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Vorwürfe in BinningenPsycho-Terror auf der Gemeindeverwaltung

Während Corona übernahm Brigitte Regli Extraschichten auf der Steuerverwaltung der Gemeinde Binningen. Nachdem sie wochenlang auf ihren Lohn gewartet hatte und sich deshalb per E-Mail bei ihrer Abteilungsleiterin meldete, wurde sie der Illoyalität bezichtigt.

Brigitte Regli kann sich wieder ganz auf die Arbeit in ihrem Beautysalon in Binningen konzentrieren.
Brigitte Regli kann sich wieder ganz auf die Arbeit in ihrem Beautysalon in Binningen konzentrieren.
Foto: Dominik Plüss 

Heute kann sie wieder lachen; die 53-jährige Kosmetikerin Brigitte Regli. Seit ihr privater Beautysalon in Binningen den Betrieb wieder aufgenommen hat, boomt er regelrecht. Regli ist völlig in ihrem Element, als sie die Massageliege für den nächsten Kunden vorbereitet. Ihr ist kaum anzumerken, dass sie im letzten halben Jahr eine emotionale Achterbahnfahrt durchgemacht hat. Dafür verantwortlich war jedoch nicht Corona, sondern das «Machtgehabe» des Binninger Gemeindeverwalters Christian Häfelfinger und seiner untergebenen Abteilungsleiterin.

Aber von Anfang an: Erst dieses Jahr ist Regli mit ihrem Beautysalon von Basel nach Binningen gezogen. Ihren neuen Arbeitsplatz wollte sie etappenweise einrichten. Um sich finanziell abzusichern, war sie bereit, zusätzlich andere Jobs anzunehmen.

Dank ihrer langjährigen und erfolgreichen Tätigkeit als Steuerverwalterin und ihrem eidgenössischen Fachausweis als Treuhänderin musste Regli nicht lange suchen, als sie auf einen Teilzeitjob auf der Steuerverwaltung der Gemeinde Binningen stiess – diese ist nur ein Katzensprung von ihrem neuen Beautysalon entfernt. Ihre Fachkenntnisse spielten ihr in die Hände, und die Gemeinde Binningen war dringend auf Personalsuche. Nachdem Regli sich beworben hatte, bekam sie die Stelle schnell.

Alleine im Büro während des Lockdown

Ungefähr einen Monat arbeitete sie morgens in der Gemeindeabteilung Finanzen und Steuern, nachmittags richtete sie ihren Beautysalon ein. In der Gemeinde bekam sie von ihren Vorgesetzten zunächst noch viel Dank und Lob für ihr Engagement. Sie würde schnell und zügig arbeiten, versicherte ihr die Abteilungsleiterin Giovanna Gagliano mehrmals. Dann kam Corona, und fast alle Mitarbeiter verabschiedeten sich ins Homeoffice – Brigitte Regli blieb im Büro.

Sie war froh, während der Corona-Krise überhaupt ein festes Einkommen zu haben. Da der Beautysalon geschlossen bleiben musste, bot sie der Gemeinde an, auch Überstunden zu leisten. Für die Vorgesetzte Gagliano ein willkommenes Geschenk. Reglis 50-Prozent-Pensum wurde in mündlicher Absprache auf 70 Prozent hochgefahren. Dann begann der Albtraum.

Regli wusste, dass ihr erhöhtes Arbeitspensum erst rechtskräftig war, wenn der Gemeindeverwalter es genehmigt hatte. Sie hat ihre Abteilungsleiterin deshalb gebeten, die neuen Zeiten schnellstmöglich beim Verwaltungsleiter Christian Häfelfinger einzureichen. Im Vertrauen, dass die verbale Abmachungen gelte. Doch Gagliano zögerte. Überdies wurde Regli immer häufiger allein gelassen. Durch ihre Berufserfahrung konnte sie sich oftmals selber helfen, dennoch hätte sie eine Ansprechperson gebrauchen können. «Die Steuerverwaltung Binningens ist mit ihren Veranlagungen enorm im Verzug», sagt Regli, die «den Laden» auch mit ihrem Know-how am Laufen gehalten hat.

