Was haben Gewerkschaften bloss gegen längere Öffnungszeiten?

Kommentar Markus Somm

Die Linke fordert mehr Kinderkrippen, ist aber gegen längeres Einkaufen am Wochenende. Vermissen Kinder ihr Mami am Samstag mehr als am Montag? Der Widerstand gegen länger Öffnungszeiten ist heuchlerisch – und gefährlich.

In allen Nachbarkantonen von Basel-Stadt kann man länger einkaufen: Auf dem Spiel stehen die Arbeitsplätze jener Leute, welche die Gewerkschaften zu vertreten vorgeben.

In allen Nachbarkantonen von Basel-Stadt kann man länger einkaufen: Auf dem Spiel stehen die Arbeitsplätze jener Leute, welche die Gewerkschaften zu vertreten vorgeben.

(Bild: Manuela Vonwiller)

Markus Somm@sonntagszeitung

Ob die Argumente für eine Sache stark oder schwach sind, erkennt man oft daran, in welchem Ton sie vorge­tragen werden. Es gilt: Je schriller und lauter sie klingen, desto weniger stichhaltig sind sie in der Substanz. ­Verzweifelte schreien – wer seiner Sache sicher ist, bleibt ruhig und höflich. Gemessen daran haben die Basler Gewerkschaften und ihre linken Verbündeten in der SP und bei den Grünen offensichtlich Mühe, gut zu begründen, warum sie in Basel gegen eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten um zwei Stunden am ­Samstag kämpfen.

Von «purem Hohn» spricht die Gewerkschaft Unia in einem Papier, wenn sie die Anliegen der ­Arbeitgeber beschreibt, oder von «knallhartem Konkurrenzkampf». Es wird unterstellt, es wird angeklagt: «Und alles nur, damit die grossen Detailhandelsgeschäfte am Samstag zwei Stunden länger Kasse machen können.»

Wem die Kasse klingelt

Dass die Verkäuferinnen, für die sich die Gewerkschaften angeblich einsetzen, vielleicht mit Freude die Kasse füllen, weil sie so ihren Lohn ­verdienen und ihren Arbeitsplatz erhalten – das kümmert die Gewerkschafter, die in ihren krisensicheren Büros Flugblätter verfassen, anscheinend weniger. Auf einem Plakat der SP sieht man eine sympathische Frau, die eher einer Künstlerin mit allen Freiheiten gleicht als einer Verkäuferin, die stundenlang an der Kasse sitzt, und über ihrem frohen Gesicht lese ich die Schlagzeile, gemalt in Kinderschrift: «Vermisst. Unser Mami muss am Samstag noch länger arbeiten.»

Nichts gegen ein gut verständliches, emotionales Plakat: Aber vielleicht möchte diese Frau genau am Samstag im Laden stehen, weil dann ihr Partner die Kinder betreuen kann? Und wie erklärt die gleiche Partei den Kindern, dass sie zur gleichen Zeit mit dem Familienartikel die flächendeckende Versorgung mit Krippen in die Verfassung ­schreiben lassen will? Nichts gegen Fremd­betreuung, nichts gegen Krippen: Aber auch hier vermissen die Kinder ihren Vater oder ihre Mutter – ob es nun Samstagabend ist oder Montagmorgen.

Viele Jobs in Gefahr

Gewiss, die meisten ziehen es vor, am Samstag einen heiteren Abend im Kreis der Familie oder mit Freunden zu verbringen – wenn auch bestimmt nicht alle. Das ist aber bloss die eine Seite. Ebenso viel liegt den meisten Menschen daran, eine Arbeit zu haben, damit sie ihr Leben finanzieren können, und darum geht es bei dieser Vorlage, über die Basel-Stadt am kommenden 3. März abstimmt. Um Arbeitsplätze in einer ­Branche dreht es sich, die Leuten eine Stelle bietet, die, wenn sie ihren Job einmal verlieren, nur schwer wieder einen solchen finden.

Der Basler Detailhandel ist tief verwundet. Der schwache Euro zieht die Geschäfte in den Abgrund. Ohne einen Einkaufpatriotismus ­verlangen zu wollen, muss man mit einer ge­­wissen Wehmut feststellen: Immer mehr Basler erliegen – etwas kurzsichtig – der Verlockung deutscher Läden und deutscher Preise. Wenn Dumping vorliegt, dann hier, wo nicht die mangelnde Qualität den Schweizer Unternehmen das Leben schwer macht, sondern eine tollkühne Gemeinschaftswährung aus dem fernen Frankfurt, die sich nicht bewährt.

Im Jammertal

Auf die Dauer hält das keine Branche aus, die so nah an der Grenze liegt. Allein die Migros, einer der Giganten am Platz, hat seit 2008 gut zehn ­Prozent ihres Umsatzes eingebüsst. Weil in keiner Branche Umsatz und Zahl der Stellen so eng zusammenhängen wie im Detailhandel, sah sich die Migros gezwungen, in der gleichen Zeit bereits mehr als 400 Stellen abzubauen. Derzeit beschäftigt sie in Basel noch 3000 Leute. Ob sie die verlorenen Jobs je wieder schaffen kann, steht in den Sternen. Nicht besser sieht es bei den Konkurrenten aus; noch schlimmer dürfte sich die Lage für die kleinen Geschäfte darstellen.

