Trotz Fahrverbot: Viele Autos in der Innenstadt

Seit vier Jahren ist die Kernzone der Stadt autofrei – gewissen Autofahrern ist das aber egal.

Verbot missachtet. Autos in der Stadthausgasse.

Verbot missachtet. Autos in der Stadthausgasse.

(Bild: Nicole Pont)

Martin Regenass

Vergangenen Freitag kurz nach 12 Uhr; das offene Fenster für die Zufahrt in die autofreie Innenstadt ist seit einer Stunde geschlossen. Trotzdem steht in der Falknerstrasse vor dem Skatergeschäft Doodah ein grauer Audi Kombi mit Baselland-Kennzeichen auf dem Trottoir parkiert. Eine gepflegte Dame steigt zu, bereit, davonzufahren.

«Ich parkiere ab und zu so, wenn ich in der Stadt zu tun habe», sagt die Oberwilerin. Ihr sei aber schon klar, dass die Innenstadt zu «gewissen Zeiten» autofrei sei. «Die Polizei kontrolliert hier aber nicht so häufig. Deshalb ist es jetzt Zeit, wegzufahren.»

Ein ähnliches Bild präsentiert sich wenig später vor dem Rathaus auf dem Marktplatz in der Begegnungszone, wo die Fussgänger Vortritt vor Velofahrern und Autofahrern geniessen. Ein Citroën mit Tessiner Nummer überquert den Platz in Richtung Schifflände. Auf Anfrage sagt der Fahrer auf Italienisch, dass er den Ausgang aus dieser Zone suche. «Ein Verbotssignal habe ich nicht gesehen.»

Er zeigt auf das Navigationssystem in der Mitte der Konsole. Das GPS habe ihn in die Stadt hineingelotst. Gleich hinter ihm naht ein Kastenwagen der Polizei. «Weiterfahren, weiterfahren», lässt sich ein Polizist über einen Lautsprecher verlauten und drängt den Tessiner dazu, den Ort zu verlassen. Ob der Südschweizer wegen seines Fahrfehlers eine Busse erhalten hat, wissen wir nicht.

Falschfahrer in Stadthausgasse

In der Stadthausgasse beim Finanzamt neben dem Storchenparking präsentieren sich um halb eins Falschfahrer fast im Minutentakt. Wären dort Polizisten postiert und würden Bussen für das Übertreten des Fahrverbots verteilen: Bei SP-Finanzdirektorin Eva Herzog, die ihr Büro oberhalb in dem Gebäude hat, würden die Kassen klingeln.

Allerdings kommen auch hier die meisten ungeschoren davon. Ein Automobilist mit Lörracher Kennzeichen wollte seinen Mercedes eigentlich im Storchenparking einstellen. Allerdings hätte er ein paar Minuten Schlange stehen müssen, denn das Parkhaus war am letzten Freitag zum Brechen voll. «Verbotsschild? Nein, das muss ich im Stress wohl übersehen haben», sagt der Mann und sucht den Ausgang aus der Fahrverbotszone gleich um die Ecke über die Eisengasse.

Ein Zürcher tut es ebenso. «Ich habe das Verbotsschild zwar gesehen, als ich aus dem Parkhaus gefahren bin, konnte dann allerdings nicht mehr wenden, weil zu viele Autos vor dem Parkhauseingang standen und die Strasse blockierten.» Er habe vor dem Stadthaus wenden und über die Spiegelgasse zurück in die für Autos erlaubte Zone fahren wollen.

Ein weiterer Baselbieter in einem Skoda gibt offen zu, sich nicht um das Zufahrtsverbot ab 11 Uhr zu kümmern. «Klar habe ich das Verbotsschild gesehen. Ich muss allerdings im Interdiscount ein grosses Paket abholen», sagt der Familienvater kurz nach 13 Uhr. Der Discounter liegt um die Ecke beim Marktplatz, gegenüber dem Globus.

Ein Mitarbeiter des Elektronik-Shops habe ihm gesagt, dass er kurzzeitig für den Güterumschlag zufahren könne. Bis 11 Uhr wäre das eigentlich erlaubt. Um 13 Uhr nicht mehr. Die Busse, falls es denn eine absetzen würde, übernimmt diese auch der Interdiscount? «Nein, die müsste ich dann selber bezahlen.» Sagts und ist ein paar Minuten später wieder aus der Zone raus. Auch er kam möglicherweise ohne Busse davon.

Weniger Bussen im 2017

Im Jahr 2017 verteilte die Kantonspolizei Basel-Stadt insgesamt 5126 Bussen in der autofreien Zone wegen des Fahrverbots. 2016 waren es 6101 und 2015, nach Einführung der autofreien Innenstadt Anfang Januar noch 8204 Ordnungsbussen. Wie viele es im abgelaufenen Jahr 2018 waren, dazu hätte die BaZ gerne ein Gespräch mit einem Vertreter der Kantonspolizei geführt.

Eine vor über zwei Wochen gestellte Anfrage beim Justiz- und Sicherheitsdepartement blieb aber bis heute unbeantwortet. Immerhin stellt ein Sprecher auf Nachfragen ein Gespräch für diese Woche in Aussicht.

Während der autofreien Zeit zwischen 11 und 17 Uhr präsentieren sich allerdings an diesem Freitag nach Mittag nicht nur wissentliche oder vermeintlich unwissentliche Falschfahrer. Auch ein Geschäftsinhaber, der bei der Schneidergasse einen Staubsauger auslädt, findet sich unter den Zufahrenden. «Wir besitzen eine Zufahrtsbewilligung, da wir einen Laden betreiben.»

Anwohner lobt Poller

Eine Bewilligung besitzt auch ein Anwohner weiter oben am Heuberg, nahe der einzigen Zufahrt zur Innenstadt beim Spalenberg, die mit Pollern abgesperrt ist. Geht es nach dem Regierungsrat, sollen sieben weitere Polleranlagen am Rande der autofreien Innenstadt für fast 2,5 Millionen Franken plus eine zentrale Steuereinheit gebaut werden – das könnte dann die in diesem Beitrag erwischten Falschfahrer von der autofreien Zone abhalten.

Nicht so Heuberg-Anwohner Sam. Er hat eine Bewilligung zum Zufahren und lobt das System mit den Pollern. «Ich kann hier mit meinem Badge jederzeit durch die Polleranlage ein- und ausfahren. Da ich Anwohner bin, habe ich kein Problem, eine Bewilligung zu erhalten.»

Das war noch vor vier Jahren, kurz nach der Einführung der autofreien Innenstadt, anders. Damals durfte sich eine andere Anwohnerin – sie wohnt am Nadelberg und hat kein eigenes Auto – am Abend von Bekannten nicht vor die Wohnung chauffieren lassen. Inzwischen ist das unter der Woche von 20 Uhr bis 11 Uhr und auch praktisch während des ganzen Wochenendes problemlos möglich. «Die Behörden haben unlogische Sachen korrigiert.»

Von einer «kulanten Bewilligungserteilung» durch die Polizei spricht Ueli Michel aus dem aargauischen Nusshof. Er macht mit seinem Lastwagen Spezialtransporte und räumte am Freitag die letzten Teile der Weihnachtsbuden auf dem Barfüsserplatz weg. «Ich habe mit einem Telefonanruf eine Zufahrtsbewilligung für meinen Auftraggeber, das Tiefbauamt, erhalten.» Das sei sehr «unbürokratisch» gegangen.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt