Widerspruch, Streit, das freie Wort

Worauf kommt es an, wenn man eine Zeitung macht? Was ich von Hubacher (und Blocher) gelernt habe.

Schreiben, was niemand hören will. Helmut Hubacher (r.) und Markus Somm am diesjährigen Redaktionsfest der Basler Zeitung im August.

Schreiben, was niemand hören will. Helmut Hubacher (r.) und Markus Somm am diesjährigen Redaktionsfest der Basler Zeitung im August.

Markus Somm@sonntagszeitung

Helmut Hubacher stand kurz vor seinem Rücktritt aus dem Nationalrat, als ihn Hans-Peter Platz, der damalige Chefredaktor der Basler Zeitung, fragte, ob er nicht eine Kolumne für dieses Blatt schreiben möchte. Hubacher war überrascht, denn jahrzehntelang hatte er in Basel als scharfer Hund gegolten, als Bürgerschreck, der den Bürgerlichen auf die Nerven ging, was sich auch in der seinerzeit eher bürgerlichen Basler Zeitung ausdrückte. Selten war der Sozialdemokrat hier mit Samtpfoten gestreichelt worden. Warum ich, warum jetzt? Hans-Peter Platz, so erinnert sich Hubacher heute, entgegnete ihm: «Solange Sie noch Nationalrat waren, ging das nicht. Dann hätte ich nämlich alle fünf Parteipräsidenten der Schweiz berücksichtigen müssen, und dann hätte ich fünf Kolumnisten bekommen, von denen vier nicht schreiben können!» Hubacher, Präsident der SP, war auch Chefredaktor der Basler AZ gewesen. Dass er glänzend zu formulieren verstand, hatten seine Gegner oft genug – und bitter erfahren müssen.

Wochen vergingen. Hubacher hörte von nichts und stellte sich bereits darauf ein, dass Platz vielleicht zu viel versprochen hatte, bis man sich von Neuem zufällig im Zug traf. «Das mit der Kolumne gilt übrigens!», rief ihm Platz beim Vorbeigehen zu. «Teilen Sie mir einfach mit, ob Sie jede Woche, alle zwei oder gar nur einmal im Monat schreiben möchten.» Platz hielt Wort, und seither, seit Anfang 1998, hat Helmut Hubacher in der BaZ jede Woche eine der besten Kolumnen des Landes verfasst – so gut wie nie fiel eine aus. Alle Nachfolger von Platz haben seine Kolumne beibehalten, und als ich 2010 als Chefredaktor nach Basel kam, sagte ich Hubacher, als wir uns zu einem Mittagessen in der Kunsthalle zusammensetzten: «Ich hoffe, dass Sie noch lange leben! Damit wir Ihre Kolumne nie beenden müssen.» Auch Hubacher hat in dieser Hinsicht Wort gehalten, inzwischen zählt er 92 Jahre, und als wir uns vor Kurzem wieder in der Kunsthalle trafen, sprühte er vor Lebenslust und geistiger Frische, sodass ich wusste, warum seine Kolumne selbst meinen Leitartikel in der BaZ überleben dürfte. Um Jahrzehnte, hoffentlich.

Insgesamt hat Hubacher über tausend dieser manchmal angriffigen, häufig klugen, immer interessanten Kolumnen für die BaZ beigesteuert. Hinzu kamen zahlreiche Texte, oft längeren Ausmasses, die er uns meistens schickte, ohne dass wir danach gefragt hätten, die uns aber stets willkommen waren. Sie trafen am Aeschenplatz ein, wie kein anderer Text mehr: Sorgfältig mit der Schreibmaschine auf Papier gebracht, mit der exakt richtigen Spaltenlänge, wie das zu Zeiten des Bleisatzes üblich war, krochen sie jeweils aus der letzten Fax-Maschine der Redaktion. Und wir tippten sie von Hand in den Computer ab. Wenn ein Journalist weiss, was eine Geschichte ist, und Hubacher hatte dafür ein untrügliches Gespür, dann sind seine Texte gefragt und aktuell – der Journalist kann hundert Jahre alt werden. Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich bei Helmut Hubacher bedanken. Es bedeutete ein Privileg, einen so guten Autor zu publizieren.

Kritiker und ihre Kritiker

Von Hubacher konnte man auch anderes lernen. So etwa die Tatsache, dass gute Journalisten nur so lange gut sind, wie sie sich trauen, das zu schreiben, was niemand hören will – um eine alte Erkenntnis von George Orwell heranzuziehen, dem grossen britischen Schriftsteller. Dabei lauern die schlimmsten Gegner der Pressefreiheit oft in den eigenen Reihen. Sind es heute meistens die Kollegen auf der Redaktion, die dafür sorgen, dass der eine oder andere Journalist es sich zwei Mal überlegt, ob er einen Artikel verfasst, der der Haltung der nicht so schweigsamen Mehrheit in der Redaktion widerspricht, so war es im Fall von Hubacher die eigene Partei, die SP, die sich als Linienrichter der politischen Korrektheit betätigte – ausgerechnet die SP. Hubacher, ich habe es erwähnt, wirkte seit den 1960er-Jahren für etliche Zeit als Chefredaktor der Basler AZ, dem offiziellen Parteiblatt der SP in Basel.

