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Wer Greta verspottet, ist faul und ignorant

Die Grünen gehören in den Bundesrat, wo sie neue Wege in die Zukunft aufzeigen müssen. Und ein paar klare Worte zur Klimajugend.

Greta Thunberg aus Schweden hat dem Klimawandel ein Gesicht und eine Stimme gegeben. Foto: Paul White (Keystone)
Greta Thunberg aus Schweden hat dem Klimawandel ein Gesicht und eine Stimme gegeben. Foto: Paul White (Keystone)

Wo beginnen mit Aufzählen? 2019 war ein Jahr der Extreme, Begriffe wie «historisch» und «einmalig» waren inflationär zu hören und zu lesen. Es ist schwer was los auf diesem Planeten. Das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump, den unflätigsten US-Präsidenten der Geschichte, der abgefackelte Regenwald im Amazonas, der Krieg in Syrien, Konflikte im Nahen Osten, Gewalt und Drogen in Südamerika. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Die negativen Nachrichten stürzen viele Menschen in einen Mix aus Wut, Resignation oder Verzweiflung. Oder sie werden News-depriviert – mögen nichts mehr lesen und verziehen sich geistig auf die Ofenbank.

Auch in der Schweiz reihte sich Aufreger an Aufreger. Die Grünen haben bei den Parlamentswahlen die Gewichte verschoben, die Politik ist grüner und vor allem auch weiblicher geworden. Der Frauenstreik im Juni mobilisierte Hunderttausende, in Basel gab es noch nie so viele Demos wie dieses Jahr, die Klima-Aktivisten von Fridays for Future protestierten auf den Strassen, der Grosse Rat rief den Klimanotstand aus.

Greta Thunberg schaffte das, was weltweit Hunderte von Politikern zuvor nicht fertiggebracht hatten: Sie gab dem Klimawandel eine Stimme, ein Gesicht, eine Botschaft

Der Begriff «Klimajugend» ist 2019 zu einem der drei Deutschschweizer Wörtern des Jahres gekürt worden, doch das alles wurde überstrahlt von der Geschichte eines 16-jährigen Mädchens aus Schweden. Greta Thunberg schaffte das, was weltweit Hunderte von Politikern zuvor nicht fertiggebracht hatten: Sie gab dem Klimawandel eine Stimme, ein Gesicht, eine Botschaft. Allein dieser Aspekt ist ein Armutszeugnis für sämtliche Volksvertreter, die zuvor an irgendwelchen Klimagipfeln irgendwelche Absichtserklärungen unterzeichnet hatten, die niemanden interessierten und vor allem nichts bewirkten.

Die wissenschaftlich belegte Klimaveränderung stellt die Menschheit vor ihre bislang wohl grösste Herausforderung. Jene Politiker, die heute in der Verantwortung stehen, werden die Folgen einer starken Erderwärmung nicht mehr erleben. Jene Jugendlichen, die heute auf der Strasse für eine Reduktion des CO2-Ausstosses kämpfen, sind nicht oder noch nicht politisch handlungsfähig – eine teuflische Ausgangslage.

Verbote sind nicht immer nur falsch

Mit den vielen Stimmen für die Grünen im Herbst hat das Stimmvolk ein Zeichen gesetzt. Jetzt sind jene Politiker am Zug, die für eine saubere Umwelt einstehen. Den Grünen haftet der Ruf der Verbotspartei an; aus dieser Ecke müssen sie raus, wenn sie noch mehr Menschen hinter sich vereinen wollen. Handkehrum sind Verbote nicht immer nur falsch; sie schaffen Klarheit in wirren Zeiten. Das Rauchverbot in den Beizen war eine gute Sache, das gestehen heute sogar viele Kettenraucher.

Eine immer enger werdende Welt, auf der um Ressourcen und saubere Luft gestritten wird, kann sich der liberale Geist, der einfach alles tut und lässt, wie er gerade will, schlicht nicht mehr leisten. Auch deshalb gehören die Grünen in den Bundesrat, auch wenn sie soeben dilettantisch gescheitert sind. Sie sollen an höchster politischer Stelle Verantwortung übernehmen, neue Technologien entwickeln und neue Wege auf dem Weg in die Zukunft aufzeigen. Das ist ihr Auftrag, der Auftrag ihrer Wähler an sie. Schaffen sie das nicht, haben sie auf höchster politischer Ebene nichts verloren.

Wer die Demos der Klimajugend als nerviges, pubertäres Getue abtut, kaschiert nur die eigene geistige Leere

Den CO2 wirklich verringern heisst auch: bereit sein für Kompromisse, für neue Verordnungen, für neues Denken über die Kontinente, ja halt auch mal für neue Verbote. Das hat seinen Preis, selbstverständlich. Wer die Demos der Klimajugend als nerviges, pubertäres Getue abtut, kaschiert nur die eigene geistige Leere und begeht Verrat an einer Generation, die es ebenso verdient hat, auf einem lebenswerten Planeten zu leben, wie er selbst. Und gar dumm ist, wer achselzuckend darauf verweist, dass man in der kleinen Schweiz «sowieso nichts» bewegen kann; als eines der reichsten Länder der Welt ist es unsere Pflicht, mit den besten Ingenieuren und Wissenschaftlern voranzugehen und in neue, umweltgerechtere Technologien zu investieren.

Mit dem «Phänomen Greta» beschäftigt sich längst die Weltpresse, mal vertieft und sachlich, mal oberflächlich und polemisch. Wem nichts Besseres in den Sinn kommt, als Greta Thunberg für ihr Auftreten zu kritisieren, sich über den autistischen Teenager oder ihre Eltern lustig zu machen und sie als Nervensäge geisselt, stiehlt sich feige aus der Verantwortung und ist schlicht zu ignorant und zu faul, die schwierige Debatte zu Ende zu führen. Die BaZ hat 2019 bestimmt nicht zu wenig über die «Generation Klima» mit ihrer neuen Anführerin aus Schweden berichtet.

Es ist erbärmlich, dass zuerst ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden kommen musste, um der breiten Masse die Sinne zu schärfen

Es geht nicht darum, das Fliegen generell zu verbieten oder alle Autos zu verschrotten. Es geht darum, ein vernünftiges Mass zu finden und neue Denkansätze zu schaffen, damit sich umweltgerechtes Leben für alle lohnt. Dabei muss auch die Überbevölkerung thematisiert werden; gerade in Asien und Afrika ist sie eines der Kernprobleme unserer Zeit.

Denken wir einen Schritt weiter. Stellt sich in zwanzig oder dreissig Jahren heraus, dass die Klimaerwärmung tatsächlich nur einer normalen Schwankung im Lauf eines Jahrhunderts geschuldet ist, so wie es immer noch erschreckend viele Zeitgenossen aus dem rechten Lager behaupten: Wäre es denn so schlimm, wenn wir in der Zwischenzeit unsere Gesetze angepasst, unsere Fabriken umgebaut und den CO2 reduziert hätten? Okay, wir müssten zugeben, uns geirrt zu haben. Aber wir hätten in der Zwischenzeit Technologien entwickelt, die der Umwelt garantiert nicht schaden. Der Schritt in eine bessere, ökologische Zukunft beginnt bei jedem Einzelnen.

Es ist erbärmlich, dass zuerst ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden kommen musste, um der breiten Masse die Sinne dafür zu schärfen und die Debatte zu lancieren.

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