Zeuge des deutschen Kaiserreichs

Stadtjäger

Das ehemalige Zollamt in Saint-Louis nennt man heute gerne «Maison Kellerhals», aber auch «Maison des Têtes». Der Stadtjäger erklärt, warum.

Gleich bei der Grenze von Saint-Louis erinnert ein altes Haus daran, dass das Elsass einmal in deutschen Händen gewesen ist.

Gleich bei der Grenze von Saint-Louis erinnert ein altes Haus daran, dass das Elsass einmal in deutschen Händen gewesen ist.

(Bild: Dominik Heitz)

Dominik Heitz

Avenue de Bâle – elsässischen Grenzgängern und Baslern, die in Saint-Louis einkaufen gehen, ist die schnurgerade Strasse vertraut. Sie ist die Fortsetzung der Elsässerstrasse auf französischem Boden. Man fährt hier schnell durch – und auch vorbei am direkt beim Schlagbaum stehenden Haus mit der Nummer 95.

Es ist ein Zeuge jener Zeit, als das Elsass deutsch war und Saint-Louis noch St. Ludwig hiess. Auftraggeber für dieses Gebäude, das 1900 von Architekt Joseph Meid erbaut wurde, war nicht irgendwer, sondern das kaiserliche Hauptzollamt Deutschlands. Denn nach dem deutsch-französischen Krieg 1870–1871 waren der grösste Teil des Elsass sowie die Nordhälfte des benachbarten Lothringen an das Kaiserreich gefallen.

Über den drei mittleren Fenstern sind denn auch die Wappen vom Elsass und von Lothringen zu sehen. Sie flankieren einen geflügelten Stab mit zwei Schlangen: das Attribut des griechischen Handelsgottes Hermes.

Reichsadler entfernt

Elemente am Zollgebäude, die es als kaiser­liches Hauptzollamt charakterisieren, sind inzwischen verschwunden. Wo einst zwischen den beiden Fenstern im ersten Stock der Schriftzug «Hauptzollamt» geschrieben stand, ist heute nichts mehr zu lesen. Und auch auf der Tafel zwischen diesen beiden Fenstern, wo der ­deutsche Reichsadler ­abgebildet war, herrscht Leere. Einzig alte Postkarten erinnern daran – und daran, dass das seit 1918 wieder ­französische Saint-Louis einst deutsch gewesen war.

Wie generell nach Kriegen eliminierten die Sieger jegliche Zeichen, die an den vorigen Herrscher hätten erinnern können. Allerdings war dieses Zollgebäude schon vor dem Ersten Weltkrieg seiner Funktion enthoben worden. 1912 hatte das kaiserliche Hauptzollamt seinen Standort ­verlassen und zog in das neue, gegenüberliegende Gebäude. Einer der späteren Besitzer des verlassenen Zollamts war Ernst Kellerhals. Man nennt das Haus deshalb auch gerne «Maison Kellerhals».

Die zwölf Köpfe

Allerdings wird es von manchen auch als «Maison des Têtes» bezeichnet. Denn über zwölf der fünfzehn Fenster im Parterre sind Köpfe in Stein gehauen und blicken auf die Strasse.

Auf den ersten Blick wirkensie merkwürdig und scheinen keine thematische Linie aufzuzeigen. Vor allem sechs davon sind eigentliche karikaturhafte Fratzen, die den von Arnold Böcklin gestalteten Köpfen in der Kunsthalle Basel ­v­erblüffend ähnlich sehen.

Aus längst ­vergangenen Zeiten

Die restlichen sechs indes können mit dem Handel in Verbindung gebracht werden, den der Zoll ja in erster Linie auf verschiedene Art beschäftigt. Wir erkennen den Kopf des Handelsgottes Hermes mit seinem geflügelten Helm und dürfen bei den beiden chinesischen Konterfeis vermuten, dass hier die Seidenstrasse als Handelsweg angedeutet ist. Der Kopf mit der phrygischen Zipfelmütze könnte auf die Seefahrer der Antike und damit auf den Meerweg als Handelsroute verweisen.

Und dann sind da noch zwei bärtige, ernste Genossen. Mit ihren Schals und Hüten ähneln sie den Darstellungen ­norddeutscher Fernhandelskaufleute aus längst ­vergangenen Zeiten.

Basler Zeitung

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