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Kurz vor eigenem TodBasler Ärztin kritisiert Verhalten von Medizinern gegenüber Sterbenden

Kathryn Schneider-Gurewitsch stirbt nach jahrelangen Therapien an Krebs. Vor ihrem Tod schrieb die Medizinerin ein Buch darüber, wie wir sterben möchten und wie der Tod in Wirklichkeit aussieht.

Wir alle müssen sterben, doch wir ignorieren diese Tatsache, bis es zu spät ist, uns darauf vorzubereiten.
Wir alle müssen sterben, doch wir ignorieren diese Tatsache, bis es zu spät ist, uns darauf vorzubereiten.
Foto: Adrian Moser

«Meine Sanduhr läuft ab. Ihre auch.» Dieser Satz steht ziemlich am Anfang des Sachbuchs von Kathryn Schneider-Gurewitsch. Die Autorin arbeitete viele Jahre als Ärztin und Psychoonkologin in Basel und erkrankte in ihrem Leben selber dreimal an Krebs.

Im Alter von 37 Jahren ertastet sie zum ersten Mal einen Knoten in der Brust. Es folgen Operationen und Chemotherapien. Dasselbe wiederholt sich Jahre später wegen Tumoren an den Eierstöcken. Schneider-Gurewitsch überlebt beide Male. Bei der dritten Krebsdiagnose, es handelt sich um Knochmarkkrebs, ist der Ärztin sofort klar, dass die Krankheit dieses Mal unheilbar ist. Das Wissen um den nahenden Tod wirft viele Fragen auf: Wie lange und intensiv will sie mit medizinischen Massnahmen um eine Verlängerung des Lebens kämpfen? Welche Nebenwirkungen nimmt sie in Kauf? Und unter welchen Umständen möchte sie aus dem Leben treten, wenn es so weit ist?

Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod führt dazu, dass Schneider-Gurewitsch sich noch vertiefter damit zu befassen beginnt, wie unsere Gesellschaft mit dem Thema Sterben umgeht. Sie recherchiert intensiv und liest zahlreiche Studien und Berichte aus verschiedenen Ländern.

Behandlungen ohne Aussicht auf Erfolg

Aus Schneider-Gurewitschs Aufzeichnungen ist das Buch «Reden wir über das Sterben» entstanden, das drei ihr nahestehende Menschen nach ihrem Tod veröffentlicht haben. Bereits der Titel macht klar, worum es ihr dabei in erster Linie ging: Die Gesellschaft soll damit aufhören, den Tod aus dem Leben auszuklammern. «Gelänge es, das Tabu zu brechen und frühzeitig über die letzten Dinge zu reden, ginge es den Sterbenden und ihren Nächsten in vielen Fällen besser», schreibt sie. Stattdessen sei sie immer wieder Zeuge geworden, wenn ältere Menschen im Gespräch über ihren Wunsch zu sterben abgewehrt wurden. «Nein, nein! Sag nicht so etwas! Wir werden noch lange Feste feiern! Wir brauchen dich.» Dieser Druck der Angehörigen könne so weit gehen, dass Patienten schmerzhafte und nutzlose Therapien über sich ergehen liessen, obwohl sie selber eigentlich lieber in Frieden sterben möchten.

Schneider-Gurewitsch liefert mit ihrem Buch die richtige Grundlage, um sich dem unangenehmen Thema zu widmen. Sie bietet Zahlen und Fakten dazu, wie Menschen sterben möchten – daheim, gut gepflegt von Menschen, die sie mögen, und in Akzeptanz. Und wie anders die Realität in unserer Gesellschaft aussieht: Die meisten sterben in Pflegeheimen oder im Spital.

Ausserdem würden gerade Krebspatienten selbst dann noch weiter behandelt, «wenn keine Aussicht auf eine Besserung des Befindens, geschweige denn auf Heilung mehr besteht». Dies verhindert, dass Patienten sich darüber klar werden können, dass es zu Ende geht. «Bei Ärztinnen und Ärzten kann der Grund für aussichtslose Weiterbehandlungen darin bestehen, dass es schwierig ist, einer Patientin oder einem Patienten offen zu sagen, dass es keine medizinischen Therapieoptionen mehr gibt», schreibt die Autorin. Sie wünschte sich, dass die Kommunikation der Ärzte mit ihren Patienten verstärkt gefördert und die dafür aufgewendete Zeit entsprechend bezahlt würde.

Ein Tod wie geplant

In weiteren Kapiteln widmet sich Schneider-Gurewitsch anderen wichtigen Themen wie der Sterbehilfe, der Palliativpflege, alternativen Therapien, der Patientenverfügung oder der schwierigen Frage, wie viel eine Verlängerung eines einzelnen Lebens die Gesellschaft kosten darf. Der Autorin schien eines besonders wichtig gewesen zu sein: dass Patienten gut informiert Entscheidungen treffen können. Darüber, wie lange sie unter welchen Umständen leben möchten. Damit jeder Einzelne gut vorbereitet und im Wissen um seinen Zustand – anstatt unter Schmerzen und an Maschinen angehängt – diese Welt friedlich verlassen kann.

Kathryn Schneider-Gurewitsch selber ist am 4. Dezember 2014 in ihrer Wohnung in Anwesenheit ihres Mannes, ihres Sohnes und einer engen Freundin gestorben. So, wie sie es geplant hatte.

Kathryn Schneider-Gurewitsch: Bis kurz vor ihrem Tod blieb sie aktiv und verfolgte Projekte wie ihr Buch über das Sterben.
Kathryn Schneider-Gurewitsch: Bis kurz vor ihrem Tod blieb sie aktiv und verfolgte Projekte wie ihr Buch über das Sterben.
Foto: Vanessa Püntener

«Reden wir über das Sterben» ist im Limmat-Verlag erschienen und im Handel sowie online erhältlich.

59 Kommentare
    Reiner Ulrich

    Vielleicht wäre Mal ein Anfang, dass ein Gespräch von 30 Minuten zwischen Arzt und Patient ebenso gut (oder überhaupt) bezahlt ist, wie das Verschreiben eines rezeptpflichtigen Medikaments innert 2 Minuten. Unsere technologiegläubige Medizin und vor allem die Tarife setzen leider wesentliche Fehlanreize. An einer weiteren sinnlos gewordenen Behandlung lässt sich vermutlich mehr verdienen als an einigen Stunden Gespräch mit einem sterbenden Menschen.