Deshalb ist es nicht bloss für die grossen Detailhändler, die angeblich so ausbeuterischen Riesenkonzerne, welche die Gewerkschaften nun mit klassenkämpferischen Parolen denunzieren, eine Frage von Sein oder Nichtsein: Auf dem Spiel stehen vielmehr die Arbeitsplätze jener Leute, welche die Gewerkschaften zu vertreten vor­geben. Zwischen 2010 und 2011 nahm der ­Einkaufstourismus im Raum Basel um mindestens 26 Prozent zu, wie die an der Grenze abge­stempelten Mehrwertsteuerformulare nahe legen. Wenn sich die Entwicklung der vergangenen Jahre fortsetzt, kann man sich leicht ausrechnen, was dies für die Basler Innenstadt-Geschäfte an Elend nach sich zieht.

Peanuts?

In Gefahr ist eine Branche, die heute im Kanton 10'000 Leute beschäftigt, – nur die Pharma­industrie und das Gesundheitswesen weisen mehr Angestellte auf (15'000 bzw. 14'000). Mit anderen Worten, wir reden hier von volkswirtschaftlichen Schwergewichten, die den Wohlstand dieser Stadt bestimmen. Wer die Misere des Basler Detailhandels lindern will, hofft auf die Erholung des Euro – inzwischen kann er aber auch mithelfen, wenigstens die ­Rahmenbedingungen der Branche zu verbessern. Basel-Stadt macht es seinen Geschäftsinhabern in der Innenstadt schwerer als nötig.

In allen Nachbarkantonen, ob im Aargau oder in Baselland, darf man länger einkaufen, und in Deutschland und Frankreich so gut wie unbegrenzt. In Deutschland ist es den Geschäften erlaubt, 24 Stunden am Tag offen zu halten, in Frankreich von 6 Uhr in der Früh bis 9 Uhr am Abend. Ob das einem Bedürfnis der Kunden entspricht, ob die Firmen wirklich sehr viel mehr Umsatz machen: Eigentlich müsste das niemanden kümmern. Die Unternehmen, die bei längeren Öffnungszeiten ja viel mehr Personal einstellen müssen, sind imstande, das selber zu kalkulieren. Dass sie in den meisten Fällen von den gebotenen Freiheiten Gebrauch machen, mag darauf hin­weisen, dass sich das Geschäft lohnt.

Unglaubwürdige Argumente

Umso erstaunter stelle ich fest, mit welcher Selbstsicherheit die Gewerkschaften sich für die besseren Geschäftsführer und tüchtigeren Buchhalter halten. So schreibt die Gewerkschaft Syna: «Durch längere Öffnungszeiten wird die Kaufkraft nicht grösser, und die Zahl der Konsumenten steigt deswegen ebenfalls nicht.» Also können die Firmen, die sich mit längeren Öffnungszeiten enorme Kosten auferlegen, indem sie zum Beispiel zwei Schichten statt einer einrichten müssen, einfach nicht rechnen? Das glauben die Gewerkschafter wohl selber nicht.

Was sehr viele Stimmbürger verunsichert, ist die Frage, ob man es den Verkäuferinnen, die ja beileibe keinen sehr hohen Lohn erzielen, zu­­muten darf, am Samstagabend zu arbeiten. Diese Sorge beruht oft auf einem Missverständnis. Viele glauben, es erhöhe sich damit die Wochen­arbeitszeit. Selbstverständlich ist das nicht der Fall. Neu ist bloss, dass jemand damit rechnen muss, am Samstagabend zwischen 18 und 20 Uhr eingesetzt zu werden. Niemand wird für den gleichen Lohn mehr arbeiten müssen. Gewiss sähen es manche Angestellte lieber, der längere Samstag käme nicht dazu – aber ob sie das auch wünschten zum Preis von Arbeitsplätzen? Kaum.

Wer vertritt wen?

Nichts zeigt vielleicht besser, was die Verkäufer­innen wirklich denken, als die Tatsache, dass fast niemand von ihnen Mitglied einer Gewerkschaft ist. Wäre ihnen der Widerstand gegen die ­Liberalisierung der Öffnungszeiten ein Anliegen, hätten sie sich längst diesen Organisationen an­­geschlossen, die seit Jahren kaum ein Thema so intensiv – und leider so erfolgreich – bewirtschaftet haben. Tatsächlich gehören in Basel-Stadt bloss ­ fünf bis sieben Prozent des gesamten Personal im Detailhandel einer Gewerkschaft an. Es ist eine Abstimmung mit den Füssen, welche die Gewerkschaften längst verloren haben. Sie vertreten eine kleine Minderheit.

Längere Öffnungszeiten sind kein Wundermittel, aber sie helfen dem Basler Detailhandel das Schlimmste zu überstehen. Die Lage ist ernst.

Basler Zeitung

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