Titus Hell ist der Politfach-Gewinner

Ein Initiativkomitee erreicht, dass in den Basler Volksschulen «Politische Bildung» unterrichtet wird.

Susanne Signer, Conradin Cramer und Titus Hell informieren in der Holbein-Schule über die Neuerung im Stundenplan. Foto: Pino Covino

Susanne Signer, Conradin Cramer und Titus Hell informieren in der Holbein-Schule über die Neuerung im Stundenplan. Foto: Pino Covino

Franziska Laur

Zu dritt sitzen sie im Klassenzimmer 109 des Holbein-Gebäudes. Bildungsdirektor Conradin Cramer mit geschmeidiger Munterkeit, Erziehungsrätin Susanne Signer hochkonzentriert, Jungfreisinnigen-Präsident Titus Hell mit ernster Miene. Doch als Hell zu sprechen beginnt, lässt sich der Triumph aus seinen Worten herauslesen: «Wir sind stolz, es nach zwölf Jahren geschafft zu haben. Dieses Beispiel zeigt, das man auch als Jungpartei etwas bewegen kann.»

«Politische Bildung» wird ab kommendem Schuljahr 2020/21 neu in die Stundentafel aufgenommen. Damit sei es gelungen, mit den Jungfreisinnigen einen Kompromiss zu erreichen, sagte Cramer. Im Gegenzug ziehen sie die Volksinitiative zurück.

Vier Generationen von Präsidenten mussten ringen, vor einem Dutzend Jahren hatten die Jungfreisinnigen Basel-Stadt die Forderung lanciert. Unter Luca Urgese, Präsident von 2008 bis 2012, intensivierten sie die Bemühungen. Christoph Eymann, damals Erziehungsdirektor, hatte zwar Verständnis für die Forderung, sagte jedoch, das würde im Lehrplan 21 verankert. Das wurde es zwar, jedoch schwammig formuliert und unverbindlich.

Kragen geplatzt

Darauf platzte dem folgenden Präsidenten der Jungfreisinnigen, Carol Baltermia, der Kragen. Er und seine Mitstreiter lancierten 2016 die Volksinitiative «Ja zu einem Fach Politik», die mit 3120 Unterschriften zustande kam. Diese forderte mindestens ein Jahr politische Bildung in der obligatorischen Schulzeit. Dabei sollen den Schülern einmal pro Woche die Grundlagen des politischen Systems beigebracht werden. Ziel sei, dass die Jugendlichen sich eine eigene Meinung bilden können. Der Lehrplan 21 biete kaum Gelegenheit dazu, kritisierten die Jungfreisinnigen, die sich durch ihr Begehren nicht zuletzt auch eine höhere Wahl- und Stimmbeteiligung erhoffen.

Im vergangenen März wurde die Initiative im Grossen Rat behandelt. Dieser unterstützte sie entgegen der Empfehlung des Regierungsrats. Darauf kam endlich Bewegung in die Sache, es begannen die Verhandlungen.

Conradin Cramer spricht jetzt von einem gelungenen Kompromiss. Titus Hell bestätigt: «Die wesentlichen Forderungen unserer Initiative sind erfüllt. Die politische Bildung ist jetzt verbindlich in der kantonalen Stundentafel verankert.» Anstatt wie gefordert eine Stunde pro Woche über mindestens ein Schuljahr hinweg, sieht der Kompromiss vor, dass in der 10. und 11. Klasse eine halbe Stunde pro Woche Politik unterrichtet wird, dafür jedoch über zwei Schuljahre hinweg. Das ist in der Stundentafel unter den Fächern Deutsch sowie Räume, Zeiten, Gesellschaften verankert. Damit werden die Schüler also in den letzten zwei Volksschuljahren in den Genuss von politischer Bildung kommen. «Wir haben, was wir wollen», sagt Hell zufrieden.

Erziehungsrätin Susanne Signer erklärt, der Erziehungsrat habe die politische Bildung der Jungen stets als wichtiges Thema erachtet. «Die Frage war nur, wie umsetzen.» Man sei froh, dass man die jetzige, fächerübergreifende Lösung gefunden habe. Sie betont allerdings, dass es schon bisher politische Bildung gegeben habe, beispielsweise über die Formation von Klassenräten oder Schülerparlamenten. «Politische Bildung kann nicht in einer Stunde pro Woche gelernt werden, es ist ein Prozess», sagt sie.

Uneinig über das Wie

Auch Conradin Cramer sagt, dass schon früh eine grosse Einigkeit unter den verschiedenen Parteien bestanden habe, dieses Fach zu lancieren. «Wir waren uns über die Methode uneinig.» Und man habe recht lange gehabt, um aufeinander zuzukommen.

Angesichts dieser innigen Einhelligkeit erstaunt allerdings, dass es geschlagene zwölf Jahre gedauert hat, bis die Forderung endlich gesetzlich verankert ist. Eine schlüssige Antwort darauf gibt es nicht.

Doch Luca Urgese, heute Präsident der FDP und Grossrat, freut sich uneingeschränkt: «Ich bin hocherfreut, dass unsere Forderung nach so langer Zeit umgesetzt wurde. Das zeigt, dass es in der Politik viel Zeit und Geduld braucht. Es zeigt jedoch auch, dass sich etwas erreichen lässt.»

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