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Unter Männern

Was der Stadtpräsident als Befreiungsschlag erleben mag, ist schon jetzt ein Pyrrhussieg. Das öffentliche Feedback ist vernichtend.

Die Beziehung zwischen Guy Morin (Bild) und Thomas Kessler soll nicht immer einfach gewesen sein.
Die Beziehung zwischen Guy Morin (Bild) und Thomas Kessler soll nicht immer einfach gewesen sein.
Georgios Kefalas, Keystone

«Es ist eine verrückte Welt», sagt der römische Offizier Messala zu seinem Jugendfreund. «Aber etwas Gutes gibt es in ihr doch: die Treue alter Freunde.» Dieses hehre Bekenntnis stammt aus dem Film «Ben Hur» von William Wyler. Es ist vorher und nachher vielfach wiederholt worden, in grossartigen Western wie «Who Shot Liberty Valance» mit James Stewart und John Wayne, in dem Klassiker «Casablanca» oder in «Butch Cassidy And Sundance Kid» mit Robert Redford und Paul Newman, in vielen Streifen der Zwanziger- und Dreissigerjahre wie zum Beispiel «Die drei von der Tankstelle» oder diversen Verfilmungen von Jugendbüchern Erich Kästners und nach dem Zweiten Weltkrieg massenwirksam in den populären Darstellungen von Winnetou und Old Shatterhand: Männer, die heroisch zusammenhalten, die miteinander durch dick und dünn gehen, die unverbrüchlich Seite an Seite stehen.

Doch diese Bilder entsprechen der Wirklichkeit nur sehr bedingt. «Von Beginn, vom ersten Händedruck an», notiert Perry Garfinkel in einer der ganz wenigen empirischen Untersuchungen über Männerwelten, «ist die Begegnung von zwei Männern eine Konfrontation, ein Kräftemessen.» Wenn in der männlichen Sozialisation Leistung und Erfolg so sehr im Vordergrund stehen, ist das ein guter Boden für Kampf und Konkurrenz, aber nicht für Freundschaft und männliche Unter­stützung.

Rivalität gehört zum Mann-Sein

Männer sind potenzielle Gegner und ganz häufig auch faktische. Das beginnt früh. Es sind die Botschaften der Eltern, die Verkündigungen der Medien und die Forderungen der Kameraden in der «peer group». Jungen pinkeln nicht einfach, sondern veranstalten Wettpinkeln. Jungen können nicht einfach lernen, sondern werden gezwungen, das gegeneinander zu tun.

Einiges an diesen Ritualen hat sich geändert; doch das Prinzip ist geblieben: Konkurrenz statt Kooperation. Die Lektion wird verinnerlicht und auch in der Freizeit umgesetzt. Beim Fussball-, Handball- oder Basketballspiel wählen die beiden Besten ihre Mannschaften; mit roten Köpfen und nassen Händen wartet man, bis man aufgerufen wird. Für die Vorletzten und Letzten wird es peinlich. Erwachsene Männer fragen bei Festen und Partys die anderen Männer, was sie machen; gemeint ist der Beruf. Frauen unterhalten sich einfach und amüsieren sich zumeist.

Männerfreundschaften sind eine Seltenheit

Auf die Frage nach dem besten Freund erhielt Perry Garfinkel Antworten wie: «meine Frau», «meine Freundin», «John Wayne», «Robert De Niro» und einige nannten sogar eine bestimmte Bank, weil die mit dem Slogan warb, «der beste Freund des Kunden» zu sein. Das ist nicht wirklich lustig. Sämtliche Berichte, die es zum Thema der Männerfreundschaft gibt, weisen aus, dass es sich dabei um ein überaus rares Phänomen handelt. Männer bleiben letztendlich einsame Wölfe, auch wenn sie untereinander sind – immer auf der Hut, den potenziellen Konkurrenten misstrauisch beäugend.

Wir haben eine aktuelle Illustration des Themas in Basel: Der Stadtpräsident entlässt kurz vor seinem politischen Abgang seinen Stadtentwickler. Die Beziehung war wohl von Anfang an schwierig. Auch nicht weiter verwunderlich bei dieser Konstellation: Auf der einen Seite die Macht, auf der anderen wohl eher die Begabung plus ein Stück Widersinn und Originalität. Der eine locker, der andere steif; der eine gebildet, der andere verwechselt Verdi mit Mozart; der eine charismatisch (mit der Gefahr des Blenders), der andere bieder.

In allerletzter Minute dann die Lösung des Konflikts – fast panisch. Doch was der Stadtpräsident als Befreiungsschlag erleben mag, ist schon jetzt ein Pyrrhussieg. Das öffentliche Feedback von links bis rechts ist vernichtend. So kann man denn auch selber das eigene politische Erbe vermasseln – aber gross war es ja eh nicht.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie, Gutachter des Europarates für Männerfragen und Autor des Sachbuchs «Was vom Manne übrig blieb. Das missachtete Geschlecht» (2012).

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