Wo die Angst draussen bleibt

Im Basler Frauenhaus werden Träume begraben und neue Leben in Angriff genommen. Die Bewohnerinnen fühlen sich einander verbunden und hören auf, sich für ihr Schicksal zu schämen.

Ruhe vor ihm: Für Bewohnerinnen wie Maria ist das Zimmer im Frauenhaus nichts weniger als ein Stück lange vermisstes Paradies. Manche werden noch von Albträumen geplagt – Realität werden diese hier aber endlich nicht mehr.

Ruhe vor ihm: Für Bewohnerinnen wie Maria ist das Zimmer im Frauenhaus nichts weniger als ein Stück lange vermisstes Paradies. Manche werden noch von Albträumen geplagt – Realität werden diese hier aber endlich nicht mehr.

(Bild: foto-werk gmbh)

Irgendwo in Basel steht ein Haus, von dem eigentlich keiner wissen soll – weder, wo exakt es steht, noch, wer genau darin wohnt. Es ist das Frauenhaus. Wer hier ein Zimmer bezieht, ging einen steinigen Weg. Hierher zu kommen, braucht viel Mut. Denn es bedeutet, auszubrechen aus dem alten Leben. Abzuschliessen und neu anzufangen.

Auf dem Sofa sitzt Elsa und stillt ihren wenige Monate alten Sohn. Sie streicht mit ihren schmalen, hellen Fingerspitzen über seinen dunklen Haarflaum und lächelt. Ihr linkes Auge ist blau unterlaufen, über der Braue krustet sich ein Rest getrockneten Blutes. Die Wunde ist sauber und heilt. Genau wie Elsa und ihre beiden Söhne, die hier im Frauenhaus Zuflucht gefunden haben.

Das Sackmesser gezückt

Elsa spricht Spanisch und Französisch, dazu Italienisch, Englisch und «natyrlig Baseldytsch». Mit ihm sei es nie einfach gewesen. Sie spricht vom Vater ihrer beiden Söhne. Zwei Jahre alt ist der eine, wenige Monate der andere. Am vorletzten Samstag sei er ausgerastet. So schlimm wie noch nie. Warum? Elsa zuckt die Schultern. Er brauche eigentlich keinen Grund. In der Nacht auf Sonntag hat er sie geschlagen. Ganz neu war das nicht. Doch dann zückte er sein Taschenmesser und Elsa bekam Angst. Als er verschwand, wählte sie die Nummer des Frauenhauses, packte, was sie nebst ihren beiden kleinen Kindern tragen konnte, und schlich zum genannten Treffpunkt mitten in der Stadt. Dort wurde sie von einer der Nachtfrauen, Mitarbeiterinnen im Frauenhaus, abgeholt und in Sicherheit gebracht.

«Wir nennen unseren Standort nie», erklärt Frauenhausleiterin Rosmarie Hubschmied. Nicht einmal die Frauen wissen, wohin sie gehen: Sie werden an einem öffentlichen Platz in der Stadt abgeholt. Manche bleiben dann Monate, andere nur Stunden. Warum so kurz? «Viele sind plötzlich von ihrem eigenen Mut überrascht», sagt Hubschmied und erklärt: «Es ist ein grosser Schritt, sich zu lösen und zu uns zu kommen. Die Frauen geben den Traum von einem Leben auf, auf das sie oft jahrelang gehofft hatten.» Kaum sind die Frauen und ihre Illusionen aber weg, im Frauenhaus und damit ausser Reichweite ihrer Männer, klingeln die Mobiltelefone: Am anderen Ende der Leitung versprechen die Verlassenen Besserung, Liebe statt Schläge – alles, um die Frauen zurückzubekommen. «Machtverlust ist sehr schlimm für Männer mit einem krankhaften Kontrollbedürfnis», sagt Hubschmied. Manche Frauen glauben an die Versprechen aus dem Telefonhörer. Sie kehren zurück, geben der Hoffnung noch eine Chance, jetzt, wo der Lebenstraum wieder greifbar scheint. Elsa schüttelt den Kopf. Sie hat noch nie von einem Happy End gehört. Nicht, wenn die Situation schlimm genug war, um zu fliehen. Wer bleibt, bekommt im Frauenhaus die Gelegenheit durchzuatmen, klar zu denken, sich sicher zu fühlen. Zudem die soziale und juristische Unterstützung, um ein neues Leben anzufangen.

Eine riesengrosse Familie

«Essen!», schallt Marias sonore Stimme durch die Etagen des Hauses. Der Duft, der aus der Küche strömt, ist umwerfend: Tomatensauce mit gebratener Aubergine zu Pasta, Lasagne und Salat. Zur Vorspeise gibt es nun aber erst Bruschetta mit Tomaten. Die Frauen füllen ihre Teller und setzen sich an die kleinen runden Tische. «Mmm, Maria!», klingt es durch den Raum. Die Kinder sind alle noch sehr klein. Sie essen einen, zwei Bisse, dann wollen sie wieder spielen. Mädchen und Junge, etwa gleich alt. In der Zeit, in der sie hier sind, wachsen die beiden auf wie Geschwister. So verhalten sie sich auch – bis die Mütter die beiden Zankenden auseinandernehmen.

Maria ist Sizilianerin, kein Wunder riecht die Tomatensauce wie ein Himmelsgeschenk. Sie spricht aber auch sehr gut Spanisch. Das Deutsch ist etwas gebrochen, ihr Mann habe es sie nicht richtig lernen lassen wollen: Sonst hätte sie sich nur mit den Schweizerinnen unterhalten. Die seien ihm, ebenfalls Sizilianer, suspekt gewesen. «Er hat mich geliebt und er war ein guter Mann. Einfach zu eifersüchtig», erzählt Maria. Sie heiratete jung. Mit 20 kamen sie und ihr Mann in die Schweiz.

Gegessen wird ruhig, das Scherzen beginnt erst danach. Die Stimmung ist entspannt und familiär. Die meisten sprechen Spanisch. Nur Hildegard, die heute früh ins Haus gekommen ist, hat Verständigungsprobleme. «Ich spreche kein Spanisch», sagt sie in vollendetem Hochdeutsch. Sie kam erst vor Kurzem in die Stadt – mit ihrem Mann. Basel habe ihr eigentlich gefallen, «ausser eben die üblichen Probleme, wegen denen wir alle hier sind». Die hätten auch hier nicht aufgehört.

Meist sind Ausländer involviert

Über Herkunft und Verteilungen spricht Leiterin Hubschmied nur ungern. «Kommt es darauf an, woher die Frauen kommen?», fragt sie. Die Nationalität der Männer sei vielleicht wichtiger, weil Gewalt auch kulturell begründet sein könne. «Wir haben zu einem Drittel Schweizerinnen und zu zwei Dritteln Frauen mit Migrations­hintergrund. Bei den ‹Tätern› verhalte es sich ganz ähnlich», sagt sie dann. Die Konstellationen in den Partnerschaften seien derweilen so unterschiedlich wie die Menschen, die sie betreffen. «Mal kamen beide aus dem Ausland zusammen in die Schweiz, mal kommt ein Ausländer nicht zurecht mit der Lebensart seiner Schweizer Frau. Oder umgekehrt: Ein Schweizer hat im Ausland eine Frau geheiratet, von der er denkt, dass sie ihn ohne aufzumucken bedient. Wenn sie das nicht tut, soll sie mit Gewalt gehorsam gemacht werden. Und wir haben immer wieder Schweizerinnen, die mit Schweizern verheiratet waren. Gewalt macht weder vor sozialen Schichten, noch Nationalitäten halt», sagt Hubschmied.

Bei Maria gibt es nicht nur Mittag­essen, es wartet auch noch Dessert: Goldene Kokosmakronen, und, weil es so heiss ist, Caffè freddo. Maria hat ihn am Abend vorbereitet. Man unterhält sich über dies und das, die Hitze, die Kinder, das Essen. «Du musst dann auch mal kochen», ruft Maria Hildegard zu, «etwas Deutsches. Ich mag nämlich Würste und Knödel.» Sie grinst verschmitzt, bevor sie allen eine zweite Kokosmakrone aufschwatzt. Ganz Oma halt: Maria hat die 70 bereits hinter sich. Die beiden Kinder sind um die 40, die Tochter hat selber Kinder. Maria platzt vor Stolz, wenn sie von den Enkeln erzählt. Im Frauenhaus geniesst sie vor allem die Ruhe. Machen zu können, was sie will und nicht, was er befiehlt, das sei das Paradies. Sie ist Damenschneiderin und oft findet man sie hinter der alten Nähmaschine. Ihr Zimmer ist klein und aufgeräumt. Weil sie nicht alle Kleider mitnehmen konnte, hat sie sich neue genäht. In Reih und Glied stehen die Schuhe auf dem Boden. Ein kleines Radio steht da, Duftspray und leere Koffer. Das Bett ist gemacht und die Store unten, damit die Hitze nicht ins Zimmer kommt. Maria wird sich scheiden lassen und eine eigene Wohnung suchen. «Weisst du grad eine», fragt sie keck und strahlt.

Verlassen tut weh

Über 50 Jahre hat Maria durchgehalten, obwohl er sie geschlagen hat, wenn sie sich mit anderen Frauen traf, wenn sie lachte, wenn sie glücklich war. «Eifersucht ist so schlimm», sagt sie. Sie hatte Angst, die Kinder an den Mann zu verlieren. Dann kamen die Enkel – die Angst blieb die gleiche. Heute beglückwünschen alle sie dazu, gegangen zu sein. Aber nicht einmal die Tochter, bei der Maria manchmal übers Wochenende wohnt, weiss, wo die Mama jetzt genau lebt. «Der Standort ist geheim», wiederholt Hubschmied nachdrücklich. Auch ich unterschreibe, die Adresse für mich zu behalten.

