahlt wurde. Die Kunst der Sammlung können wir nicht trennen vom Wissen darüber, dass sich die Familie Flick bis heute weigert, Entschädigungsgelder an ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zu bezahlen. Kunst ‹veredelt› in diesem Fall nicht.»