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Süchtig mit 16«Bei den Anonymen Alkoholikern war ich die Jüngste»

Mit 16 Jahren fing Elisabeth Schwachulla an zu trinken, nicht nur auf Partys, auch zu Hause. Im Gespräch erzählt sie, wie es ist, so jung alkoholabhängig zu sein – und wie sie aufgehört hat.

«Ich war hibbelig, bin rastlos rumgelaufen, hatte so einen Schmerz im Bauch. Da habe ich dann kapiert, dass ich körperlich abhängig bin», sagt Elisabeth Schwachulla. Im Bild: Jugendliche trinken Bier.
«Ich war hibbelig, bin rastlos rumgelaufen, hatte so einen Schmerz im Bauch. Da habe ich dann kapiert, dass ich körperlich abhängig bin», sagt Elisabeth Schwachulla. Im Bild: Jugendliche trinken Bier.
Keystone

Als «Trulla», jetzt auch unter ihrem Klarnamen, nimmt Elisabeth Schwachulla, 26, an Poetry Slams teil. Auf der Bühne thematisiert die deutsche Autorin die Probleme, die sie gerade beschäftigen. Nun möchte sie ein Buch über ein sehr persönliches Thema schreiben: ihre Alkoholsucht. Im Gespräch erzählt sie, weshalb sie denkt, dass das Thema alle angeht und warum sie darüber schreibt. Das Interview fand im Englischen Garten in München statt – mit genug Abstand.

Warum sprichst du so offen über deine Alkoholsucht?

Weil es ein Problem ist, über das gesprochen werden muss. Ich denke, Alkoholsucht wird eher verharmlost. Wer nur für die Flasche lebt, verliert alles andere. Es ist ein Teufelskreis aus Negieren und des Nicht-Sehens.

Wie reagieren die Menschen, wenn du von deiner Alkoholsucht erzählst?

Meistens kommt die Frage: Wie alt bist du denn? Weil sie sich nicht vorstellen können, dass man so jung überhaupt schon ein Alkoholproblem haben kann, und dann mit fast 27 schon wieder trocken ist. Ich habe mit 16 angefangen zu trinken und dann auch direkt ein Suchtproblem entwickelt. Mit 24 habe ich aufgehört. Wenn man es so nennen möchte, heisst das: acht Jahre praktizierender Alkoholismus.

Du möchtest jetzt ein Buch über deine Sucht schreiben. Wie kam es dazu?

Mir fehlt momentan eine Darstellung in der Literatur und anderen Medien, die den Lebensstil, den ich gelebt habe - Sex, Drugs and Rock'n'Roll - nicht glorifiziert. Ich möchte auch zeigen, dass Menschen, die nicht so aussehen, wie man sich Suchtkranke vorstellt, schon so jung und so tief in diese Abhängigkeit geraten können.

Hast du Angst, dass dir der offene Umgang mit der Sucht noch irgendwie schaden könnte?

Mir raten tatsächlich viele davon ab, weil sie sich fragen: «Findest du dann noch einen Job?» Aber jemand, der mehr Respekt vor Leuten hat, die zu viel trinken, als vor jemandem, der damit aufgehört hat, der soll gar nicht mein Arbeitgeber werden.

Wie hast du gemerkt, dass du ein Alkoholproblem hast?

Anscheinend wusste ich das mit 16 schon, wollte es aber nicht bewusst angehen. Ich habe neulich alte Mails durchgelesen und gesehen, dass ich in einer Diskussion mit meinem besten Freund geschrieben habe: «Ich muss nicht trinken, um Spass zu haben, aber ohne wäre mein Leben scheiße.»

Und dann?

Es gab eine lange Zeit, in der ich mir sicher war, dass ich Alkoholikerin bin. Aber ich dachte, solange ich es nicht zugebe, muss ich nichts ändern. Mit 18 habe ich viel verdrängt und dann zum Beispiel den Test auf der Kenn-Dein-Limit-Website von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gemacht, und da kam raus, dass ich ein Alkoholproblem habe. Da dachte ich: «Ach Quatsch, ich bin ja noch jung.»

