Vorne «Schweinebucht», hinten «Nuttenbahnhof»

Über die Leiden der Anwohner an der Unteren Rebgasse und im Rappoltshof und das Auflaufen bei den Behörden.

Sauerei in der Parkplatzbucht. Extra-Reinigungsfahrt der städtischen Putzkolonne.

Sauerei in der Parkplatzbucht. Extra-Reinigungsfahrt der städtischen Putzkolonne.

Daniel Wahl

Aus der Reaktion von Heidi Gallinger, die mit 31 anderen Anwohnern unter dem Dauerlärm vor der Takeaway-Bude Star-Grill beim Kasernenplatz leidet, ist Konsternation und Resig­nation zu lesen: «Das ist die Antwort. Wir alle als Bewohner haben kein Recht auf Schlaf. Gruss H. G.» Beigelegt war der kurzen Protestnote ein Brief von Miranda Bettler. Sie ist im Baudepartement zuständig für Gastgewerbe-Bewilligungen.

«Kein Recht auf Schlaf?» Mit zwei lapidaren Sätzen schmettere die Chefbeamtin das Anliegen der Anwohner im Kleinbasel auf ein bisschen mehr Nachtruhe jüngst ab: «Die Konsultation unserer Akten zeigt auf, dass gestützt auf die Bestimmungen des Gastgewerbegesetzes zum jetzigen Zeitpunkt kein Handlungsbedarf besteht. Wir nehmen die Petition zur Kenntnis und legen sie in unsere Akten ab. Mit freundlichen Grüssen.» Vom Tisch gewischt war die Bitte der lärmgeplagten Anwohner um eine Verkürzung der Öffnungszeiten des Star-Grills.

Kaum eine Nacht durchgeschlafen

Kein Handlungsbedarf? Schon das Wochenmagazin Weltwoche berichtete, wie selektiv die Basler Chefbeamtin Lärmklagen behandelte. Es enthüllte vor ein paar Jahren, dass Miranda Bettler gratis im thailändischen Ferienhaus eines Basler Milieukönigs logieren durfte und dass das Amt jenem gastfreundlichen Wirt lästige Anwohner vom Hals hielt; man ging auf deren Lärmklagen einfach nicht ein. Sind da Parallelen?

Heidi Gallinger und andere Mitbewohner an der Unteren Rebgasse zwischen Kasernen- und Claraplatz schlafen in diesem Sommer kaum mehr durch. Der Star-Grill kann offen halten wie kaum eine Beiz in Basel. Während Tino Krattiger mit seinem Kulturfloss auf dem Rhein um 22 Uhr dichtmachen muss, darf der Laden in der Hand von Türken während sechs Tagen pro Woche von morgens um acht Uhr bis am anderen Morgen um fünf Uhr offen halten. Von Freitag auf Samstag sogar noch eine Stunde länger bis sechs Uhr.

Geschrei, Lärm, Abfall

Diese Sonderöffnungszeiten, die zu alledem ausserhalb der markierten Toleranzzone fürs Rotlichtmilieu liegen, ziehen nachts die geschätzten rund 300 Prostituierten aus der Ochsen- und der Webergasse an. Und mit ihnen Lärm, Geschrei und Drogendealer aus Afrika. Die Videos der Anwohner dokumentieren es.

Lärm und Geschrei: In der Nacht sind die Strassen im Kleinbasler Rotlichtmilieu laut.

Da wird gedealt, der Abfall auf den Boden geschmissen. Dazwischen die Tauben und ihr Kot. Da pinkelt die Kundschaft in die Eingänge. Man grölt und schreit bis in die Morgenstunden. Und nicht selten ist die Glastür des Star-Grills offen, die den Schall verstärkt und den Kundenlärm an die gegenüberliegende Hauswand wirft. In der Nacht auf gestern knallten die Bierflaschen über den Asphalt.

Am Morgen sieht es vor dem Geschäft aus wie auf einem Schlachtfeld. «Dann fährt die Stadtreinigung vor und putzt einzig vor dem Star-Grill den Dreck weg», sagt Heidi Gallinger. Anwohner Kurt Schudel stellt Videos zur Verfügung, die zeigen, wie die Putzkolonne aufmarschiert, beim Star-Grill wischt und verschwindet. Peter Wirz, Wortführer unter den Anwohnern, beobachtete regelmässig, wie eine Person aus der Take-away-Bude die Mistkübel auf die Strasse entleerte – unmittelbar bevor das Stadtreinigungsteam wie selbstverständlich vorfährt und die Sauerei wegfegt. Als «Schweinebucht» bezeichnen Betroffene darum die Stelle.

