Basler Suchtexperte zu Botellones: „Die Empörung ist scheinheilig“

Heute macht sich die Basler Regierung Gedanken über den richtigen Umgang mit Botellones. Marc Flückiger, Leiter der Abteilung Jugend, Familie und Prävention, hält ein Verbot des öffentlichen Trinkgelages für falsch. Hier das ausführliche Interview.

Philipp Loser@philipploser

baz: Herr Flückiger, seit einigen Wochen überschlagen sich Medien und Behörden vor Empörung, wenn es ums Thema Botellón geht. Verstehen Sie die Aufregung?
MARC FLÜCKIGER: Ja und Nein. Junge Erwachsene begehen mit einem Botellón einen Tabubruch – hier kann ich die Empörung nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht teile. Die Fokussierung der Medien auf die Botellones als ‹Massenbesäufnisse› ist nicht zutreffend. Unter anderen Bezeichnungen gibt es laufend Veranstaltungen, an denen sich junge Menschen öffentlich treffen, um zu reden, um Spass zu haben, um Freunde zu treffen, um zu trinken. So gesehen ist ein Botellón nichts Neues.

Mit dem Unterschied, dass man sich über Botellones empört, über Anlässe wie ein Klosterbergfest aber nicht.
Die Anlässe selber unterscheiden sich tatsächlich nicht gross – es sind die gleichen Motive, warum man hingeht. Allerdings gibt es bei einem Klosterbergfest einen klaren Organisator; hinter dem Fest stehen bekannte und anerkannte Einwohner unserer Stadt. Bei einem Botellón gibt es keinen fassbaren Organisator.

Wenn ein anerkannter Einwohner ein Massenbesäufnis organisiert – und das ist das Klosterbergfest – wird es von der Gesellschaft akzeptiert. Wenn Jugendliche über das soziale Netzwerk «Facebook» zu einem Botellón aufrufen empören sich alle. Das ist doch Heuchelei.
Ja, es ist sehr scheinheilig. Findet der Umgang mit Suchtmitteln reglementiert und in einem bekannten Rahmen statt, ist er gesellschaftlich akzeptiert. Wenn der gleiche Umgang mit Suchtmitteln unter anderen Voraussetzungen stattfindet und nicht kontrollierbar ist, macht er Angst. Ausserdem funktioniert das Vorbild der Erwachsenen hier überhaupt nicht – Erwachsene sind unglaubwürdig, wenn es um Alkoholkonsum geht. An Festen wie beim Klosterberg sind es oft Erwachsene, die schwer alkoholisiert auffallen. Nicht Jugendliche.

Am Wochenende hat in Zürich der erste Botellón der Deutschschweiz stattgefunden. Was halten Sie als Präventionsfachmann davon?
Prävention hat nichts mit Botellones zu tun. Exzessiver Alkoholkonsum ist ein gesellschaftliches Problem. Das Grundproblem bei Alkoholmissbrauch: Die exzessiven Rauschtrinker werden immer jünger. Hier muss die Prävention ansetzen – nicht bei einem Botellón, der vor allem von jungen Erwachsenen und nicht von Kindern besucht wird.

Gleichzeitig zeigen Studien, dass Jugendliche immer weniger Alkohol trinken.
Das stimmt in absoluten Zahlen. Eine Zunahme gibt es allerdings bei den Rauschtrinkern, die etwa zehn Prozent aller Trinker ausmachen.

Warum muss sich der Staat überhaupt mit dieser Veranstaltung auseinandersetzen?
Die öffentliche Empörung ruft die Politik auf den Plan, man erwartet von ihr zu Recht, dass sie zu gesellschaftlichen Phänomenen Stellung bezieht. Ausserdem findet ein Botellón im öffentlichen Raum statt und tangiert die öffentliche Ordnung: Es entstehen unter Umständen massive Kosten für die öffentliche Hand.

