Universitäts-Professoren sind tief besorgt

Mangelnde Französisch-Kenntnisse der Gymnasial-Schüler schrecken Sprach-Wissenschaftler auf.

Solange das Frühfranzösisch gesetzlich festgelegt sei, müsse auf das Lehrmittel Mille Feuilles verzichtet werden, sagt Daniel Goepfert (SP), ehemaliger Französisch-Gymnasiallehrer.

Solange das Frühfranzösisch gesetzlich festgelegt sei, müsse auf das Lehrmittel Mille Feuilles verzichtet werden, sagt Daniel Goepfert (SP), ehemaliger Französisch-Gymnasiallehrer.

(Bild: Daniel Desborough)

Die Uni-Professoren sorgen sich wegen der mangelnden Französisch-Kenntnisse der Schüler. «Das beunruhigt uns sehr, denn es bedeutet, dass die in der Sek II gesetzten Lernziele nicht erreicht werden können, wenn gleichzeitig ein zweijähriger Lernrückstand aufgeholt werden muss», steht in einem Brief, gezeichnet von den Professoren Lorenza Mondada, Hugues Marchal und Dominique Brancher. Sie haben ihn im Februar an das Erziehungsdepartement gesandt.

Die von den Reformen betroffenen Schüler würden mit diesem schlechten Wissensstand kaum mehr die Möglichkeit haben, an frankophonen Unis zu studieren oder ein Französisch-Studium an der Uni Basel zu beginnen.

Baselland zieht Konsequenzen

Das Passepartout-Projekt, seit August 2011 in Kraft, hat zur Folge, dass viele Kinder noch nach zwei, drei Jahren Französisch-Unterricht Schwierigkeiten mit dem Sprechen und der Grammatik haben. Unterrichtet wird in der Primarstufe mit Mille feuilles und in der Sekundarstufe mit Clin d’oeil. Diese Lehrmittel seien absolut ungeeignet, argumentieren Lehrer. Aufgrund des massiven Widerstands hat die Baselbieter Regierung eingelenkt und gibt die Wahl des Lehrmittels frei.

Im Kanton Solothurn müssen nicht mehr alle Lehrer Weiterbildungen dazu besuchen und es sollen alternative Lehrmittel gesucht werden. Doch Basel-Stadt hält unvermindert am Passepartout-Projekt und an den dazugehörigen Lehrmitteln fest.

Ein neues Lehrmittel gebe immer zu Diskussionen Anlass. Das sei auch beim vorherigen Lehrmittel Bonne Chance so gewesen, sagt Simon Thiriet, Pressesprecher des Erziehungsdepartements. Ein allgemeines Missbehagen wegen Passepartout könne man nicht feststellen. Allerdings kommt auch er ins Sinnieren: «Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass der Austausch zwischen Sekundarschule und Gymnasium intensiviert werden kann», sagt Thiriet. Es befinde sich eine Expertengruppe aus Lehrpersonen im Aufbau. Diese solle zentrale Themen wie Hilfestellungen bearbeiten.

Probleme auf allen Ebenen

Neben den Professoren machen sich auch die Gymnasiallehrer, die ungenügend geschulte Schüler aus der Sekundarschule übernehmen müssen, Sorgen. Der BaZ wurde ein Protokoll der Fachkonferenz der Sekundarstufe, Fremdsprachen, zugespielt. Unter anderen stellte darin Marco Bischofsberger, Lehrer am Gymnasium Leonhard und zentraler Fachpräsident der Gymnasien, fest, dass er von vier Gymnasien unaufgefordert Rückmeldungen erhalten hat. «Es zeigen sich Probleme auf allen Ebenen: Schülerinnen und Schüler verstehen die Lehrpersonen nicht; mündlicher spontaner Austausch geht nicht; wenig Wortschatz ...» Die Gymnasial-Lehrer seien alarmiert, da sie im Französischunterricht momentan Basics repetieren müssen. Und sie hätten mit sehr verunsicherten Schülern zu tun.

