Superkräfte allein helfen jungen Familien nicht

Um Familie und Beruf vereinbaren zu können, braucht es weit mehr als nur einen Vaterschaftsurlaub: bezahlbare Kitas, moderne Arbeitsmodelle, mehr Teilzeitstellen.

Eine junge Familie an der Kinderfasnacht in Bern.

Eine junge Familie an der Kinderfasnacht in Bern.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Die Sommerferien stehen an. Ein Grund zur Freude, gewiss. Doch seit unser Sohn im Kindergarten ist, bedeuten Sommerferien und überhaupt Ferien für unsere Familie auch Stress. Mein Mann und ich sind beide berufstätig, er zu 100 Prozent, ich zu 80 mit einem Tag Homeoffice. Der Kleine ist an drei Tagen in der Woche jeweils ab Mittag in der Kita. Weil ich abends frühestens um halb acht zu Hause bin, holt ihn mein Mann nach Feierabend ab. Dafür steigt er jeden Morgen um 5.41 Uhr in den ersten direkten Zug nach Bern – je früher am Arbeitsplatz, desto früher wieder daheim. Grosseltern gibt es zwar, sie leben aber alle in Italien.

Wir sind ein perfekt eingespieltes, gut funktionierendes Team. Solange kein Zug ausfällt oder eben Schulferien sind. Dann sind wir als Familie gefordert. Wie flexibel sind wir? Wie flexibel können wir überhaupt sein? Kindergartenfreie Zeit bedeutet zusätzliche Fremdbetreuung, bedeutet wiederum zusätzliche Ausgaben. In unserem Fall würden zu den bestehenden monatlichen Kita-Fix­kosten von knapp 1000 Franken pro Woche noch 170 Franken dazukommen. Also versuchen wir, die Zusatzbetreuung möglichst zu umgehen, indem wir während dieser Zeit den Arbeitsrhythmus an unsere Situation anpassen: Wir arbeiten vermehrt abends und am Wochenende und ziehen unsere Überstunden ein. Vorausgesetzt, der Arbeitgeber macht mit, was nicht immer möglich ist.

Noch besser wäre, die neue Regelung würde nicht nur für das Staatspersonal gelten, sondern für alle.

Es ist ein Sondereffort, aber wir leisten ihn gerne. Ich liebe meinen Job, mein Mann liebt seinen und beide lieben wir unseren Sohn. Damit geht es uns wie vielen anderen berufstätigen Eltern in der Schweiz. Die alles geben, um Familie und Arbeit zu vereinbaren, dabei aber oft an ihre Grenzen stossen. Weil die Voraussetzungen dafür nicht gegeben, die Möglichkeiten begrenzt sind. Weil Gleichstellungs- und Familienpolitik nicht die Stärke der Schweiz sind.

Umso erfreulicher sind politische Erfolge wie derjenige, den die Grünen am Mittwoch in Basel-Stadt erzielt haben: zwanzig Tage bezahlter Vaterschaftsurlaub für Kantonsangestellte; doppelt so viel wie bisher. Das Geschäft wird nach der Stellungnahme der Regierung zwar erneut im Parlament beraten. Da die Befürworter klar in der Mehrheit sind, stehen die ­Chancen für einen verbindlichen definitiven Beschluss aber gut.

Noch besser wäre, die neue Regelung würde nicht nur für das Staatspersonal gelten, sondern für alle. Doch dies zu ändern, liegt nicht in der Kompetenz der Kantone. Elternurlaub ist Sache des Bundes, und dieser scheint alles andere als gewillt, die bestehende Praxis zu ändern. Zur hängigen Volksinitiative, die einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub für alle fordert, sagt der Bundesrat entschieden Nein. Selbst zwei Wochen sind ihm zu viel. Seine Überzeugung: 14 Wochen Mutterschaftsurlaub müssen reichen, mehr kann sich die Schweiz nicht leisten. 345 Tage reguläre Mindestzeit beim Militär sind für den Finanzhaushalt aber kein Problem.

Auch für die Einführung des Mutterschaftsurlaubs brauchte die Schweiz länger als alle anderen Länder in Europa. 

Eine ärgerliche, konservative Haltung, die die traditionellen Geschlechterrollen zementiert und den gesellschaftlichen Wandel ausblendet. Aber wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt wurde. Die Schweiz war damit eines der letzten europäischen Länder, die ihrer weiblichen Bevölkerung die vollen Bürgerrechte zugestanden. Bis die Frauen in allen Kantonen abstimmen und wählen konnten, vergingen noch weitere 20 Jahre. Im Kanton Appenzell Innerrhoden dauerte es sogar bis 1990. Auch für die Einführung des Mutterschaftsurlaubs brauchte die Schweiz länger als alle anderen Länder in Europa. Der Volksentscheid dazu fiel erst 2005, obwohl der Verfassungsauftrag an den Bund seit 1945 bestand.

Es lohnt sich aber, dranzubleiben – trotz Widerstand. Weiterzukämpfen, an allen Fronten. In den Gemeinden, in den Kantonen, auf Bundesebene. Für einen Vaterschaftsurlaub oder, noch besser: für mehr Elternzeit, die sich Mütter und Väter frei nach ihren Bedürfnissen einteilen können. Es muss nicht gleich auf Anhieb so viel sein wie in Schweden, wo Frauen und Männer, die ihre Erwerbstätigkeit aussetzen, um ihr Kind zu versorgen, für insgesamt 480 Tage Elterngeld beziehen können. Eine moderate Variante von zum Beispiel 38 Wochen, wie sie die Basler SP fordert, wäre indes ein guter Kompromiss. Und gemäss einer nicht repräsentativen Online-Umfrage der «Basler Zeitung» auch das bevorzugte Modell. Von 412 Teilnehmern (Stand gestern) haben 33 Prozent dafür gestimmt. 15 Prozent wollen hingegen den Status quo bewahren mit einem gesetzlichen Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen und ohne Vaterschaftsurlaub.

Es braucht auch mehr bezahlbare Kitas. Auch hier geht Basel-Stadt mit gutem Beispiel voran.

Die Elternzeit ist aber nur einer von mehreren anzustrebenden Punkten, um junge Familien zu unterstützen. Und um Frauen nach der Geburt ihrer Kinder einen einfacheren Wiedereinstieg in den Beruf zu ermöglichen. Es braucht auch mehr bezahlbare Kitas. Auch hier geht Basel-Stadt mit gutem Beispiel voran. Unlängst sprach sich der Grosse Rat bei der Revision des Kindertagesbetreuungsgesetzes für mehr finanzielle Mittel und Freiheiten aus. Ganz im Gegensatz zum Kanton Baselland, der diesbezüglich in der Steinzeit stehen geblieben ist. Es braucht mehr Tagesstrukturen an Schulen. Und mehr Unternehmen, die Teilzeitstellen anbieten. Auch für Männer. Je mehr sich ein Vater an der Familienarbeit beteiligt, desto mehr Freiraum entsteht für die Mutter, sich beruflich zu entwickeln. Kaderstellen sollen nicht mehr nur von Männern mit Vollzeitpensen besetzt werden. Zeitgemässe Modelle wie Jobsharing oder Homeoffice sind gefragt.

Es ist ein Umdenken nötig. Weg von den verkrusteten Strukturen, hin zu modernen Angeboten, die den flexiblen Lebensformen der jungen Generation gerecht werden. Es braucht keine Wohlfühloasen. Aber man soll sich bei der Arbeit wohlfühlen. Und sich auf die Ferien freuen können.

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