Wird es ruhiger ohne «Blocher-Zeitung»?

Christoph Blocher hat die BaZ an Tamedia Zürich verkauft. Trotzdem sollte die Ära Somm gewürdigt werden.

Wettbewerb der Meinungen. BaZ-Streitgespräch 2014 mit Christoph Blocher (links) und Markus Somm (Mitte)

Wettbewerb der Meinungen. BaZ-Streitgespräch 2014 mit Christoph Blocher (links) und Markus Somm (Mitte)

(Bild: Nicole Pont)

Christoph Blocher hat sein Experiment mit der Basler Zeitung beendet. Er hat sie an die Tamedia Zürich verkauft. Neu wird sie als Basler Ausgabe des Tages-Anzeigers erscheinen. Mit einem eigenen Regionalteil Baselland–Basel-Stadt. Dafür ist Marcel Rohr als Chefredaktor bestimmt worden.

Der Tages-Anzeiger zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Tageszeitungen im Land. Mit einem anspruchsvollen Angebot. Marke Qualitätsjournalismus. Die Printmedien kämpfen im Online-Zeitalter um ihre Auflagen. Basel ist faktisch die letzte Stadt und Region, die ihre eigene Zeitung verliert. Dabei hat sie 1976 als Erste mit der Fusion der National-Zeitung und der Basler Nachrichten zur Basler Zeitung begonnen.

Die fusionierte BaZ kämpfte von Anfang an mit Liebesentzug. Teile der Basler Gesellschaft mochten sich mit diesem ungeliebten Bastard nicht anfreunden. Ihre nostalgische Treue galt den beiden wegfusionierten Blättern.

Aufstand gegen Blocher-Zeitung

Schaffte die BaZ es nie zum absoluten Publikumsliebling, hatte sie wenigstens keine finanziellen Sorgen. In der Bilanz waren 250 Millionen Franken stille Reserven verbucht. Sie garantierten dem Finanzchef einen ruhigen Job. Wenn das Management professionell geschäftet hätte. Fehlanzeige.

Die 250 Millionen sind mit Fehl-investitionen fahrlässig vergeudet worden. Der Verlag expandierte, kaufte Zeitungstitel auf und verblutete an deren Defizit. In überschaubarer Zeit mutierte das reiche Unternehmen zum Sanierungsfall. So kam Christoph Blocher ins Spiel.

Basel ist eine reiche Stadt. Vermögende Mäzene spenden enorme Summen für kulturelle Projekte. Gigi Oeri hat als Erste auch den FCB mit Millionenspenden dotiert. Für die marode BaZ hingegen meldet sich nicht ein Gönner. Der Berufskapitalist, wie sich der charmante Financier Tito Tettamanti aus Lugano selber bezeichnet, ist für die fehlenden Basler Investoren eingesprungen.

Er hat vorerst mal den Zeitungstitel sichergestellt. Da er nicht Besitzer bleiben oder Verleger werden wollte, verkaufte er ihn an Blocher. Dessen medienpolitischer Einmarsch in Basel löste ungeheure Empörung aus. Mit dieser Provokation hat kaum jemand gerechnet. 20'000 unterschrieben eine Protestpetition gegen den Verrat, «ihre» Zeitung an Blocher verschachert zu haben. Moritz Suter liess als Verwaltungspräsident des BaZ-Unternehmens abklären, wie viele von den Unterzeichnern BaZ-Abonnenten waren: 5000.

15'000 kündigten ihr Abo 1976 nach der Fusion. Tito Tettamanti sagte einen Vortrag an der Universität wegen Drohungen ab. Das illustriert die damals aufgeheizte Stimmung.

Erwartungen nicht erfüllt

Die klassischen Parteizeitungen sind vom Markt verschwunden. Das CVP-Flaggschiff Vaterland in Luzern hat mit 70'000 Abonnenten so wenig überlebt wie in Basel die Arbeiter-Zeitung der SP oder das Basler Volksblatt der CVP mit kleineren Auflagen. Ein Comeback für eine SVP-Parteizeitung blieb chancenlos. So ist Blochers Experiment im Nachhinein beurteilt ein Irrtum gewesen. Basel-Stadt ist keine SVP-Hochburg. Mit diesem streitsüchtigen Personal schon gar nicht.

