Trotz guter Ausbildung kein Job

KV-Absolventen finden nach Lehrabschluss nur schwer eine Anstellung – Betroffene erzählen.

Aussen vor gelassen. Alexandra im Innenhof ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte KV Basel. Wie viele Absolventen hatte sie Mühe bei der Stellensuche.

Aussen vor gelassen. Alexandra im Innenhof ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte KV Basel. Wie viele Absolventen hatte sie Mühe bei der Stellensuche.

(Bild: Christian Jaeggi)

Nach der Lehre keinen Job zu finden: Das ist die Horrorvorstellung eines jeden Lehrlings. Für die 20-jährige Alexandra aus Tenniken wurde diese Vorstellung zur Realität. Nachdem sie letzten Juni die kaufmännische Lehre mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) im erweiterten Profil (E-Profil) absolviert hatte und mit einem Notenschnitt von 4,9 die Ausbildung abschloss, musste sie sich im August beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) anmelden.

Wie konnte das passieren? Alexandra fragte bei ihrem Lehrbetrieb bereits im September 2015 nach, ob sie nach dem Abschluss bleiben könne. Die Antwort erhielt die Tennikerin erst im Mai 2016 mit ihrem Arbeitszeugnis. Darin wurde sie informiert, dass man keine Stelle für sie habe. «Ein persönliches Gespräch hatte ich nie. Ich wurde einfach per Brief abgefertigt», erinnert sich Alexandra. Dadurch sah sie sich gezwungen, neben dem Prüfungsstress der letzten beiden Monate auch noch eine neue Stelle zu suchen.

150 Bewerbungen auf eine Stelle

Die Stellensuche gestaltet sich für Absolventen einer KV-Lehre indes schwierig, wie Michelle, ebenfalls seit Sommer 2016 ausgelernte Kauffrau, gegenüber der BaZ angibt. «Es heisst, dass für einen kaufmännischen Job rund 150 Bewerbungen eingehen», sagt Michelle. Jürg Schneider, Leiter der Hauptabteilung Betriebliche Ausbildung im Amt für Berufsbildung und Berufsberatung in Liestal, bestätigt diese Zahl. «Als wir eine KV-Stelle ausschrieben, erhielten wir rund 150 Bewerbungsschreiben.»

Von den insgesamt elf Absolventen in Alexandras Klasse konnten nur drei weiterhin für ihren bisherigen Lehrbetrieb arbeiten. Alle anderen mussten sich um einen anderen Job bemühen. Die meisten entschieden sich schliesslich für ein Praktikum, um nicht arbeitslos zu werden. Warum so viele ausgebildete Lehrlinge den Betrieb verlassen mussten, bleibt ungeklärt. Frank Linhart, Sprecher des Arbeitgeberverbandes Basel, betont, dass man in der Basler Wirtschaft ein Interesse daran habe, gutes Personal im Haus zu behalten. «Der eigene Nachwuchs kennt ja den Betrieb, somit macht es keinen Sinn, nach Externen zu suchen.»

Alexandras Betrieb sah das offenbar anders. Inzwischen ist die Tennikerin nach siebenmonatiger Suche anderweitig fündig geworden: Sie kann ab Mitte März bei einer Immobilienfirma eine Stelle antreten. Dieses halbe Jahr als Arbeitslose sei sehr hart gewesen, sagt Alexandra. Die vielen Absagen würden auf den Mut und auch auf die Motivation schlagen. Durch Vorschriften des RAV ist man als Arbeitslose verpflichtet, pro Monat acht Bewerbungen zu schreiben. «Ich habe monatlich 15 bis 20 Bewerbungen abgeschickt, das macht auf sieben Monate zwischen 100 und 120 Schreiben», rechnet die 20-Jährige vor. «Das Schlimmste für mich war, dass ich mich einfach für alles bewerben musste, auch für Dinge, die ich eigentlich gar nie machen wollte.» Sie habe sich bei einem Kiosk beworben, um dort ein paar Stunden pro Woche arbeiten zu können, doch auch diese Stelle sei ihr verwehrt geblieben. «Bekommt man nicht einmal die Jobs, die man gar nicht will, wird man nur noch unglücklicher und fragt sich, was man anders machen könnte», sagt Alexandra.