Feiern und vor allem Trinken ist gesellschaftlich akzeptiert. War der Druck der anderen da, dass du trinkst?

Den Druck habe ich eher mit 14 gemerkt, wo auch schon einige in meinem Umfeld angefangen haben zu saufen. Nachdem ich die Sucht entwickelt habe, war ich immer diejenige, die feiern gehen wollte. Alle haben getrunken und jeder von uns hatte vermutlich irgendwann mal einen Absturz, aber bei mir war es quasi an der Tagesordnung, betrunken zu sein.

Wie viel hast du denn getrunken?

Sehr viel - so viel, wie da war oder bis mir das Geld ausging, ich kotzen musste oder eingeschlafen bin.

Du hast gesagt, dass du den Alkohol gebrauchst hast - ein erstes Zeichen der Abhängigkeit.

Ich habe nicht realisiert, dass mein Verhalten nicht normal ist. In stressigen Situationen habe ich Alkohol gebraucht. Ich wurde auch oft aggressiv, wenn ich das nicht bekommen habe.

Wann kam der Moment, an dem du gesagt hast: Schluss damit!

Ein Semester vor meinem Master-Abschluss hatte ich eine persönliche Krise und wollte mein Studium schmeissen. Ich wusste nicht mehr, weshalb ich das alles überhaupt mache. Ich hatte auch ziemlich viel Scheisse gebaut in meinem Freundeskreis und wusste nicht mehr weiter.

Und was ist dann passiert?

Als ich mit meinem Bruder über mein Alkoholproblem sprach, sagte er: «Dann hörst du am besten gleich heute mit dem Trinken auf, bis du es nicht mehr aushältst. Dann trinkst du immer noch nichts. Und dann darfst du wieder trinken.» Das hat erst einmal gesessen. Ich habe einen Monat nichts getrunken und dann versucht, langsam wieder anzufangen: Nicht mehr zehn Bier an einem Abend, sondern zwei. Nach einer schlechten Nachricht waren es dann aber wieder doppelt so viel. Und wenn ich einen Tag zu Hause war, ging es mir total schlecht.

Was meinst du damit?

Ich war hibbelig, bin rastlos rumgelaufen, hatte so einen Schmerz im Bauch. Da habe ich dann kapiert, dass ich körperlich abhängig bin. Ich habe gemerkt, dass es leichter ist, gar nichts zu trinken, anstatt ab und zu mal etwas zu trinken.

Die wenigsten schaffen es, aus sich selbst heraus abstinent zu werden. Was würdest du jemandem sagen, der Hilfe braucht?

Ich habe es auch nicht vollkommen allein geschafft: Freunde und Familie haben mich unterstützt. Ich denke, am wichtigsten ist es, sich klarzumachen, dass man sich dafür nicht schämen sollte, dass Hilfe annehmen immer etwas Gutes ist und eher von Stärke zeugt als von Schwäche.

Wie sah die Hilfe konkret aus?

Ich habe allen Leuten, die ich kannte, gesagt, dass ich aufhöre. Vor ihnen wollte ich nicht mein Gesicht verlieren. Und einmal war ich bei den Anonymen Alkoholikern. Da ging es viel ums Zuhören und weniger um das konkrete Problem, das hat mir in dem Moment nicht so viel geholfen.

Warst du die Jüngste?

Ja, mit Abstand.

Viele sind in der Corona-Krise gestresst und trinken eventuell mehr. Hast du Angst vor einem Rückfall?

Eine grosse Gefahr sehe ich bei mir zum Glück nicht. Ich bin davon überzeugt, dass trocken werden die beste Entscheidung war, die ich in meinem Leben jemals getroffen habe. Das Gefühl ist jedoch da: Ich würde lügen, würde ich sagen, es gäbe viele Tage, an denen ich nicht an Alkohol denke. Seit sich das öffentliche Leben so verändert hat, ist das Bedürfnis stärker.

Wie gehst du damit um?

Ich werde sehr wütend, aber nicht auf mich. Ich finde es furchtbar, wie positiv bewertet und verfügbar Alkohol ist. Man kriegt ihn immer und überall, zu jeder Tageszeit. Ich kann ja nicht einmal eine Serie anschauen oder blöd im Internet rumsurfen, ohne auf Werbung zu stossen, die Alkohol glorifiziert.

