Wir Weltverbesserer

Aufgeheiztes Klima. Es braucht neue Technologien, eine grünere Wirtschaft und mutige Politiker.

Konsumenten sind überfordert, wenn es gilt, die Welt zu retten. Foto: iStock

Konsumenten sind überfordert, wenn es gilt, die Welt zu retten. Foto: iStock

Marcel Rohr

Heute schon geschwitzt? Vermutlich schon, was kein Wunder ist in diesem aufgeheizten Klima. 37 Grad in der Innenstadt in diesen Tagen, 20 in der Nacht. Basel badet.

Hand aufs Herz: Können Sie die mörderische Hitze unbeschwert geniessen, erfreuen Sie sich am Klima? Oder ergeht es Ihnen wie vielen anderen, die mittlerweile mit sorgenvollem Blick auf das ­Thermometer schauen?

Fast drei Viertel aller Deutschen machen sich laut einer aktuellen Studie Sorgen um die Zukunft des ­Planeten. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, sagte kürzlich im «Spiegel»: «Die Welt riskiert es, den Punkt zu überschreiten, an dem es kein Zurück mehr gibt beim Klimawandel.» Man kann diesen Satz als hysterisches Getue abtun. Oder ernsthaft darüber nachdenken.

Ist die Welt überhaupt noch zu retten – und wenn ja, zu welchem Preis?

Der Klimawandel hat sich in diesem Jahr zur entscheidenden politischen und ökonomischen Debatte entwickelt. Die Diskussion verläuft ähnlich hitzig wie jene während der grössten Flüchtlingskrise 2016, nur wird sie uns viel länger und intensiver begleiten.

Ist die Welt überhaupt noch zu retten – und wenn ja, zu welchem Preis? Der Wille zur Veränderung ist deutlich zu spüren. «Fridays for Future» heissen die Tage, die Tausende von Schülern und Jugendlichen regelmässig auf die Strasse treiben. Ihre politische ­Durchschlagskraft, so scheint es, wächst mit jedem heissen Sommertag.

Im Februar hat Basel als erste Schweizer Stadt auf politischer Bühne den Klimanotstand ausgerufen. Immer mehr Bauern setzen auf Bioprodukte. Vegane oder zumindest fleischlose Ernährung boomt. Das Plastiksäcklein für den Samstagseinkauf ist verpönt, und das neueste Wort im Zusammenhang mit der Reduzierung von ­Kohlendioxid, diesem teuflisch ­gefährlichen CO2, heisst Flugscham. Der Kluge reist im Zuge.

Grosse Konzerne wie VW planen eine Marktoffensive für Elektroautos. Nachhaltigkeit ist keine Worthülse mehr, sondern wird als ­Herausforderung für die Zukunft begriffen.

Die Politiker aus der grünen Ecke beackern mit Feuereifer das heisse Thema, was letztlich ja auch ihre Aufgabe ist. In einem Positionspapier forderten sie letzte Woche ein Verbot für besonders klimaschädliche ­Produkte und Dienstleistungen auf ­basel-städtischem Allmendboden. Keine Plakate mehr für Flugreisen, keine Hinweise mehr für saftige Steaks vom Grill. Nach den Sommer­ferien wird im Grossen Rat darüber verhandelt. Viele bürgerliche Politiker enervieren sich bereits jetzt; ihnen geht die Beschneidung der ­persönlichen Freiheit viel zu weit.

So ist das halt in einem aufgeheizten Klima: Es wird eine Menge Unsinn verzapft, von links und rechts ­übrigens.

Sogar das beliebte 1.-August-Feuerwerk über dem Rhein stand auf der Kippe, weil es in den Augen der ­Grünen zu viel Feinstaub freisetzt. Die gleiche nervige Debatte gab es schon im Vorfeld des Züri-Fäscht im Juni, bis ein Experte auf TeleZüri Klarheit schaffte. Die Emissionen eines Feuerwerks über dem See seien ein kleiner Prozentsatz im Vergleich zu den unzähligen Gas- und Kohlegrills, auf denen am Ufer die Würste brutzeln. So ist das halt in einem aufgeheizten Klima: Es wird eine Menge Unsinn verzapft, von links und rechts ­übrigens. Das Feuerwerk sei auch den Baslern von Herzen gegönnt, allein deswegen schmelzen die Polarkappen nicht schneller ab.

Wahr ist aber auch: Noch schlägt sich die neue Denkweise nicht überall in Zahlen nieder. Der Flughafen Zürich meldete letzte Woche einen neuen Passagierrekord. Auch am Euro-Airport Dreiland ist schwer was los. Die Autobahn A2 zwischen Basel und Augst ist selbst in der Ferienzeit jeden Abend auf beiden Seiten heillos ­verstopft. Gerade in der Mobilität widerspiegelt sich das paradoxe Verhalten: Auf dem Bauernhof die Bioeier einpacken lassen und dann mit dem Geländewagen nach Hause fahren. Wir Weltverbesserer.

Der Konsum – und damit die Wirtschaft – wächst Jahr für Jahr. Das schafft Jobs und gute Laune, schadet dem Weltklima in den meisten Fällen jedoch beträchtlich. Der Grat zwischen Klimaretter und Klimasünder ist schmal. Der Wille, seinen Nachfahren eine schöne Welt zu hinterlassen, ist bei vielen zweifellos da, doch im Alltag scheitert der Konsument oftmals kläglich.

Mit dem Velo nach Mallorca ist keine Option. Und mit dem Auto ist es nun mal eine Viertelstunde schneller nach Hause, wenn bei den SBB gerade wieder mal die Schienen schmelzen bei 33 Grad im Schatten. Wenn der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist, bleiben die guten Vorsätze in der Garage, nicht aber der Sportwagen. Und selbst nachhaltiges Einkaufen kann den geneigten Klimaschützer schnell an Grenzen treiben, wenn gänzlich auf Plastik verzichtet werden soll. Deshalb bleibt es letztlich meist bei Nischenangeboten.

Griffige Konzepte zum Schutz des Klimas sind bereits in vielen Branchen erarbeitet worden und liegen vor. Doch die Politik zögert.

Diese kleinen Beispiele zeigen: Die Konsumenten und Verbraucher sind überfordert, wenn es gilt, die Welt zu retten. Die grossen Linien sollten weiter oben gezeichnet werden. Die Politiker aus der grünen Ecke müssen ihre Werte konsequenter und mutiger vorleben, auch die Weltwirtschaft sollte grüner daherkommen. Wer umweltfreundliche Produkte und Nachhaltigkeit anbietet, müsste ­belohnt, schädliches Verhalten ­dagegen verteuert werden. Zur ­Erinnerung: 25 Konzerne ­verantworten mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgase.

Griffige Konzepte zum Schutz des Klimas sind bereits in vielen Branchen erarbeitet worden und liegen vor. Doch die Politik zögert. Die Rechten, weil sie vieles im Reich der Hysterie vermuten und auf Zeit spielen. Die Linken, weil sie wissen, dass jede Massnahme zur Rettung der Erde mit einem Preisschild versehen ist.

Umweltschutz kostet einerseits viel Geld. In der Autobranche stehen mit der Forcierung des E-Mobils Tausende von Jobs auf dem Spiel. Die Verteufelung des Fliegens bringt viele Airlines in Bedrängnis. Anderseits ist es schlicht ein Irrwitz, wenn der Fluggast für 30 Franken nach Mallorca fliegen kann und gleichzeitig das Bahnbillett von Basel nach Zürich-Kloten 50 Franken kostet. Und zwischen all diesen brisanten Aspekten rangeln Forscher und Experten mit starrköpfigen Politikern um die Meinungs- und Deutungshoheit: Ist es nun billige Panikmache, wenn die durchschnittliche Temperatur auf diesem Planeten um 1,5 oder 2 Grad steigt – oder eben doch eine ernsthafte Bedrohung?

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass sich Basel den Ruf einer guten Humanistenstadt bewahrt.

Viele Aspekte sind beim Klimaschutz noch oder zu wenig durchleuchtet worden. Noch fehlen Erfahrungswerte, etwa beim Abtauen des Permafrostes in Russland, Kanada oder Alaska. Aber auch in der Schweiz und Europa gilt es, neue, tiefgreifende Erkenntnisse zu gewinnen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass sich Basel den Ruf einer guten Humanistenstadt bewahrt. Die Uni Basel als älteste Schweizer Hochschule spielt eine entscheidende Rolle. Bildung wird in den nächsten Jahren entscheidend sein, wenn es gilt, das Klima auf dieser Welt zu retten. Entsprechend gilt es, die Uni mit Staatsgeldern zu fördern.

Jene Forscher, Wissenschaftler, Geologen oder Ingenieure, die neue Wege bauen und Technologien entwickeln, die Erfindergeist zeigen und Mut haben, ermöglichen unseren Kindern die Chance auf eine lebenswerte Zukunft. Und nicht jene, die im Weg stehen, ein Feuerwerksverbot für den 1. August fordern oder – noch viel schlimmer – Forscher, Wissenschaftler, Geologen oder Ingenieure verteufeln.

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