Im Frauenhaus wird jede Bewohnerin zum Tier: Maria ist ein Luchs. Mit dem Symbol ist ihre Tür, ihre Wäsche, ihr Tischset, ja einfach alles gekennzeichnet. «Damit man alles auseinanderhalten kann», erklärt sie während ihrer Führung durch die Gänge und Zimmer. Das Frauenhaus ist eine grosse Wohngemeinschaft. Alle haben ihr Ämtli, ihren Bereich, mit dem sie den andern helfen können. Manchmal hütet eine der Frauen die Kinder, während die anderen Zeit für sich haben, oder zur Arbeit gehen. Dann trommeln sie ihre Schützlinge meist im grossen Spielzimmer zusammen. «Oft schlüpfen die Kinder dann hier mit den Puppen und Plüschtieren in Rollenspiele – Szenen, die sie daheim beobachtet haben», sagt Hubschmied. So verarbeiten die Kleinen im Puppenhaus die Szenen der Gewalt, die sie daheim unter dem Tisch beobachtet oder unter der Bettdecke belauscht haben. «Kinder bekommen immer mehr mit, als die Eltern denken», sagt Hubschmied.

Darum werden stets nicht nur die Mütter, sondern auch die Kinder psychologisch betreut. Wichtigstes Ziel ist es, die Frauen wieder in ihr eigenes Leben entlassen zu können. Aber in eines, das sie selber bestimmen und das frei ist von Gewalt. Bis dahin ist es oft ein langer Weg. Maria deutet auf eine verschlossene Tür: «Sie will zurück zu ihrem Mann. Er ruft sie an und verspricht ihr, dass alles besser wird. Und sie will ihm glauben – es wäre ja auch für die Kinder besser, mit einem Vater aufzuwachsen.» Dabei macht Maria ein trauriges Gesicht. Nein, sie denke nicht, dass der Mann sich wirklich bessern werde. Ihre Erfahrung warne sie davor, so etwas zu glauben. «Aber was weiss ich», fügt sie dann an, «ich kenne den Mann ja nicht.»

Aus Gewalt wird Mord

Immer mal wieder gelingt es einem Mann, das Frauenhaus zu finden. Und manchmal, sehr selten, gelingt es dem Frauenhaus nicht, seine Bewohnerinnen langfristig zu schützen: «Wir haben auch schon Frauen verloren», sagt Hubschmied leise. «Jedes Frauenhaus hat Todesfälle zu verzeichnen. Meistens, nachdem die Frauen in eine eigene Wohnung gezogen sind und mit uns nur noch unregelmässig Kontakt hatten.» Sie schweigt einen Augenblick. «Wenn nicht mit mir, dann gar nicht – das denken diese Männer.»

Manchmal spricht man im Frauenhaus über die Männer, die Gewalt und die Angst. Manchmal kommen die Geschichten automatisch ans Licht. Wenn Elsa sich einen Kinderwagen ausborgen muss, weil sie es nicht geschafft hat, ihren von zu Hause mitzunehmen, zum Beispiel. Oder wenn eine Frau nicht hinaus möchte, aus Angst, auf der Strasse «von ihm» gefunden zu werden. «Wir haben hier zwar alle ganz verschiedene Geschichten», sagt Maria, «aber unsere Schicksale sind trotzdem ein bisschen ähnlich.» Jede könne sich vorstellen, was die andere durchgemacht habe. «Das gelingt sonst nicht so vielen.» Immer darüber zu sprechen, sei dann gar nicht nötig. Aber die Gewissheit, dass die Frau, die beim Tanzabend neben einem lacht oder nach dem Abendessen den Geschirrspüler neben einem einräumt, genau wisse, was Sache sei, das tue gut. Man höre dann auf, sich zu schämen.

Wenn Maria vom Frauenhaus erzählt, sagt sie «en casa» – «daheim». Sie möchte gerne im Frauenhaus bleiben – für immer. Sie sei doch schon alt und ihre Kinder brauchen sie nicht mehr. Aber hier könnte sie helfen. Kochen für die Frauen, weil gutes Essen, das man in Ruhe geniessen könne, manchmal Wunder wirke. «Ach Maria, irgendwann verleidet es Ihnen bei uns», ruft Hubschmied lachend. Maria schüttelt den Kopf. «Nein, nie», sagt sie. Dann schreien die kleinen Kinder und die Oma vom Dienst muss nachsehen, was die beiden angestellt haben.

Die Namen aller Bewohnerinnen des Frauenhauses wurden geändert.

Basler Zeitung

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