«Wir werden kaltblütig abserviert»

Ältere Verkäuferinnen werden durch günstigere Grenzgänger ersetzt. Eine Betroffene erzählt.

«Kunden wollen eher billige Ware als kompetente Bedienung.» Eine Schweizer Schuhverkäuferin wurde entlassen und durch eine junge Elsässerin ersetzt – kein Einzelfall, sagt sie.

«Kunden wollen eher billige Ware als kompetente Bedienung.» Eine Schweizer Schuhverkäuferin wurde entlassen und durch eine junge Elsässerin ersetzt – kein Einzelfall, sagt sie.

(Bild: iStock)

Dina Sambar

Wutentbrannt warf Stephanie Müller-Meier* die Basler Zeitung weg. Was sie darin enervierte, war ein Artikel vor der Rentenreform-Abstimmung, in dem die Generation der heute 45- bis 55-Jährigen als die «vielleicht materiell glücklichste Generation der Weltgeschichte» bezeichnet wurde, die sich dank zweiter Säule keine Sorgen um ihre Pension machen muss.

Stephanie Müller-Meiers Erfahrung ist eine ganz andere: «Genau diese Generation wird in den Grenzregionen der Schweiz kaltblütig abserviert», sagt die 53-Jährige. Oder konkret formuliert: «Im Dienstleistungssektor werden Mitarbeiter dieses Alters entlassen und durch billigere Elsässer und Süddeutsche oder jüngere Mitarbeiter ersetzt», erzählt die Baselbieterin, die seit einigen Jahren nur noch Teilzeitanstellungen im Stundenlohn erhält.

Vor drei Jahren hat sie diesen Vorgang in einem Schuhgeschäft am eigenen Leib erfahren. Ihr und ihren beiden Mitarbeiterinnen, die ebenfalls über 50 Jahre als sind, wurde gekündigt. Zudem wisse sie von mehreren weiteren Bekannten aus dem Detailhandel, denen es gleich ergangen sei. «Es ist klar, dass Grenzgänger für einen Arbeitgeber günstiger sind. Ich arbeitete früher in einer Bäckerei. Dort hiess es: Wenn nicht ein bedeutender Prozentsatz der Angestellten Grenzgänger sind, müssen sie schliessen.»

Auch bei ihrem jetzigen Arbeitgeber, bei dem sie mit einem kleinen Pensum von rund 20 Prozent im Stundenlohn angestellt ist, sind über die Hälfte der Verkäuferinnen Elsässerinnen.

Ein Teufelskreis

Für die Gewerkschaft Unia ist an der Geschichte vor allem bezeichnend, dass die 53-Jährige nur noch Teilzeitpensen angeboten bekommt: «Noch öfter als Kündigungen sind bei älteren Mitarbeitern Vertragsänderungen in Teilzeitverträge, um Sozialleistungen zu sparen», sagt Leena Schmitter, Mediensprecherin bei der Unia.

Um über die Runden zu kommen, arbeitet Stephanie Müller-Meier nebenbei als Putzfrau. «Ich kann mich mit meinen 600 bis 1000 Franken Lohn nicht über Wasser halten. Das ist kein gutes Gefühl. Hätte ich keinen Mann und nichts Erspartes, müsste ich beim Sozialamt anklopfen.» Ihren mit ihr entlassenen Mitarbeiterinnen blieb dieser Gang nicht erspart. «In dieser Generation sind nur jene materiell am glücklichsten, die bis zu ihrer Pensionierung einen guten Job haben. Doch heute werden viele fähige Leute aus dem Job katapultiert, weil Firmen so Geld sparen können.»

Das Ganze sei ein Teufelskreis: «Es ist kein Wunder, dass solche Leute dann ins Elsass oder nach Deutschland einkaufen gehen. Da geht es nicht ums Sparen, sondern ums pure Überleben.»

Die Lösung wäre für Müller-Meier ein echter Inländervorrang: «Schweizer und Ausländer, die in der Schweiz wohnen, geben ihr Geld auch öfters hier aus. Grenzgänger lassen den grössten Teil ihres Geldes logischerweise nicht hier liegen.»

Staat greift nach Missstand ein

Laut Hans Furer, Geschäftsführer der Angestelltenvereinigung Region Basel, gibt es zwar zu wenig statistische Zahlen, um zu beweisen, dass ältere Mitarbeiter im Detailhandel durch Grenzgänger ersetzt werden, doch es gebe mehrere Indizien, die deutlich darauf hinweisen.

Nachdem die Verhandlungen um einen neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) scheiterten, herrschte im Basler Detailhandel fast sieben Jahre lang ein vertragsloser Zustand. Branchenriesen wie Coop, Migros, Aldi und Lidl haben eigene GAV, doch im übrigen Detailhandel mehrten sich die Hinweise auf missbräuchliche Lohnunterbietungen und eine dauernde und systematische Senkung der Löhne.

Dies ging so weit, bis die Tripartite Kommission die Notbremse zog und bei der Regierung die Einführung eines Normalarbeitsvertrages (NAV) beantragte, in dem ein zwingender Mindestlohn von 3500 bis 4000 Franken (je nach Ausbildung) festgelegt wird. Seit drei Monaten ist dieser NAV in Kraft und gilt für alle Detailhändler, die mindestens vier Angestellte haben und kein Familienbetrieb sind. Auf ältere Mitarbeiter hat der NAV jedoch kaum Auswirkungen, da diese dank ihrer Arbeitserfahrung mehr als die festgesetzten Mindestlöhne erhalten sollten.

Dass die Tripartite Kommission wegen sinkender Löhne überhaupt eingreifen musste, ist für Furer ein Hinweis darauf, dass ältere und somit auch teurere Mitarbeiter durch Kündigungen aus der Statistik fallen. Genau dieser Vorgang sei in der Bankenbranche belegt worden, nachdem man sich dort über zu wenig qualifizierte Bewerber beklagte und ein grösseres Ausländerkontingent forderte: «Eine Studie des Bundes hat gezeigt, dass dort viele über 50-jährige Mitarbeiter entlassen, aber kaum welche angestellt werden.» Das, obwohl dort grosses Potenzial vorhanden sei.

Zudem will der Kunde im Detailhandel, laut Furer, lieber einen günstigen Preis als gute Beratung. «Es herrscht Preisdruck. Wenn es kein Fachwissen braucht, gibt es keinen wirtschaftlichen Grund mehr, für jemanden mit grösserer Erfahrung mehr Lohn und höhere Sozialabgaben zu bezahlen.» Der Patron-Gedanke, bei dem der Geschäftsinhaber für seine Mitarbeiter sorgt, sei leider am Aussterben.

* Name geändert

Basler Zeitung

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