Was würdest du Menschen mit einem Alkoholproblem raten?

Mir hat es immer gutgetan, mit anderen Menschen zu sprechen - ob jetzt über Alkohol oder nicht. Und: Tee trinken. Ich habe früher nie Tee gemocht, aber ohne Tee wäre ich wahrscheinlich jetzt nicht trocken. Es ist sehr hilfreich.

Alkohol ist eine Gesellschaftsdroge. Wie sehr trifft das eine abstinente Person?

Es kommt vermutlich darauf an, ob man sich oder der Gesellschaft die Schuld an dem Problem gibt. Bei mir ändert sich das auch von Woche zu Woche. Aber ich komme mir oft vor, als wäre ich Angehörige einer Sekte, die alles, was für andere Leute selbstverständlich ist, ablehnt.

Ich glaube, die meisten Leute haben irgendeine Art von Sucht - die eine ist eher gesellschaftlich verträglich, die andere weniger.

Du bist nun schon fast 1000 Tage trocken. Hast du Angst, aus Versehen Alkohol zu trinken?

Ich träume oft davon, dass ich aus Versehen Alkohol trinke. Ich hatte auch schon mal einen Schluck im Mund und habe ihn sofort wieder ausgespuckt. Meine Reaktion hat mich fertiggemacht.

Mediziner raten bei Abstinenz zu Notfallplänen. Hast du auch so einen?

Nein. Er würde aber sicherlich eines beinhalten: Erst einmal mit jemandem zu reden.

Dir ist dein Problem früh aufgefallen und du hast auch gehandelt. Für viele in deinem Alter ist es vollkommen normal, sich zu besaufen. Wie blickst du jetzt auf diese Tatsache?

Es ist natürlich problematisch, weil man dadurch leichter ein Alkoholproblem entwickeln kann, ohne es zu merken. Ich glaube aber auch, dass man schon erkennt, wer aus Spass trinkt oder weil es dazu gehört und wer es wirklich braucht. Ich habe es immer irgendwie gebraucht. Natürlich, das zu erkennen, ist schwierig in einem Umfeld, wo es für andere kein wirkliches Problem darstellt und man sein eigenes Verhalten damit rechtfertigen kann, dass es eben alle machen.

Was gibt dir Halt?

Die Entscheidung aufzuhören und das durchzuziehen hat mein Leben total verändert. Zu sehen, was schon hinter mir liegt, ist ein Erfolg für mich. Irgendwo bin ich auch ein trotziger Mensch. Ich schaffe täglich etwas, das ich für unmöglich gehalten habe.

Was würdest du jemandem sagen, der jetzt in dieser Situation steckt?

Zum einen, dass man nicht allein ist damit. Ich glaube, die meisten Leute haben irgendeine Art von Sucht - die eine ist eher gesellschaftlich verträglich, die andere weniger. Für mich persönlich war es wichtig zu erkennen, dass Alkohol nun wirklich keine Probleme löst, sondern, im Gegenteil, neue produziert. Ich bin jetzt quasi wieder da, wo ich mit 15 war.

Das ist kryptisch.

Ich habe jahrelang alle meine Probleme verdrängt, meine Gefühle unterdrückt. Und erst jetzt, wo ich sie aushalten muss, konnte ich an meinen Problemen arbeiten.

Bemerkst du es in deinem Geldbeutel, dass du nicht mehr trinkst?

Ja. In der Zeit, in der ich aufgehört habe zu trinken, habe ich kein BAföG mehr bekommen. Ich glaube, ich wäre verhungert, hätte ich nicht mit dem Trinken aufgehört. Zwischen Essen und Alkohol wäre meinem früheren Ich die Entscheidung leichtgefallen, wofür ich mein Geld ausgegeben hätte.

Das Aufhören war für dich ein Gewinn - auf vielen Ebenen.

Die Sucht hat mir und allen in meinem Umfeld nur geschadet. Trocken zu werden war eine Entscheidung für das Leben.