Berufserfahrung fehlt

Ein wenig mehr Glück hatte Kevin, der eine KV-Lehre im Detailhandel absolvierte. Seine Zeit ohne Anstellung beschränkte sich auf zwei Monate. Sein ehemaliger Arbeitgeber kommunizierte von Anfang an klar, dass man sich auf interne Stellen normal bewerben müsse. Neben dem Prüfungsstress blieb Kevin aber nicht viel Zeit, sich darum zu kümmern, und so stand er nach seiner Lehrabschlussprüfung, die er mit einer Gesamtnote von 4,7 bestand, ohne Arbeit da. Als KV-Absolvent habe er die Arbeitsmarktsituation als schwierig empfunden. «Das hat nicht an den offenen Stellen gelegen, davon gab es genug. Viel mehr fehlt den KV-Abgängern die Berufserfahrung oder die entsprechende Weiterbildung», ergänzt der 19-Jährige.

Für Stellen ohne diese spezifischen Anforderungen würden sich folglich sehr viele Interessenten bewerben. Ohne besonders gute Noten oder eine Weiterbildung sei es schwierig, sich von der Masse abzuheben, meint Kevin.

Viele Absolventen betroffen

Robert, der ebenfalls zum Kaufmann mit EFZ im E-Profil ausgebildet wurde, schloss mit einem Notenschnitt von 4,5 ab. Auch er konnte nach seiner Banklehre nicht im Betrieb bleiben, erfuhr dies jedoch erst kurz nach seiner Abschlussprüfung Ende Juni. So blieben ihm nur wenige Tage, um sich einen neuen Job zu suchen. Fünf Monate nach seinem Abschluss wurde Robert schliesslich eine neue Stelle angeboten.

Die vorgängigen Bewerbungen, die mit einem negativen Bescheid zurückkamen, enthielten allesamt die gleiche Begründung: zu wenig Berufserfahrung. «Da ich nicht so lange suchen musste, habe ich in dieser Zeit nie den Mut verloren, eine neue Anstellung zu finden», sagt Robert zu seiner damaligen Situation.

Zurzeit – rund fünf Monate vor Lehrbeginn – sind auf der Internetseite des «Lehrstellennachweises beider Basel» etwa 250 KV-Lehrstellen ausgeschrieben. Diese hohe Zahl wirft die Frage auf, warum jedes Jahr so viele Ausbildungsplätze im kaufmännischen Bereich angeboten werden. Jürg Schneider begründet diesen Umstand mit der guten Grundausbildung, die das KV biete. «Mit einer kaufmännischen Lehre macht man grundsätzlich nichts falsch, damit legt man eine gute Basis.» Jugendliche wüssten oft nicht genau, welchen Berufsweg sie einschlagen möchten, sagt Schneider. Das KV biete eine Ausbildung, die einem viele Richtungen offen lasse. Er räumt aber ein: «Unmittelbar nach der Lehre findet eine beachtliche Zahl an Absolventen keine Anstellung.» Gegen Ende desselben Jahres sehe die Situation aber bereits wieder besser aus, betont Schneider.

Behörden geben Entwarnung

Auch Simon Thiriet, Leiter Kommunikation des Erziehungsdepartements Basel-Stadt, gibt Entwarnung: «Es ist völlig normal, dass nach der Ausbildung nicht alle Lehrabsolventen eine Stelle im eigenen Betrieb finden. Hier beobachten wir keinen Trend in eine gewisse Richtung.» Es könne aber sein, dass gewissen Firmen die dreijährige Berufserfahrung zu wenig sei, sagt Thiriet. Es gebe aber auch Unternehmen, die sich regelrecht auf Lehrabgänger stürzen, da diese noch für den Betrieb formbar seien. Es fällt jedoch auf, dass sich das KV-Wesen der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit anpasst. Spontaneität und Flexibilität sind gefordert. Viele der Absolventen erhalten den Bescheid über ihre berufliche Zukunft im Lehrbetrieb erst kurz vor dem Lehrabschluss. Eine Schülerin des diesjährigen Abschlussjahrgangs am KV Basel berichtet, dass zum jetzigen Zeitpunkt erst zwei ihrer 21 Mitschüler wissen, ob sie im Betrieb bleiben können.

Basler Zeitung

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