Die Stadtreinigung kümmert sich extra um die Schweinerei vor dem Stargrill.

Dass der Star-Grill eine Sonderreinigung erfährt, wie es die Anwohner beobachten, stellt Dominik Egli, Leiter der Stadtreinigung, in Abrede: «Unsere Aufgabe ist es, die Stadt sauber zu halten. Wir räumen weg, was wir an­treffen.» Man fahre täglich zweimal vor, von einer Sonderreinigung sei nicht zu sprechen. Punkt. Fragen zu Kosten und zum Star-Grill – ob dieser etwas für die Sauerei seiner Kundschaft bezahlt – werden nicht beantwortet. In Kombination mit der Antwort von Miranda Bettler haben die Anwohner den Eindruck gewonnen, die Behörden hätten sich auf die Seite dieses Pöbels geschlagen.

Beobachtungen und Erlebnisse gibt es viele. Da ist Anwohner Peter Kessler. Er müsse seit geraumer Zeit sein 15-jähriges Gottenkind beim Wettsteinschulhaus abholen. «Seit ihr die Schwarzen nachlaufen und sie bedrängen, hat sie Angst», erklärt er. Die Polizei holen? «Hoffnungslos», sagt er.

Drogendepots im Vorgarten

Vor dem Rappoltshof, in dem Kessler wohnt, wurden – offenbar auf Empfehlung der Polizei – die Sträucher niedergemäht. Nicht um einen ge­pfleg­teren Vorgarten zu präsentieren. Schwarze hatten dort ihre Drogendepots. «Jetzt müssen wir unsere Vorgärten anpassen. So haben sich die Zeiten geändert», bemerkt Kessler trocken. Vor sechs Jahren sei noch alles anders gewesen.

«Ich wohne im dritten Stock; es ist megalaut. Schon vor dem Hauseingang werden wir von der Star-Grill-Kundschaft angestresst», sagt ein Coiffeur. Aber die Reklamation über den Lärm der Beiz dringt beim Baudepartement nicht durch. «Der Betrieb ist nach heutiger Praxis als bewilligungsfähig und standortverträglich einzustufen.

Dreck und Lärm frühmorgens vor dem Stargrill.

Sexarbeiterinnen und Freier dürfen sich verköstigen, wann und wo sie wollen», schreibt Sprecher Marc Keller auf Anfrage. «Offenbar müssen wir das Anstressen, das Wildpinkeln, den Lärm ertragen», kommentieren Anwohner die Antwort.

«Müssen wir uns einfach arrangieren?», fragt sich Anwohner Kurt Schudel. «Wenn wir die Polizei rufen, kommen sie gar nicht oder wenn, dann viel zu spät.» Unlängst, so erzählt er, habe er wieder einmal zum Hörer gegriffen und Drogendealer verpfiffen. «Als mir die Polizei bestätigte, dass sie eine Patrouille aufgeboten haben, vergingen keine zwei Minuten. Da fuhr ein schwarzes Taxi vor. Der Fahrer signalisierte den schwarzen Dealern, sofort zu verschwinden», sagt Schudel.

Als die Polizei eintraf, waren alle weg, und der Eventmanager bei der Crossklinik kam sich doof vor. «So glaubt die Polizei, ich selber mache Lärm für nichts. Aber ich bin überzeugt, dass die ein Informationsleck haben», schliesst Schudel. Drohungen auf dem Parkplatz

Auch bei ihm macht sich Resignation breit. Als ein «Familien-Mitglied» aus dem Star-Grill in einer Weise seinen Privatparkplatz hinter der Liegenschaft beanspruchte, sodass ihm angst und bange wurde, hat Schudel keine Strafanzeige mehr eingereicht. «‹Du ziehst bis Ende Monat aus oder du lebst nicht mehr›, hat er mir gesagt. Aber wie soll ich diese Drohung beweisen?»

