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Wie meine Welt aus den Fugen geriet

Die Individualisierung der Klimadebatte treibt absurde Blüten. Menschen, die aus abwaschbaren Hundenäpfen essen, glauben, damit die Welt zu retten.

Bevor die neuste Klimabewegung meine Welt aus den Fugen hievte, war mir klar: Ich bin ein guter Mensch. Doch dann kam die Stadtjugend, lautstark auf den Strassen protestierend.
Bevor die neuste Klimabewegung meine Welt aus den Fugen hievte, war mir klar: Ich bin ein guter Mensch. Doch dann kam die Stadtjugend, lautstark auf den Strassen protestierend.
Florian Bärtschiger

Es ist aus. Ich kann nicht mehr. Ich leide seit der grünen Welle unter einer akuten Identitätsdiffusion. Nachts plagen mich Albträume und tagsüber treiben mich Panikattacken in dunkle Ecken, wo ich zusammengekauert wimmere: «Ich bin eine Umweltsau.»

Bevor die neuste Klimabewegung meine Welt aus den Fugen hievte, war mir klar: Ich bin ein guter Mensch. Ich fahre kein Auto. Fliegen mag ich nicht. Ich esse vielleicht einmal pro Woche Fleisch. Packe das Gemüse nicht in diese Plastiksäckchen. Werfe kaum Essen weg. Flicke meine Klamotten. Brauche nicht jedes neueste elektronische Gadget. Bei regionalem Wein finde ich den Rausch im Einklang mit der Natur. Das war normal für mich.

Doch dann kam die Stadtjugend, lautstark auf den Strassen, und diese hartnäckige, junge, schwedische Frau mit den Zöpfen, und sie schrie mir ins Gesicht: «How dare you!» – Wie kannst du nur! Und seither schäme ich mich. Denn geflogen bin ich auch schon, nach New York an die Uni. Ich bestellte mir auch schon ein Taxi frühmorgens nach einem feuchtfröhlichen Abend … und endlos kreisen seither die Gedanken: Meine Wohnung ist eigentlich zu gross für mich, ich habe wohl zu viele Kleider, und dann mag ich auch noch diesen Alu-Kapsel-Kaffee dieser bösen Firma aus Vevey.

Im Herzen bin ich wohl nicht grün und gut, sondern ein Land-Rover-Fahrer, der Robbenbabys erschlagen möchte

Ich grüble und grüble, und so lösen sich nach und nach alte Gewissheiten auf. Fahre ich wirklich aus ökologischen Gründen nicht Auto oder doch eher, weil mir früher das Geld für den Führerschein fehlte und ich heute keine Lust auf all diese Kurse habe? Fliege ich vielleicht darum nicht, weil ich Flughäfen mit ihren knastähnlichen Raucherkammern, dem endlosen Schlangestehen und diese Sardinenbüchsen-Maschinen verabscheue?

Kurzum: Liegen die Ursachen meines bescheidenen ökologischen Fussabdrucks nicht eher in meinen neurotischen und phlegmatischen Tendenzen? Im Herzen bin ich wohl nicht grün und gut, sondern ein Land-Rover-Fahrer, der Robbenbabys erschlagen möchte.

Wer über den Klimawandel spricht, muss sich auch in Kapitalismuskritik üben

Helfen konnte mir kurzfristig der slowenische Philosoph Slavoj Zizek. Er beklagte sich darüber, dass sich das politische Subjekt heute über den Konsum konstituiere. Und er hat recht: Sag mir, was du dir kaufst, und ich sage dir, was du bist. Konsum macht frei und grün – wenn man das Geld hat: teuren, nachhaltigen Tomatenbrotaufstrich aus dem Bioladen. Eine Minergie-Eigentumswohnung in einer Minergie-Siedlung mit Recycling-Kübel, Kompost, Velounterstand und freundlicher, wohlhabender, grüner Nachbarschaft. Da werden keine Sozialhilfe empfangenden Umweltsünder mit Budget-Cervelats auf dem Gasgrill die grüne Idylle stören. Verteuert das Fleisch! Soll der Pöbel doch Kuchen essen, während die Umweltretter in einem Nose-to-Tail-Zwischennutzung-Restaurant eine Wollsau verspeisen.

Und dann kamen sie doch noch: Die Klimaaktivisten, welche Zizek beherzigen und die Logik des Konsums hinterfragen. Wer über den Klimawandel spricht, muss sich auch in Kapitalismuskritik üben. Mancher Bürgerliche wittert schon das Schreckgespenst des ­Sozialismus. Dabei ist es nur konsequent, die fürs Klima schädlichen negativen Mechanismen des Kapitalismus zu thematisieren. Ich hatte die Hoffnung, dass nun generell mehr auf dieser zugegeben abstrakten, strukturellen Ebene diskutiert und die Verantwortung nicht über sozialen Druck auf das einzelne Individuum abgewälzt wird.

Grün und Braun gehen halt nach wie vor gut zusammen

Die Individualisierung der Klimadebatte treibt absurde Blüten. Das weiss jeder, der sich über den Mittag in der Stadt ernähren muss: Die Menschen, die aus diesen abwaschbaren Hundenäpfen essen und dabei glauben, die Welt zu retten. Das ist nicht grün. Das bringt dem Klima nichts. Das ist würdelos.

Gespannt befasste ich mich also mit den Organisationen, die sich mit den grossen Zusammenhängen befassen, Utopien entwickeln. Doch rasch kam die Enttäuschung. In diesen Bewegungen mischen sich links-grüne Esoteriker mit Ökorassisten und völkischen Naturschwärmern zu einer Querfront, in der sich links und rechts zu einer sektiererischen, menschenverachtenden Sarin-Wolke zusammenbrauen. Und als ehemaliger Aktivist bleibt mir eine Gewissheit bestehen: In jeder Massenbewegung gibt es zu viele faschistoide Spinner, die zu viel Aufmerksamkeit und Fans erhalten. Tja, Grün und Braun gehen halt nach wie vor gut zusammen.

Angewidert, enttäuscht und müde lasse ich mich in meinen Kunstledersessel fallen und denke an die treffende Parole, die ich bei einem alten Freund auf Facebook las: resigniert und trotzdem da – depressive Antifa. Um mich aufzumuntern, höre ich Musik. Rapper Fatoni weiss, dass Veganer mit ihrem Mandelmilchkonsum das Bienensterben fördern.

2020 ist ein Wahljahr. Ich werde mich wieder auf Smartvote durch die politischen Fragen klicken, mir meine Wahlempfehlung anzeigen lassen. Es werden wohl wieder die jungen Grünen sein. Gefolgt von den Juso. Und dann werde ich mich für eine kurze Zeit wieder 16 Jahre alt fühlen, als ich zwar ein naives Weltbild, aber immerhin noch den Überblick hatte.

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