Lohn bleibt aus

Die Gemeinde Binningen hat ein spezielles Credo: Leistet man über 80 Stunden Mehrarbeit pro Monat, ohne eine vertragliche Vereinbarung, müssen diese rechtlich nicht ausbezahlt werden. Regli wusste das und forderte Gagliano deshalb auf, die Details endlich mit Häfelfinger abzuklären. Die Abteilungsleiterin liess sich jedoch weiterhin Zeit. Gleichzeitig wurde Regli daran erinnert, dass Überstunden unterjährig ausbezahlt werden können – also erst im Laufe des Jahres. Die 53-Jährige glaubte dennoch an das Gute, auch wenn die Stimmung auf der Gemeinde kippte. Der Personalmangel verschlimmerte sich. Ein Mitarbeiter wurde für zwei Monate krankgeschrieben und zum Vertrauensarzt geschickt. Ein bekanntes Muster in Binningen, über das die BaZ bereits im Dezember berichtet hat.

Von Häfelfinger hat Regli auch nach Wochen nichts gehört, und auch auf ihrem Bankkonto schlugen sich die Überstunden nicht nieder. Am 24. April entschied Regli deshalb, sich per E-Mail an Gagliano zu richten. Der BaZ liegt die Nachricht vor: «Ich bitte dich zur Kenntnis zu nehmen, dass ich ab sofort keine zusätzliche Mehrarbeit mehr leisten werde, bis die Auszahlung meiner zusätzlichen Mehrarbeit rechtsverbindlich geregelt ist.» Daraufhin sei die Abteilungsleiterin explodiert.

Vorbei die Zeit von Lob und Dank: «Gagliano hat mich der Illoyalität beschuldigt und mir gesagt, ich solle ihr einfach vertrauen», sagt Regli, welche die Welt nicht mehr verstand. «Die E-Mail ist doch völlig harmlos.» Doch die Vorgesetzte war derart gekränkt, dass sie den Qualifikationsbogen für Regli, nachdem sie über mehrere Wochen pflichtbewusst und sorgfältig ihre Arbeit erledigt hatte, in vielen Punkten negativ ausfüllte. Kurz nach der E-Mail schaltete sich auch Verwaltungsleiter Christian Häfelfinger ein. «Endlich», dachte sich Regli. Doch die 53-Jährige wurde bitter enttäuscht.

Anstatt die Uneinigkeiten zu beheben, sei der Gemeindeverwalter seiner Untergeordneten Gagliano keinen Deut nachgestanden. Regli sagt: «Häfelfinger hat mir Respektlosigkeit, Unanständigkeit und Erpressung vorgeworfen.» Für sie war das zu viel; am Ende des Gesprächs beendete sie das Arbeitsverhältnis. Das offizielle Kündigungspapier reichte sie am 30. April, an ihrem letzten Probetag, ein.

Häfelfinger verneint «Mobbing»

Der Verwaltungsleiter selbst verneint den Sachverhalt nicht, entgegnet aber: «Weder Frau Gagliano noch ich haben uns über Frau Regli enerviert.» Man habe nach einem Grund gesucht, warum sie auf den Gedanken komme, dass man sie um den Lohn prellen wolle. «Ihre Aussagen liessen uns konsterniert zurück, da wir ihr eigentlich Vertrauen aussprechen wollten. Von Mobbing kann aber keine Rede sein», so Häfelfinger. Die 53-jährige Regli ist sich jedoch sicher, das Richtige getan zu haben. «Ich habe die Notbremse noch im letzten Moment gezogen.»

Rechtlich vorgegangen ist sie nicht, auch wenn viele ihrer Angehörigen das bevorzugt hätten. «Es bringt mir ja nichts», sagt die Beauty-Frau lachend. Bereits in der Vergangenheit wurde Häfelfinger vorgeworfen, seine Mitarbeiter zu schikanieren. Die Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission (GRPK) hatte daraufhin ein Auge auf ihn geworfen: «Wir haben die Personalakte Häfelfinger zwar ad acta gelegt, beobachten die Sache aber mit einer gewissen Wachsamkeit», sagt Karl Heim, scheidender Präsident der GRPK.