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Wer Tiere liebt, liebt auch Zoos

Zoologische Gärten sind unerlässlich, um in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für den Wert der Natur zu schaffen – und für deren Bedrohung durch den Menschen.

Die Gorilla-Dame Goma (rechts) kam 1959 im Basler Zolli zur Welt und lebte dort bis 2018. Sie war die erste Gorillageburt in einem europäischen Zoo. Foto: Zoo Basel
Die Gorilla-Dame Goma (rechts) kam 1959 im Basler Zolli zur Welt und lebte dort bis 2018. Sie war die erste Gorillageburt in einem europäischen Zoo. Foto: Zoo Basel

Vor gut sechzig Jahren, am 23. September 1959, entflammte die Liebe der Baslerinnen und Basler zu Goma, der ersten Gorillageburt in einem europäischen Zoo, erst der zweiten weltweit. Eine Sensation.

Weil man damals glaubte, dass das Gorillamädchen Goma von ihrer Mutter nicht richtig gepflegt werde, holten der damalige Zolli-Direktor Ernst Lang und seine Familie sie mit nach Hause und zogen sie wie ein eigenes Kind gross, fütterten sie wie ein Baby, assen mit ihr im Zolli-Restaurant und fuhren sie sogar im Opel Rekord in die Ferien ins Tessin.

Auch von Jane Goodall, einer Pionierin der Erforschung des Soziallebens von Tieren, sind zahlreiche berührende Erinnerungen überliefert. Die britische Verhaltensforscherin lebte viele Jahre im dichten Wald des Gombe-Stream-Nationalparks in Tansania unter Schimpansen und entwickelte in dieser Zeit enge Beziehungen zu rund fünfzig verschiedenen Affen.

Angelnder Schimpanse

Sie beobachtete unter anderem, wie der Schimpanse David Greybear beinahe eine Stunde lang mit einem Grashalm Termiten aus einem Bau angelte; dass Schimpansen wie die Menschen zum Gebrauch von Werkzeug fähig sind, war davor nicht bekannt gewesen.

Solche Erlebnisse und Schilderungen machen die grosse Trauer nach dem schrecklichen Brand im Affenhaus des Krefelder Zoos verständlich. Beim Unglück, verursacht durch eine sogenannte Himmelslaterne, starben in der Neujahrsnacht dreissig Tiere, darunter fünf Borneo-Orang-Utans, zwei Gorillas und ein junger Schimpanse.

Rainer Hagencord, der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie an der Hochschule in Münster, hält denn auch die intensive Trauer der Zoobesucher um die verbrannten Tiere «nicht für überzogen». «Ich würde sogar so weit gehen, dass diese Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Lebewesen einzugehen, uns erst zu Menschen macht», schreibt der katholische Priester und Zoologe. «Wenn wir erkennen, was wir mit Tieren gemeinsam haben, können wir besser verstehen, was wir Menschen untereinander gemeinsam haben.»

Zootiere sind oft Botschafter der Biodiversität, verdeutlichen die Schutzbedürftigkeit der Natur.

Ein Artikel in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» hebt zu Recht die überragende Rolle der Zoologischen Gärten für das Problembewusstsein hervor: «Zoos sind oft der einzige Ort, in der Städter Kontakt zu Tieren haben, sie sind umweltpädagogische Einrichtungen, sie dienen der Grundlagenforschung. Zootiere sind oft Botschafter der Biodiversität, verdeutlichen die Schutzbedürftigkeit der Natur.

Ohne Symboltiere lässt sich in der breiten Öffentlichkeit das Bewusstsein für Zusammenhänge und das dramatischen Ausmass der Artenausrottung durch den Menschen kaum schärfen. Gorilla und Orang-Utan stehen in dieser Logik für die Rettung des gesamten Ökosystems Regenwald.» (FAS, 5.1.2020)

Die Feststellung, eigentlich eine Binsenweisheit, ist notwendig, weil in Basel im vergangenen Jahr ein hitziger, weitgehend faktenfreier Streit um einen neuen «Tierknast» ausgefochten wurde. Nach der Krefelder Tragödie höhnte der Leserbriefschreiber M. T. in «BaZ online»: «Ohne Zoo wären diese Tiere vielleicht noch am Leben, zumindest nicht verbrannt.» Eine Mahnwache (!) vor dem Krefelder Zoo plakatierte: «Tiere sind nicht da, um uns zu unterhalten. Zoogefängnisse gehören abgeschafft.» Dummheit – auf Basler Niveau.

Die internationalen Zuchtprogramme der Zoos tragen entscheidend zum Artenschutz bei. Tatsächlich sind Zoos «eine moderne, global vernetzte Arche». In Europa existieren über 150 Programme für die Erhaltung von Vögeln, Amphibien, Reptilien, Fischen und Säugetieren. Der Zoo Basel führt selber die Zuchtprogramme von fünf Arten: Somali-Wildesel, Kleiner Kudu, Panzernashorn, Totenkopfäffchen, Zwergflusspferd.

Computer errechnen Verwandschaftsgrade

Im Zuchtbuch für Panzernashörner zum Beispiel werden weltweit alle in Zoos lebenden Individuen und ihre Daten registriert. Ein Computerprogramm errechnet die jeweiligen Verwandtschaftsgrade und Inzuchtskoeffizienten aller registrierten Tiere. Der Artkoordinator und der Zuchtbuchführer bestimmen über Tiertransfers oder die Zusammensetzung neuer Zuchtgruppen.

Das Panzernashorn, bedroht durch Bevölkerungsexplosion, verbunden mit Lebensraumzerstörung, Wilderei und Handel mit Horn, konnte durch diese wertvolle Arbeit der Zoos vor der endgültigen Ausrottung gerettet werden.

Ähnlich verhält es sich mit den Orang-Utans. Wenn es auf Borneo so weitergehe mit den Rodungen und dem illegalen Jagen, erklärt der Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms, dann seien die Orang-Utans in wenigen Jahren ausgerottet. Habe es vor 100 Jahren auf der Insel noch eine Million Tiere gegeben, seien es mittlerweile noch schätzungsweise 50'000.

Vielleicht führt die Katastrophe wenigstens dazu, mehr Empathie für die Tiere in freier Wildbahn zu entwickeln und auch das Verständnis für die Bedeutung unseres Zollis wieder zu stärken.

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