Gut, die SVP Baselland hat ein anderes Format. Mit Oskar Kämpfer als Präsident verfügt sie über einen profilierten Politiker. Gute Präsidenten halten auch starke Mitarbeiter aus.

Die BaZ ist keine SVP-Zeitung geworden, sondern eine bürgerliche. Anfänglich deutlicher als typischer Zürcher Import spürbar. Damit meine ich die Zürcher Härte. Der politische Gegner wird direkt attackiert. Die Auseinandersetzungen in der Zürcher SP erfolgten stets schonungsloser als bei uns. In der politischen Kultur Basels wird Wert auf einen zivilisierten Umgang unter- und miteinander gelegt. Wenn es hart auf hart kommt, dann lieber etwas hinterhältig. So habe ich es in meinen früheren Kampfjahren persönlich erlebt.

Markus Somm prägt die BaZ

Somm ist Chefredaktor und Verleger sowie FDP-Mitglied. Als Autor der Biografie von Christoph Blocher dürften die Beziehungen der beiden freundschaftlich sein. Blocher hat ihn für seine Zeitung zum Chef bestimmt. Diese bürgerliche BaZ passt zu Somm. Für ein Hoforgan der SVP wäre er die falsche Adresse gewesen. Das weiss Blocher. Denn auch er hat als Chefideologe in der SVP nie einen Schmusekurs gefahren. Übertrieben es die Basler SVPler mit ihren persönlichen Querelen wieder, sind sie in der BaZ zuerst kritisiert worden. Mit öffentlichem Krach tut sich keine Partei einen Dienst.

Somms grosse Stärke ist seine liberale Gesinnung. Dass Roland Stark und ich seit Jahren BaZ-Kolumnisten sind, ist keineswegs selbstverständlich. Somm lässt die andere Meinung konsequent zu. Wissend, dass ein Meinungsaustausch die Zeitung interessant macht. Das kapiert zu haben, setzt Grösse voraus. Das möchte ich als politisch Andersdenkender auch anerkennen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, Demokrat zu sein.

Ich bin schon oft gefragt worden, ob ich wirklich schreiben könne, was ich denke? Ich betone bedingungslos: ja. Jene, die glauben, ich hätte mich geistig unterworfen, beleidigen beide: Markus Somm und mich.

Womit ich zum Chefredaktor komme. Er ist leidenschaftlich Journalist. Einer der seltenen, die jeden Samstag einen Leitartikel veröffentlichen. Gelegentlich ist er gewöhnungsbedürftig. Brillant geschrieben sind sie alle. Gerne auch übermässig sparsam mit Zwischenfarben. Verliebt in Schwarz-Weiss.

Der Historiker ist für mich regelmässig Genuss. Bei politischen Kommentaren kommt es vor, dass ich Luft holen muss: Gehts noch? Oder dass ich nach so viel Provokation einen Kamillentee brauche.

Entscheidend ist nicht, ob man mit dem Kommentator gleicher Meinung ist. Sondern: dass es sich lohnt, ihn zu lesen. Weil er etwas zu sagen hat.

Die Zeitung wird fehlen

Kürzlich erzählte Markus Somm die Geschichte vom Juden Isi Leibler. Der in Australien lebte und sich dann in Jerusalem niederliess. Weil er sich als Jude nur in Israel sicher fühlt. In einem Land, das von Feinden umzingelt ist. Von dem der frühere Ministerpräsident Rabin, der von einem Rechtsfanatiker ermordet wurde, sagte: «Wenn unsere Feinde die Waffen niederlegen, gibt es Frieden. Wenn Israel sie niederlegt, gibt es Israel nicht mehr.»

Somms Erzählung über diesen Isi Leibler ist grossartig. Sie sagt so viel aus über das schwierige Leben von Juden mit dem erneuten Antisemitismus in Europa, in den USA und in Russland.

Ist es absurd, wenn ich als Linker Somms Zeitung vermutlich vermissen werde? Wird es in Basel für jene angenehmer werden, die diese Zeitung auf den Scheiterhaufen wünschten? Oder wird es bei der Blocher-freien Basler Zeitung heissen: «Die Lösung haben wir, aber sie passt nicht zum Problem.»

Ich werde sie vermissen.

Basler Zeitung

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