Daniel Goepfert ist ehemaliger Französisch-Gymnasiallehrer und SP-Grossrat. «Eines gilt es zu sagen», sagt er. «Die Sek-I-Lehrer leisten gute, grosse Arbeit.» An der Misere mit den schlechten Französisch-Kenntnissen der Schüler seien sie nicht schuld.

Das Problem liege am Passepartout-Konzept, am Lehrmittel und an der frühen Einführung des Fachs Französisch. «Schon in der dritten Klasse mit Französisch zu beginnen und diese Stunden dann weiter oben im Wochenplan abzuzwacken geht gar nicht.» Das zweite Problem sei das Sprachenbad, das gar keines sei.

Auf Mille Feuilles verzichten

Mit zwei, drei Stunden Fremdsprachen-Unterricht pro Woche könne man nicht von einem Sprachenbad sprechen. Ein solches sei es erst, wenn ein Kind von früh bis spät von der Fremdsprache berieselt werde. «Ich kam im Alter von fünf Jahren von der Deutschschweiz nach Lausanne. Kein Mensch konnte Deutsch.» Das sei ein Sprachbad, doch das könne man mit zwei bis drei Stunden Französisch pro Woche nicht imitieren.

«Man darf sich ruhig eingestehen, wenn etwas falsch läuft», sagt er und spricht damit die Basler Behörden an. Vielleicht würde es seiner Meinung nach eher Sinn machen, mit der ersten Fremdsprache zuzuwarten und das Gewicht zunächst auf sattelfestes Erlernen der deutschen Sprache zu legen. «Gerade die Sek-I-Lehrer haben schon viel zu tun mit der Integration von Schülern, deren Muttersprache eine Fremdsprache ist», sagt er. Solange aber das Frühfranzösisch gesetzlich festgelegt sei, müsse auf das Lehrmittel Mille Feuilles verzichtet werden. Es habe die Schwäche, dass mit Originaltexten, also Texten aus französischen Zeitungen, gearbeitet wird. «Das ist vor allem für schwache Schüler ein grosses Problem.» Auch beinhalte es keine grammatikalischen Strukturen. «Ich weiss von Rückmeldungen, dass diejenigen, die jetzt ans Wirtschaftsgymnasium kommen, in der Regel keine Verben konjugieren können.» Und wenn sie die Konjugationen doch beherrschen würden, seien sie ihnen von ihren Lehrern heimlich beigebracht worden. Die alarmierenden Rückmeldungen der Gym-Lehrer kämen wenig überraschend, sagt der Baselbieter Fremdsprachenlehrer auf Sek-I-Stufe, Philipp Loretz: «Schon vor über einem Jahr bestätigten flächendeckende Hearings die seit Jahren geübte Kritik an Mille Feuilles und Clin d’oeil.» Kein aufbauender Alltagswortschatz; kein systematischer Aufbau von Strukturen, stattdessen oberflächliche Sight-Seeing-Didaktik, sei schon damals das Fazit gewesen.

Vorsichtig optimistisch

«Dass der Französischmisere auch auf der Gymnasialstufe kaum beizukommen ist, ist die logische Folge dieses verfehlten Fremdsprachenkonzepts», sagt Loretz, der auch Mitglied der Geschäftsleitung des Lehrerverbandes Baselland ist. Das Ausmass dieses realitätsfremden Konzepts sei jetzt eben, dass den jetzigen Gym-Schülern nach sieben Jahren Passepartout-Französisch elementare Basics beigebracht werden müssen. Auch er kommt zum selben Schluss wie die Professoren: In zweieinhalb Jahren werden sich die Unis unweigerlich mit angehenden Romanistik-Studenten konfrontiert sehen, die nicht über die für das Studium notwendigen Kompetenzen verfügen. «Studenten also, die nach elf Jahren Französischunterricht nicht studierfähig sind.» Vorsichtig optimistisch stimme ihn lediglich, dass die baselstädtischen Gymnasien jetzt gemeinsam mit der Uni Basel die Initiative ergriffen haben und die Situation mit Nachdruck zur Debatte stellen. Die vom Erziehungsdepartement aufgegleiste Arbeitsgruppe dürfte ein erster Schritt zu einer künftigen Lösung sein.

Basler Zeitung

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