Wer meint, in der Linken, zumal der sozialdemokratischen, hätte die innere Pressefreiheit einen hohen Stellenwert genossen, also in jenem Milieu, das dem bürgerlichen Staat regelmässig Repression und autoritäre Neigungen vorwarf, irrt sich. Gewiss, beliebt machte sich Hubacher nie in bürgerlichen Kreisen, und kein Unternehmer hätte freiwillig ein Inserat bezahlt in der AZ, doch von Interventionen des bürgerlichen, angeblich so intoleranten Staates hat mir Hubacher nie berichtet, von Versuchen anderer Kreise, ihn zu kujonieren, dagegen oft. Es war damals den Gewaltigen in der Sozialdemokratischen Partei gar nicht geläufig, dass ein Journalist, selbst wenn er ein tadelloser Linker war wie Hubacher, auch noch schreiben durfte, was er wollte.

Von der intoleranten Partei ausgeschlossen

Max Wullschleger sass von 1956 bis 1976 für die SP im Regierungsrat von Basel-Stadt. Irgendwann war er als Baudirektor zum Schluss gekommen, dass für das Bürgerspital ein weiteres Gebäude zu errichten sei, was Baudirektoren, ganz gleich welcher Couleur, ja leicht einzufallen pflegt, weil Baudirektoren – bauen. Alles war sorgfältig eingefädelt, und Wullschleger, der im Kopf wohl schon den Beton mischte und sich auf die Bulldozer freute, hatte bloss noch eine Volksabstimmung zu gewinnen – wäre da nicht dieser junge, wilde, vorlaute Redaktor in der Basler AZ gewesen, der in diesen frühen Sechzigerjahren zu einer Karriere ansetzte, die ihn am Ende zu einem der bekanntesten Politiker der Schweiz machen sollte. Ein scharfer Hund namens Hubacher. In einem Kommentar traute sich dieser Hubacher, Sinn und Zweck eines neuen Baus für das Bürgerspital infrage zu stellen – nein, er ging so weit, den Bau in Bausch und Bogen abzulehnen.

Als Wullschleger am Morgen das las, dürfte er mehr als einen Kamillentee nötig gehabt haben, um sich zu beruhigen, stattdessen griff er zum Telefon, rief den Hubacher an und stauchte ihn von A bis Z zusammen: Was ihm eigentlich einfalle? Ihn, den Baudirektor der SP, zu kritisieren, er sei ein «frecher Siech», und überhaupt, das müsse vor den Parteivorstand, wo Hubacher, das erwartete Wullschleger wohl, sich bei ihm zu entschuldigen, den Artikel zu verdammen und sich von sich selbst zu distanzieren hatte. Dass Wullschleger in dieser Hinsicht, was Schauprozesse anbelangte, einschlägige Erfahrungen gesammelt hatte, mag vielleicht mitgespielt haben: In seiner Jugend war er ein führender Kommunist gewesen, etliche Jahre war er gar im Politbüro der KP gesessen, bis ihn die aus Prinzip intolerante Partei ausgeschlossen hatte.

Hubacher, nicht faul, gab zurück, er lasse sich das nicht bieten. Wie sonst könne er denn eine gute Zeitung machen, wenn die Regierungsräte der SP die Artikel quasi selber verfassten? Man traf sich vor dem Parteivorstand. Wullschleger drang nicht durch, vermutlich, weil Hubacher, der grosse Mann, einen zu breiten Rücken besass und genauso vorlaut sprach, wie er schrieb. Sicher half ihm auch, dass er in diesen Tagen in den Nationalrat nachgerückt war. So stand dem Regierungsrat nicht einfach ein Redaktorli gegenüber, den man nach Belieben zum Teufel jagen konnte, sondern immerhin ein Herr Nationalrat der SP. Die Volksabstimmung verlor Wullschleger. Die Bulldozer fuhren in seinen Träumen zurück ins Depot.

Wo hockt Gott?

Vielleicht lag es an diesen Erfahrungen – die Auseinandersetzung mit Wullschleger sollte nicht die einzige bleiben, die Chefredaktor Hubacher gegen die eigene Partei zu bestehen hatte –, dass Hubacher die BaZ, so wie wir sie seit 2010, seit ich die Chefredaktion übernommen hatte, ertrug, ja sogar schätzte, was er mir immer wieder zu verstehen gab und wie er es diese Woche in einem bemerkenswerten Artikel in der BaZ festhielt. Auch wenn er mit vielem nicht übereinstimmte, was wir schrieben oder wofür wir standen: Hubacher liebte den Widerspruch und wusste, dass niemand weiss, wo Gott hockt. Er gehört damit zu jenen Linken, die, so mein Eindruck, in der Schweiz immer seltener werden – und ich sage das als ehemaliger Linker. Wann immer wir uns trafen, es gab Streit, aber fruchtbaren. Es war dieses Anliegen, das wir teilten: innere und äussere Presse- und Meinungsfreiheit für alle, auch wenn es wehtut. Wer in der BaZ als Journalist arbeitet, muss damit leben können, dass der eigene Kollege neben ihm am nächsten Morgen das Gegenteil dessen schreibt, was er heute geschrieben hat. Er muss damit leben, dass jeder, den wir kritisieren, in unserer Zeitung das Wort bekommt, um sich zu wehren, seitenlang, wenn nötig.

Widerspruch, Streit, das freie Wort. Es gehört zu den grossen Ironien der jüngsten Schweizer Geschichte, dass wir diese aussergewöhnliche Pressefreiheit, die wir in der Basler Zeitung hochhielten, auch einem unserer Eigentümer verdankten, dem gerade die Linke in Basel das nie zugetraut hätte: Christoph Blocher. Er war einer der liberalsten Verleger, die ich je erlebt habe. Der Anruf aus Herrliberg fand immer wieder einmal statt. Nie aber redeten wir über den Inhalt in der Basler Zeitung. Der ehemalige Kommunist Wullschleger hätte vom angeblich so autoritären Volkstribunen Blocher noch manches lernen können.

Basler Zeitung

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