Ohnehin hätten ihm Polizisten mitgeteilt, dass sie «nichts machen können», sagt Schudel. Und Peter Wirz ergänzt: «Man sagte uns, ihr müsst es eben dem Amt für Gastgewerbe melden.» Aber dort sitzt Miranda Bettler, die «keinen Handlungsbedarf» sieht.

Nun gut, Schudel und Wirz leben noch immer – und noch immer an der Unteren Rebgasse. Das ist nicht bei allen der Fall. Markus Hermann, Immobilienbewirtschafter bei Welinvest, betreut erst seit anderthalb Jahren eine Liegenschaft in der Zone, verzeichnet aber bereits Mieter, die wegen des Lärms weggezogen sind. «Momentan bahnt sich ein neues Themenfeld im Restaurant Schimmel an. Da wird regelmässig bei verschlossenen Läden ‹überhockt›, wie mir meine Mieter erzählen.» Die afrikanische Kundschaft würde dann in den Morgenstunden die Beiz mit grossem Lärm verlassen.

Belästigt fühlt man sich beim Rappoltshof aber vor allem wegen des «Nuttenbahnhofs», wie die Umladestelle von Prostituierten genannt wird. In den Morgenstunden fährt regelmässig ein Van mit deutschen Kennzeichen vor und liefert «Frischfleisch» an, wie die Frauen – meist aus Ungarn angeschleppt – von Anwohnern be­zeichnet werden. Zigmal wurde die Polizei gerufen. Gefruchtet hat es nicht. Ein Video zeigt, wie eine Patrouille vorfährt, ein Polizist steigt gemütlich aus, alleine, während das Polizeiauto davonfährt. Der Beamte spricht ein wenig mit den Prostituierten. Dann bricht die Aufnahme ab. Der Polizist sei dann dem Auto nachgelaufen, eingestiegen und weggefahren. «Das ist einfach keine Kontrolle», sagt Peter Wirz.

Eine Patrouille fährt, ein Polizist steigt gemütlich aus und spricht ein wenig mit den Prostituierten.

Erst nachdem die Anwohner den Ombudsmann eingeschaltet hatten, sei es zu einer ernsthafteren Auseinandersetzung mit dem Thema «Nuttenbahnhof» gekommen, sagt Wirz: Dann wurde in der Strasse ein gelber Strich – ein Halteverbot – angebracht. Nun hätte die Polizei die Möglichkeit, zwar nicht den Lärm, aber ein Verkehrsdelikt zu ahnden und den haltenden Prostituierten-Lieferanten zu büssen. «Aber sie machen einen Bogen darum herum. Die erste Person, die hätte gebüsst werden sollen, war unsere Frau mit dem Rollator aus dem dritten Stock, die dort tagsüber aus dem Auto gestiegen ist», sagt Wirz. Immerhin habe dann der junge Polizist eingelenkt und die Busse nicht ausgesprochen.

Mafiöses System?

Ladenbesitzer haben Wirz auch darauf aufmerksam gemacht, wie im letzten Herbst Kehrichtmänner – angeblich bei der Stadtreinigung angestellte Eritreer – Mülleimer und Abfallsäcke am Nachmittag direkt aus den Geschäften von Türken und Syrern mitnahmen. Es waren keine blauen Bebbi-Säcke. Weil er Verdacht schöpfte, die ausländischen Kehrichtmänner würden nach mafiösem System die Abfallgebühren selber einsacken, orientierte Wirz die Stadtreinigung.

Deren Leiter Dominik Egli will selbst nach internen Abklärungen nichts von dieser Geschichte wissen, wie er der BaZ antwortet. Das hat den Zorn von Peter Wirz geweckt. In einem Brief vom vergangenen Freitag, der vorliegt, beschreibt der Betroffene detailliert, wie er bei der Stadtreinigung telefonisch verbunden wurde und wie man sich des Eritreer-Problems angenom- men habe. «Beliefern Sie die BaZ mit Fake-News-Antworten», bittet er Egli um eine Stellungnahme.

Für die Betroffenen vor Ort sind die Reaktion der Stadtreinigung und das Antwortschreiben Bettlers die neusten Belege dafür, dass die Wohnbevöl­kerung nicht ernst genommen wird und Probleme ignoriert werden.

Basler Zeitung

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