Ist das nicht eine Prophezeiung, die sich selber erfüllt? Bevor nur ein Botellón auf Schweizer Boden stattgefunden hatte, war die Empörung riesig. Und die Jugendlichen damit quasi gezwungen, die Empörung der Erwachsenenen zu erfüllen.
Was war zuerst – das Huhn, das Ei? Sicher ist, dass die Medien eine enorme Rolle in der Entwicklung von Botellones in der Schweiz gespielt haben. Keine rühmliche Rolle. Je intensiver die Berichterstattung war, desto grösser das Interesse der Jugendlichen. Viele haben erst durch «20 Minuten» oder durch andere Zeitungen vom Botellón erfahren und sind darum hingegangen.

Auch der Staat hat keine besonders gute Rolle gespielt. In einem Interview bezeichnete die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer die Botellón -Teilnehmer als «krank im Hirn». Woher diese Hilflosigkeit?
Ich war entsetzt über die Äusserungen von Frau Maurer und halte sie im Zusammenhang mit einem Botellón nicht für adäquat. Die Verunsicherheit und Hilflosigkeit ist allerdings nachzuvollziehen. Die 68er tanzten nackt in Woodstock, in den 80ern strömten tausende Jugendliche in die autonomen Jugenzentren. Immer reagierten die Behörden zuerst empört und hilflos. Es ist das Privileg der Jugendlichen, das Establishment zu verunsichern. Das ist durchaus auch heilsam. Wir müssen nicht alles wissen, auf alles eine Antwort haben. Solche Bewegungen sind wichtig für das gesellschaftliche Lernen und beginnen meistens mit Hilflosigkeit.

Die Hilflosigkeit manifestiert sich im Umgang der Behörden mit dem Internetportal Facebook. Manchmal hat man das Gefühl, der Staat habe einfach schlicht keine Ahnung, was im Internet alles passiert.
Das gilt nicht für alle Behörden: Zu den Aufgaben unserer Fachstelle gehört es, gesellschaftliche Entwicklungen und Phänomene zu beobachten. Eine Regierung oder auch ein Parlament beschäftigt sich mit solchen Fragen erst, wenn sie eine politische Bedeutung erhalten. Was bei den Botellones geschehen ist.

Nicht nur die Regierungen sind überfordert, Eltern sind es auch. Was empfehlen Sie besorgten Eltern im Umgang mit Botellones?
Ich gehe nicht davon aus, dass Kinder an ein Botellón gehen. Facebook vernetzt eher junge Erwachsene – keine Kinder. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen stellen sich bei einem Botellón die gleichen Fragen, wie bei jedem Ausgehen: Wann kommst du heim? In was für einem Zustand? Hier braucht es eine Auseinandersetzung, sicher kein Verbot. Ein Verbot ist immer der einfachste Weg, sich einer Auseinandersetzung zu entziehen.

Verbote sind immer wieder zur Sprache gekommen, als die verschiedenen Stadtregierungen sich mit dem Thema befassten. Was empfehlen Sie dem Basler Regierungsrat in Sachen Botellón zu unternehmen?
Man kann die Welt nicht neu erfinden. Es gibt drei Varianten: Ein Verbot, begleitende Massnahmen oder einfach nichts tun und erst einschreiten, wenn die Polizei gerufen wird. Im Rahmen dieser Varianten wird der Regierungsrat diskutieren und sich eine Meinung bilden. Ich selber bin der Auffassung, dass ein Verbot der schlechteste Weg ist; auch wenn ich die Gründe für eine Verbotsforderung durchaus nachvollziehen kann. Ich glaube, es braucht Auseinandersetzung, es braucht Menschen vor Ort. Keine Polizisten, sondern Fachleute vom Kinder- und Jugendschutz. Denn wie bei anderen Veranstaltungen muss auch bei einem Botellón der Kinderschutz durchgesetzt werden. Und wahrscheinlich braucht es auch Präsenz, um die Emissionen wie Lärm oder Abfall im Griff zu behalten.

Mit dem Harassenlauf gibt es in der Region schon seit Längerem eine Art Botellón. Nach anfänglichen Verbotsforderungen haben sich Staat und Jugendliche aneinander gewöhnt – haben Sie im Hinblick auf den Basler Botellón bei den Baselbietern Nachhilfe geholt?
Wir verfolgen das natürlich intensiv. In der Zwischenzeit hat man beim Harassenlauf einen Modus Vivendi gefunden, mit dem beide Seiten leben können. Das dünkt mich sehr sinnvoll und pragmatisch.

Basler Zeitung

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